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Fortbildung

Fortbildungsangebote für Lehrkräfte auf dem Prüfstand

Immer mehr Regelschulen nehmen Kinder mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten auf. Doch inklusiver Unterricht ist für viele Lehrer Neuland und eine Fortbildung unumgänglich. Eine aktuelle Trendanalyse der Bertelsmann-Stiftung stellt vielen Qualifizierungsmaßnahmen ein schlechtes Zeugnis aus.

Fortbildung: Fortbildungsangebote für Lehrkräfte auf dem Prüfstand Fortbildung muss so angelegt sein, dass sie die Lehrkräfte langfristig begleitet © iStockphoto.com/filmfoto

Bezüglich der Inklusionsrate belegte Deutschland im Jahr 2012 den drittletzten Platz: Während im Jahr 2012 Spitzenreiter Island bei 96 Prozent lag, besuchte hierzulande gerade einmal jedes vierte Kind mit Förderbedarf eine Regelschule. (vgl. dazu: Pressemitteilung auf der Website „Aktion Mensch“) Doch „Deutschland will nun aufholen“, vermeldete SPIEGEL online am 11.01.2013: Die Kultusministerkonferenz erklärte Inklusion zum Thema 2013 und mahnte die Länder zur schnelleren Umsetzung.

Doch sind die Schulen gerüstet für den gemeinsamen Unterricht? Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert: „Es brennt hinten und vorn“, zitiert der SPIEGEL-Artikel eine Hamburger Lehrerin, sie und ihre Kollegen befürchteten, „den Kindern mit Förderbedarf nicht gerecht zu werden.“ (ebd.) Die wenigsten Lehrer haben während des Studiums gelernt, behinderte Schüler zu unterrichten. Und wie steht es mit berufsbegleitender Qualifikation? In vielen Schulen mit inklusivem Unterricht fehlt es an adäquaten Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte an der Regelschule. Beispiel Niedersachsen: Hier gibt es verteilt über zwei Schulhalbjahre drei Mal fünfeinhalb Tage. (vgl. dazu: Niedersächsischer Bildungsserver) Diese „Mini-Fortbildungen“ seien unter Lehrern „nicht beliebt und wenig zielführend“, sagt Norbert Grewe, Psychologieprofessor an der Hildesheimer Universität und Leiter der Beratungslehrerausbildung in Niedersachsen. (SPIEGEL online, Link s. o.) Denn es werde weder nach Fächern noch nach Behinderungen differenziert. Insgesamt seien die Pädagogen „hinterher (…) kaum schlauer“. (ebd.)

Trendanalyse: Das derzeitige Inklusions-Fortbildungsangebot für Lehrkräfte

Eine Studie von 2013 kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die beiden Inklusionsexperten Bettina Amrhein und Benjamin Badstieber von der Universität Köln untersuchten im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte. Dazu überprüften sie 775 Angebote in verschiedenen Bundesländern auf Nachhaltigkeit und Effektivität. Die Ergebnisse fassten sie in einer Trendanalyse (im Folgenden abgekürzt „TA“) zusammen, die „einen ersten Einblick in die derzeitige Entwicklung [2013]“ bietet, formulieren die Autoren vorsichtig. Die auf den ersten Blick große Stichprobe sei „nicht repräsentativ“ und erhebe aus drei Gründen „keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit“: (S. 9) In vielen Bundesländern befänden sich die Konzepte im Entwicklungsstadium und seien noch nicht zugänglich. Außerdem seien viele Angebote nur kurzzeitig abrufbar oder auch zu kurzlebig, um auf anhaltende Wirksamkeit überprüft werden zu können. Schließlich könnten viele der dezentral organisierten Angebote weder über eine Internetrecherche noch durch telefonische Nachfragen ermittelt werden.

Zu kurz, um nachhaltig zu wirken

Bei etwa der Hälfte der analysierten Maßnahmen fanden Amrhein und Badstieber Angaben zum zeitlichen Umfang. Das Spektrum reichte hierbei von 90-minütigen Informationsveranstaltungen bis zu „prozessbegleitenden Maßnahmen über zwei Jahre“. (TA, S. 11) Über 80 Prozent der Maßnahmen dauerten lediglich ein paar Stunden (42 Prozent) oder einen Tag (40 Prozent). 16 Prozent waren auf mehrere Tage hin angelegt, doch nur 2 (!) Prozent erstreckten sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten oder gar Jahren. Dieses Resultat verursacht bei den Autoren der Studie „Zweifel, ob die Mehrzahl der hier analysierten Maßnahmen den tief greifenden und umfassenden Professionalisierungsprozess im Bereich inklusiver Unterrichts-, Schul- und Personalentwicklung wirksam und nachhaltig voranbringen können“. (TA, S. 12)

Zudem handelte es sich überwiegend um singuläre Veranstaltungen: die Einzelmaßnahmen dominierten mit 90 Prozent. Auch dieser Befund ist bezüglich Wirksamkeit und Nachhaltigkeit „eher kritisch zu beurteilen“, so Amrhein und Badstieber. (TA, S. 12 f.)

Team(fort-)bildung? Kein Thema!

Erfolgreiche Inklusion ist nicht von einer einzelnen Lehrkraft zu stemmen. Das gesamte pädagogische Team sollte an einem Strang ziehen. Im Idealfall beziehen qualifizierende Maßnahmen deshalb das ganze Kollegium inklusive Schulleitung mit ein. Das war jedoch nur in 9 Prozent der Maßnahmen der Fall. Immerhin 15 Prozent der Angebote wandten sich an das gesamte pädagogische Personal. Doch 58 Prozent der Maßnahmen richteten sich ausschließlich an einzelne Lehrkräfte.
Inhaltlich spielen die Themenschwerpunkte Kooperation und Vernetzung ebenfalls eine untergeordnete Rolle: Nur 10 Prozent (70 von 700 Fortbildungen) widmen sich diesem zentralen Aspekt. Am stärksten vertreten ist das Thema „Implementierung von sonderpädagogischer Förderung in der Regelschule“ (45 Prozent), gefolgt von dem Themenschwerpunkt „Inklusive Unterrichtsentwicklung“ (Didaktik, Methodik, Leistungsbewertung, Fachspezifische Unterrichtsentwicklung), der 24 Prozent der betrachteten Maßnahmen bestimmte. Offensichtlich stehe also „die unmittelbare Umsetzung im Unterricht (…) im Vordergrund aktueller Konzepte“, resümieren die Autoren der Studie, während „Angebote im Bereich der Schulentwicklung“ (9 Prozent) und solche, „die sich mit der inklusiven Ausgestaltung des Ganztages oder der Einführung des Index für Inklusion als mittlerweile in Deutschland weit verbreiteten inklusiven Schulentwicklungsinstruments beschäftigen“, deutlich seltener zu finden seien. (TA, S. 19)  

Kriterien für nachhaltig wirksame Lehrerfortbildung

Wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, fruchten Fortbildungsmaßnahmen vor allem dann, wenn sie die Lehrkräfte mittel- bis langfristig begleiten und sowohl Austauschmöglichkeiten als auch individuelle Rückmeldungen vorsehen. Lehrkräfte sollten durch eine aktive Gestaltung in die Maßnahme eingebunden sein und eine „stützende Struktur“ mitnehmen. Besonders bedeutsam für die Erweiterung von Kompetenzen ist ein „Wechsel zwischen Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen“. (TA, S. 9) Auch sollte konkret vermittelt werden, „wie Veränderungsprozesse im eigenen Unterricht [der jeweiligen Lehrkraft] umgesetzt werden“ sollten.

Martina Niekrawietz

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