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Forschungsergebnisse

Gibt es den typischen Schulschwänzer?

Das Phänomen Schulabsentismus hat viele Facetten. Doch was sind das für Schüler, die dem Unterricht fernbleiben? Es gibt bestimmte Risikofaktoren und Warnsignale. Wer sie erkennt, kann frühzeitiger und effektiver intervenieren.

Forschungsergebnisse: Gibt es den typischen Schulschwänzer? Wenn Jugendliche der Schule fernbleiben, dann hat das viele Ursachen. Hier sollte man frühzeitig intervenieren © Karola Warsinsky - Fotolia.com

Der typische Schulschwänzer ist männlich, Hauptschüler, kommt aus einer Großstadt und hat einen Migrationshintergrund. — Richtig oder Vorurteil? Im Rahmen einer repräsentativen Studie (Baier, Pfeiffer, Simonson, Rabold, 2009, S. 76 ff.) ermittelte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen unter anderem, ob und wie häufig die befragten 44.610 Jugendlichen (Durchschnittsalter 15 Jahre) die Schule schwänzten.

Falsch ist demnach, dass signifikant mehr Jungen als Mädchen dem Unterricht fernbleiben: Mindestens einmal im vorangegangenen Schulhalbjahr hatten etwas mehr Mädchen geschwänzt (46,4 % gegenüber 43,2 % der Jungen). Bei den Mehrfachschwänzern (fünf und mehr unentschuldigte Fehltage) lagen die Jungen mit 13 Prozent nur leicht vor den Mädchen (11 %).

Tatsächlich spielte auch das Merkmal „Migrationshintergrund“ in dieser Studie eine wesentliche Rolle: Während „nur“ 9,2 Prozent der deutschen Schüler mehrfach unerlaubt dem Unterricht fernblieben, waren es bei Jugendlichen mit anderen Nationalitäten zwischen 13,2 und 24,4 Prozent. Eine Metastudie von 2007 war jedoch in diesem Punkt zu anderen Ergebnissen gekommen: „Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund zeigen (…) keine großen Unterschiede im Schwänzverhalten.“ (B. Weiß: „Wer schwänzt wie häufig die Schule?“, hier zitiert nach S. Overmann, M. K. List: „Schulabsentismus im Landkreis Osnarbrück“, S. 32)

In Großstädten schwänzten 16,1 Prozent der Schüler mehrfach, während es in Landkreisen 5 Prozent weniger waren. 20 Prozent der notorischen Schulschwänzer besuchten Hauptschulen, dicht gefolgt von Förderschulen (19 %), während Realschulen (9,2 %) und Gymnasien oder Waldorfschulen (7,3 %) am wenigsten Probleme mit unerlaubten Fehlzeiten hatten.

Schulverweigerung hat verschiedene Ursachen

Nicht nur personale, sondern auch soziale Einflussgrößen spielen bei der Entstehung von aktiver Schulverweigerung eine Rolle. Das Problem erklärt sich „nicht linear aus einer Ursache heraus (…), sondern es wirken zahlreiche Faktoren aufeinander“, betont der Erziehungswissenschaftler Dr. Thorsten Bührmann („Herausforderung Schulverweigerung“, Folie 12)

Auch Prof. Dr. Michael Wagner, der für die GEW-Stiftung „Verbreitung und Determinanten der Schulverweigerung in Köln“ untersucht hat, sieht Schulverweigerung „als Prozess (…), der auf den Einfluss verschiedener Ursachen zurückzuführen ist“. Er fasst die wissenschaftlich erforschten Merkmale und Konstellationen zusammen, die Schuleschwänzen wahrscheinlicher machen.

Natürlich werden die wenigsten Schüler von heute auf morgen zu Schulverweigern, sondern verabschieden sich langsam immer mehr aus dem schulischen Kontext: Zunehmendes, offenkundiges Desinteresse im Unterricht, temporäre Auszeiten, zum Beispiel wegen Übelkeit, oder bewusstes Provozieren von Auszeiten, permanentes Stören durch Zwischenfragen et cetera sind womöglich Verhaltensmuster im Vorfeld von Schulverweigerung

Gesicherte Risikofaktoren für Schuleschwänzen

  • Klassenjahrgang/Alter: Ab Klasse 6 steigen die Fehlquoten stark an. In den Jahrgängen 8 und 9 sind Höchstwerte zu verzeichnen. Allerdings ist dabei „von einer langfristigen Entwicklung auszugehen, die oft bereits in der Grundschule beginnt“. (Landkreis Osnarbrück: „Handreichung für Schulen zum Umgang mit Schulverweigerung“, S. 6)
  • Merkmale einer negativen Schulkarriere: Neben der „als niedrig qualifiziert eingestuften Schulform (Haupt- oder Sonderschule)“ sind Schulverweigerer oft auch durch „ein weiteres Leistungsdefizit gekennzeichnet“, so Michael Wagner in seiner Kölner Untersuchung, etwa durch Schulwechsel, Klassenwiederholung oder auch schlechte Schulnoten. (Link s. o., S. 11)
  • Auch Kontakte zu delinquenten Jugendlichen erhöhen erwiesenermaßen die Wahrscheinlichkeit für Schulschwänzen oder gar Schulverweigerung. Hier erweist sich eine effektive Intervention als besonders schwierig: Denn beispielsweise Sanktionen wegen Schulabsentismus verstärken häufig noch das Zusammengehörigkeitsgefühl und wirken einer Ablösung von der devianten Gruppe entgegen. (Vgl. dazu: Michael Wagner, Link s. o., S. 30)
  • Auch materielle Benachteiligung und Armut stellen „Risikomarker“ dar, da sowohl in der eigenen Familie als auch im sozialen Nahbereich Rollenvorbilder fehlen, die Arbeits- und Leistungsnormen vermitteln können. (ebd., S. 32)
  • Konflikte mit den Eltern, mangelnde Kontrolle oder auch Zurückweisung durch die Eltern erhöhen ebenfalls das Risiko für Schulverweigerung. (Ausführlich dazu: Michael Wagner, Link s. o., S. 12 ff.)
  • Besonders hohe Fehlquoten sind an Freitagen zu verzeichnen.

Unbedingte Voraussetzung für eine wirksame Intervention im schulischen Kontext ist es, sofort und konsequent auf unentschuldigtes Fehlen zu reagieren. Eine lückenlose Kontrolle bereitet jedoch hohen organisatorischen Aufwand, sodass manche Schulschwänzer lange unentdeckt bleiben: „Bis die Lehrer gemerkt haben, dass ich immer blau gemacht habe, hat das bestimmt ein ganzes Schuljahr gedauert“, zitiert Thorsten Bührmann einen Schüler („Herausforderung Schulverweigerung“, Folie 8). Ein erster Schritt im Kampf gegen die Schulverweigerung könnte es sein, die Absentenkontrolle in den Klassen 8 und 9 und an Freitagen zu intensivieren.

Martina Niekrawietz

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