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Belastungssituationen

Modell der kollegialen Fallberatung als effektive Lösungshilfe

Das Modell der kollegialen Fallberatung gibt Raum, sich in einem klar definierten Rahmen mit Kollegen über Probleme mit Schülern und Schule zu beraten und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Belastungssituationen: Modell der kollegialen Fallberatung als effektive Lösungshilfe Wenn das Kollegium einen Fall bespricht, sollte es streng nach den vorgegeben Schritten vorgehen © Rawpixel.com - Fotolia.com

„Ich weiß einfach nicht, was ich mit meinem Schüler xy noch machen soll. Jedes Mal tickt er aus, wenn ich …“, so beginnen viele Geschichten von Kollegen im Lehrerzimmer. Aus der persönlichen Not heraus suchen wir als Lehrkräfte immer schon nach Hilfe oder Tipps im Kollegenkreis. Dies kann informell zwischen zwei Tassen Kaffee passieren oder professionell auch in einem klar strukturierten Rahmen, wie ihn das Modell der kollegialen Fallberatung vorgibt.

Es wird schnell deutlich, dass der Austausch mit Kollegen abseits von Wettbewerb und Besserwisserei besonders gewinnbringend und hilfreich ist, wenn es darum geht, besondere Erziehungs- und Verhaltensschwierigkeiten zu analysieren und danach zu verändern. Die Fallberatung gibt genügend Raum, sich konzentriert und professionell über eine bestimmte, oft sehr persönliche Fragestellung auszutauschen. Sie schützt daher den Fallgeber davor, in eine unterlegene „Versager“-Rolle zu rutschen, sondern nutzt die professionellen Ressourcen einer ganzen Gruppe als Ideengeber für Neuansätze.

Mehrschrittig strukturierte Beratungsmodelle

Das sogenannte Heilsbronner Modell zur Fallberatung ist in den Jahren 1985/86 an der Fachhochschule für Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit München entwickelt worden und gibt einen zehnschrittigen, stark strukturierten Rahmen für den Ablauf vor. Dadurch sind Gruppen imstande, auch ohne einen Moderator von außen mit dem Modell zu arbeiten, sofern sie sich genau an die Schritte halten. Mit Einflüssen aus Supervision, Intervision und Beratung hat sich für unsere sonderpädagogische Praxis ein Beratungsmodell mit sieben Schritten herausgebildet, das dem ursprünglichen Modell nahe folgt.

Vorab sollte sichergestellt werden, dass das Gesprochene einer Fallberatung den geschützten Raum nicht verlässt und die Integrität aller Beiträge gewährleistet bleibt. Ebenfalls geklärt ist die Frage, wer die Moderation und damit Einhaltung der Schritte übernimmt. Der zeitliche Umfang kann ca. eine Stunde betragen, je nach Größe der Gruppe.

1. Fallvortrag: Beschreibung der Belastungssituation

Ein Teilnehmer stellt seinen Problemfall vor und schildert dabei eine Situation, ein Ereignis oder einen Anlass dessen, was zur persönlichen Belastung geführt hat. Er gibt dabei Einblick in die drei Aspekte: Was ist vorgefallen? Was ist in mir vorgegangen? Wie habe ich reagiert? Ziel hierbei ist die möglichst konkrete Situationsbeschreibung ohne Erklärungsversuch. Der Fallvortragende spricht allein, wird nicht unterbrochen, und es werden keine Zwischenfragen gestellt. Die Gruppe achtet auf den Inhalt, aber auch auf Körpersprache, Mimik, Tonfall usw. Jeder kann sich Notizen machen.

Weiterführende Hinweise:

Heilsbronner Modell zur Kollegialen Beratung

Ralf Zeitler: Kollegiale Fallberatung in der Schule. Mülheim an der Ruhr 2012

2. Nachfragen

Die Gruppenmitglieder haben nun die Gelegenheit, Informations- und Verständnisfragen zu stellen, um die Belastungssituation erlebnismäßig nachvollziehen zu können. Hier sollte keine Diskussion oder Erklärung erfolgen, es fragen nur die Berater. Wichtig hierbei ist, dass der Moderator darauf achtet, dass keine verkappten Lösungsmöglichkeiten oder Wertungen untergemischt werden.

3. Mutmaßungen über den belastenden Charakter der Situation

Die Mitglieder der Beratungsgruppe beschreiben ihre eigenen Vermutungen, die sich aus der beschriebenen Belastungssituationen für sie ergeben, z. B. „ Belastend an der Situation ist bestimmt, dass …“ Es erfolgt eine Rückmeldung an den Fallgeber, wie es den anderen mit seiner Schilderung geht und wie sie ihn erlebt haben. Der Fallgeber nimmt dazu zunächst keine Stellung, sondern gibt erst am Ende der Phase bekannt, was für ihn zutreffen könnte.

Dieser Schritt stellt wieder Anforderungen an den Moderator, keine Begründungen, Verteidigungen oder Diskussionen zuzulassen. Die Gruppenmitglieder erarbeiten gemeinsam, welche subjektiven Ansprüche in der Belastungssituation vorhanden sind. Sie konkretisieren, welche Umstände daran hindern, diese Ansprüche zu erfüllen. Dies kann in der Person selbst, in der Situation oder in weiteren Rahmenbedingungen/anderen Personen liegen. Ziel ist das Herausschälen des belastenden Gehaltes.

4. Suche nach Bewältigungs- und Veränderungsmöglichkeiten/Lösungsideen

Der Fallgeber hält sich hier besonders zurück, hört zu und konzentriert sich ganz darauf, was die Gruppenmitglieder ihm an Ideen mitgeben können. Diese Phase ist besonders wichtig für den Erfolg der Fallberatung, da hier die Expertise aller Mitglieder zum Einsatz kommt. Es sollte unbedingt vermieden werden, hier mit Sätzen wie „das kenn ich schon, das war bei mir so und so …“ zu argumentieren (hierfür gibt es Schritt 7). In einem Brainstorming dürfen zunächst alle Ideen benannt werden („Ich würde …“). Der Moderator kann dies per Kartenabfrage steuern. Der Fallgeber hört sich ohne Einwürfe oder Ablehnung alles an.

5. Gesamtlösung

Der Moderator gibt dann anhand aller gesammelten Ergebnisse eine Struktur für eine mögliche Gesamtlösung bzw. für wichtige Lösungsstrategien vor. Er ordnet, gewichtet und strukturiert die Ergebnisse, kann evtl. noch Impulse einstreuen.

6. Abschließende Beurteilung

Nun äußert sich der Fallgeber zu den gesammelten Vorschlägen der Gruppe. Er spiegelt, was bei ihm angekommen ist, was er davon nutzen möchte, was er verwerfen wird und wie es ihm nun mit der Fallberatung geht. Auch der Fallgeber sollte hier Bewertungen von Ideen vermeiden. Der Moderator wartet ab, bis der Fallgeber signalisiert, wann er fertig ist.

7. Transfer und Meta-Ebene/Verallgemeinerung

Erst an dieser Stelle bringen alle Fallberater und evtl. auch der Moderator selbst eigene Erfahrungen mit ähnlichen Situationen ein, falls vorhanden. Dies verdeutlicht, dass der Fallgeber nicht allein dasteht. Außerdem hat jeder Teilnehmer die Gelegenheit, eigene innere Beteiligung auszuleben, die durch den Fall ausgelöst oder erinnert wird. Der Fallgeber hat Gelegenheit, sich für die Beratung zu bedanken und Rückmeldung an die anderen zu geben. Er reflektiert, was gut war, was ihn evtl. noch stört oder welchen Wunsch er noch hat. Danach wird die Fallberatung vom Moderator offiziell beendet.

Durch die klare Struktur der vorgegebenen Schritte wird bei dieser Form der Fallberatung eine wirkliche Orientierung und saubere Kommunikation hin zum Fallgeber ermöglicht. Der Moderator stellt einen geordneten Ablauf sicher, sodass der Fallgeber sich als Ratsuchender und nicht als Hilfebedürftiger fühlen darf. Wenn ein Kollege mit einer Problemstellung nach außen tritt, so sucht er echte Beratung, weniger eine Belehrung. Dies zu gewährleisten vermag das Modell der kollegialen Fallberatung sehr gut.

Claudia Omonsky

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