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Reformpädagogische Schulen

Freizeitanlagen und Lernateliers — Schulen als anregender Lernort

Kinder und Jugendliche verbringen heute die meiste Zeit des Tages in der Schule. So haben sie nur eingeschränkte Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und Erfahrungen zu sammeln. Die Schule als eine Art Gesellschaft im Kleinen muss hier einspringen. Zwei Reformpädagogische Schulen entwickeln neue Konzepte für den Lern- und Lebensort Schule.

Reformpädagogische Schulen: Freizeitanlagen und Lernateliers — Schulen als anregender Lernort Schüler gestalten ihren „Lebensort“ Schule, indem sie sich selbst um den Schulgarten kümmern © Wavebreakmedia Micro - Fotolia.com

Schule hat die Aufgabe — neben der Wissensvermittlung — Verhaltensweisen zu vermitteln, die von Bürgern in unserer Gesellschaft erwartet werden. Sie muss den „here-and-now-problems“ (v. Hentig  S. 13) der Schüler stattgeben, sie muss  Lebens- und Erfahrungsraum sein. Schule heute sollte eine Brücke zwischen Familie und den gesellschaftlichen Strukturen bauen.

Neben der Übertragung von Verantwortung, Beteiligung, Selbstbestimmung und Mitbestimmung spielt der äußere Rahmen, die Gestaltung eines „Lebensortes“ eine wichtige Rolle. Die Schulgestaltung ist eine Säule des reformpädagogischen Bildungskonzepts. Sie kann besonders das autonome Lernen fördern, wenn Kinder gern in die Schule gehen und sich wohlfühlen. Mit unseren in der Mehrzahl rein funktional gestalteten Schulen, die oft auch nicht in bestem Zustand sind, wird dies nur schwerlich gelingen.  

Schule als Lern- und Lebensort

Die Laborschule Bielefeld und die Freie Schule Anne-Sophie in Künzelsau (FSAS) sind zwei Beispiele für Reformschulen, die mit unterschiedlichen Konzepten ihre Schulen gestaltet haben, um in einer lernfreundlichen Umgebung die Lust der Kinder am Lernen zu fördern. Besonders die FSAS hat mit hohen finanziellen Aufwendungen eine Schullandschaft geschaffen, die fasziniert.

Die Laborschule hat eine ganz andere Gestaltung gewählt, die ebenso überzeugt. Es gibt viele Beispiele, wie der Leitgedanke „Schule als Lern- und Lebensort“ mit weniger finanziellem Aufwand umgesetzt werden kann.  So z. B. die Helene-Lange Schule in Wiesbaden, die aus einer herkömmlichen Schule durch Veränderung des Schulgebäudes — Schaffung einer Lernlandschaft durch eine besondere Raumgestaltung — eine lernfreundliche Atmosphäre schuf.

Die Laborschule Bielefeld

Die Laborschule Bielefeld wurde als staatliche Versuchsschule von Nordrhein-Westfalen an der Universität Bielefeld 1974 unter Leitung von Hartmut von Hentig gegründet. Sie ist integrierte Gesamt- und Ganztagsschule und UNESCO-Projektschule. Die Gründungsidee war, „ein Beobachtungs-, Erfahrungs- und Experimentierfeld für die Erziehungswissenschaften zu errichten (…) und eine Schule zu gründen, die den Kindern in unserer Zeit hilft, erwachsen zu werden“ (v. Hentig S. 7).

Anders als in herkömmlichen Schulen wurde ein Gebäude errichtet, das „offen, zugänglich und veränderbar, jedoch mit abgegrenzten, abschließbaren, unveränderlichen Teilen“ (v. Hentig S. 24 ff.) ist. Sie soll „Spielplatz und Studierklause, Fabrik und Theater, Versammlungsort und Magazin“ (ebd.) sein.

Literatur zum Thema:

Von Hentig, Hartmut: Die Bielefelder Laborschule — Aufgaben, Prinzipien, Einrichtungen. Bielefeld 1998

Röhrs, Hermann: Schulen der Reformpädagogik heute. Düsseldorf 1998

Röhrs, Hermann: Lernen-Lehren-Erziehen im Geiste der Reformpädagogik. Lüneburg 1998

Von der Groeben, Annemarie: Laborschule — Eine Vorstellung. Bielefeld 2002

Zu diesem „Lebensort“  gehören:

  • die Stammflächen für die Schüler
  • Holz-, Metall- und Tonwerkstätten
  • Foto- und Drucklabors
  • Projektflächen
  • Musik- und Kunsträume
  • Physik, Biologie und Chemielabore
  • Sporthallen
  • Waffelbuden und Teeküchen
  • eine Bibliothek
  • ein Schulgarten, ein Bauspielplatz und Spielflächen
  • die Mensa
  • ein Kleintierzoo (Kaninchen, Hamster, Vögle usw.)

Die Schule besteht aus zwei Häusern: Haus I für die 180 Schüler Stufe I (Jg. 0/Vorschule—2) und Haus II für die 480 Schüler Stufe II—IV (II Jg. 3—4, III Jg. 5—7), IV Jg. 8—10))  Das Oberstufen-Kolleg wird hier nicht berücksichtigt. Die Laborschule nimmt jedes Schuljahr 60 Schüler nach einem bestimmten Aufnahmeschlüssel auf:

  • 30 Jungen und 30 Mädchen
  • 60 % Kinder, deren Eltern keinen Abiturabschluss haben,
  • 40 % aus Familien, in der mindestens ein Elternteil einen Abiturabschluss hat,
  • Kinder mit Migrationshintergrund nach Bevölkerungsanteil.

Die Grundstruktur in den beiden Häusern ist jeweils ein Großraum für jede Stufe, der in Felder gegliedert  und von Galerien umgeben ist. Klassenräume gibt es keine, lediglich spezielle Areale für die sogenannten Stammgruppen. Es gibt keine Trennwände. Die jeweiligen Areale sind mit Möbeln, Regalen, Teppichen, Pflanzen, Bildern usw. ausgestattet, die die Schüler mitgebracht haben.

Es ist überraschend, welch ruhige und entspannte Atmosphäre in diesen Häusern herrscht. Die „diffuse Unruhe“, die dadurch entsteht, dass in den Häusern durch vielfältige Erledigungen (autonomes Lernen!) viel Bewegung ist, wirkt nicht störend, und wenn, dann sorgen die Schüler selbst für Ruhe. Die Schüler haben von Anfang an gelernt, „gemeinsame Güter wie Raum, Zeit und Stille vernünftig zu teilen“ (ebd. S. 25). Da es keine Wände gibt, erleben alle Altersstufen auch die anderen Schüler in diesem „Jugenddorf“ (ebd.) Diese Schule lebt.

Die Freie Schule Anne-Sophie (FSAS)

Die Freie Schule Anne-Sophie (FSAS) wurde als Privatschule 2006 von Bettina Würth in Künzelsau (Baden-Württemberg) mit dem Anliegen gegründet, eine „gute Schule für Kinder zu machen“. Ihre Leitlinie für die praktische pädagogische Arbeit: „Jedes Kind soll die FSAS als Gewinner verlassen“ (ebd.).

Die gewählte Architektur soll diese Anliegen unterstützen. „Ein Haus des Lernens soll ein Zuhause sein für gemeinsames, individuelles, zielorientiertes und entspanntes Lernen. Der Campus bietet somit eine moderne und lernfreundliche Umgebung, die die natürliche Lust der Kinder am Lernen fordert und fördert“ (ebd.) Die Schule soll ein Ort sein, an dem die Kinder gern lernen und leben. Die FSAS ist eine reformpädagogisch geprägte Ganztagsschule mit Vorschule, an der sämtliche Schulabschlüsse angeboten werden.

Die Schule finanziert sich weitgehend aus Mitteln der gemeinnützigen Stiftung der Firma Würth, aus staatlichen Zuschüssen, Spenden und Schulgeld.

Ein „Schuldorf“, das Lernimpulse gibt

Auch hier wurde nicht ein klassisches Schulgebäude errichtet, es handelt sich eher um ein „Schuldorf“. Das Gelände ist umzäunt, der Zugang erfolgt durch zwei Pforten, die rund um die Uhr besetzt sind. Alle Schüler („Lernpartner“), Lehrer („Lernbegleiter“) haben jederzeit, auch am Wochenende, Zugang.

Mittelpunkt ist das Zentralgebäude mit Schulleitung, Verwaltung, Bibliothek, Mensa, Aula usw. Auf dem Gelände sind verteilt die „Lernhäuser“, Funktionsräume, Schwimmbad, Turnhalle, Spielplätze, Projektionsanlagen, Gartenanlagen, Schreinerei, sonstige Werkstätten, Theater, Sprachbar  (nach Absprache darf dort nur Englisch, Französisch oder Spanisch gesprochen werden). Das gesamte Schulgelände mit allen Räumlichkeiten, Ausstattungen und Anlagen gehört als „gestaltete Umgebung“ zu den besonderen pädagogischen Leitlinien. Die gesamte moderne, sehr attraktive Anlage und auch die innenarchitektonische Ausgestaltung mit den je nach Funktion gewählten Formen, Baumaterialien, Textilien, Farben und Werkzeugen und Pflanzen sollen Lernimpulse geben und das Lernverhalten positiv beeinflussen.

Diese Pädagogik des „autonomen Lernens in gestalteter Umgebung“ wird von dem Schweizer Pädagogen Peter Fratton vertreten. Er gehört zu den renommiertesten Schulgründern und Schulinnovatoren In Europa. Er begleitete den Aufbau der FSAS in Künzelsau.

Das Konzept: Lernhaus mit Lernatelier für Lernfamilie

Das System der Lernhäuser geht auf Fratton zurück. Sein erstes „Haus des Lernens“  hat er 1980 in Romanshorn in der Schweiz gegründet.

Die „Lernhäuser“ sind Organisationseinheiten für jeweils Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II. Innerhalb der Schularten gibt es mehrere Lernhäuser.  Das Lernhaus ist der Ort, an dem „Lernpartner und Lernbegleiter zusammen leben und arbeiten“. Wobei hier „leben“ bedeutet:  gemeinsam den Schultag verbringen.

In  jedem Lernhaus gibt es sogenannte „Lernfamilien“, ca. 14 altersgemischte Schüler und ihre Lehrer. Jeder Schüler hat einen bestimmten Lehrer („Lerncoach“) als Ansprechpartner. „In den Lernteams werden Lehren, Lernen und Entwicklung zu einem gegenseitigen gemeinschaftlichen Prozess. Hierzu gehören auch die festen Bestandteile der Woche wie das Soziale Lernen und das gemeinsame Mittagessen“ (ebd.).  

Zentrum der Lernhäuser sind die „Lernateliers“. Dort lernt der Schüler in seinem, von ihm gewählten individuellen Lerntempo, begleitet von seinen Lehrern. „Dazu stehen entsprechende Medien und Lernmaterialien zu Verfügung. Direkt zugeordnet zum Lernatelier sind Gruppen-, Arbeits- und Versammlungsräume für gemeinsame Gespräche und Gruppenarbeiten“ (ebd.), ebenso auch Räume für Entspannung und Ruhephasen. Sowohl Schüler und Lehrer haben einen eigenen Arbeitsplatz.

Besonderen Wert wurde auch hier auf eine besondere innenarchitektonische Gestaltung gelegt, was die Konzentration der Schüler beim selbständigen Lernen fördern soll.

Beide Schulen legen von Anfang an größten Wert auf autonomes Lernen, Mitbestimmung, soziales Lernen und Bildungsvielfalt. Sie möchten den Kindern einen Ort bieten, an dem sie gern leben und lernen, an dem sie wichtige Erfahrungen machen können, an dem ihre Bedürfnisse wie Ruhe, Bewegung, Spiel, Gemeinsamkeit, Recht auf Selbstbestimmung usw. berücksichtigt wird. Wenn der Grundsatz „so viel Belehrung wie möglich durch Erfahrung ersetzen“ (v. Hentig S.20) ernst genommen wird, kann die Schule zum Lebensort werden.

 

Jürgen Meng

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