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Männer an Grundschulen

Rent a Teacherman

An 17 von 70 Bremer Grundschulen gibt es keine einzige männliche Lehrkraft. Immer mehr Jungen bleiben in Kindergarten und Schule ohne männliche Vorbilder. Das Projekt „Männer in die Grundschule“ will diese Situation ändern. Mit Imagekampagnen und guten Ideen. Ein Projekt: der gemietete Lehrer. Lehramtsstudenten unterrichten und leiten AGs an männerlosen Schulen.

Männer an Grundschulen: Rent a Teacherman Nicht nur Grundschüler sind begeistert, wenn sie auch männliche Ansprechpartner in der Schule haben © Christian Schwier - Fotolia.com

„Was machst Du denn hier?“, fragt eine Zweitklässlerin erstaunt, als sie Tim Grossmann sieht. „Ich unterrichte bei euch, weil ich auch mal Grundschullehrer werden will“, antwortet der Student. „Das heißt nicht Grundschullehrer, das heißt GrundschullehrerIN“, korrigiert ihn die Schülerin, denn Männer unterrichten an ihrer Grundschule nicht.

Studenten wie Tim wollen das ändern und dabei fühlt man sich gelegentlich „wie ein bunter Hund“, erzählt er. „Rent a Teacherman“ heißt das Projekt, das seit drei Jahren erfolgreich an Bremer Grundschulen läuft.

Tim Grossmann und neun andere Kollegen gehen für jeweils 10 Stunden im Monat in die Schulen. Sie spielen Fußball, begleiten Klassen ins Museum, unterrichten als Ko-Lehrer oder auch mal als Vertretung, leiten Koch-AGs, Werk-AGs, einen Chor oder eine RAP-Gruppe — ganz nach Bedarf und eigenen Schwerpunkten.

„Das Ziel des Projektes ist es zu zeigen: Männer können diesen Job auch gut machen. Sie sind genauso geeignet, sich um andere zu kümmern wie Frauen“, erklärt Christoph Fantini vom Fachbereich Erziehungswissenschaften der Bremer Universität.

Weitere Informationen:

Kontakt:
Dr. Christoph Fantini
Arbeitsgebiet Interkulturelle Bildung / Fachbereich Erziehungswissenschaften
Universität Bremen
Bibliothekstrasse
28359 Bremen
0421-21869123
Email: cfantini(at)uni-bremen.de

Flyer zum Projekt „Rent a Teacherman“ hier.

Männer in die Grundschule“— das Projekt der Universität Bremen

In fast allen Schularten dominieren Lehrerinnen: Gender-Datenreport des Bundesministeriums für Familie

Grundschulen ohne Männer: viele Jungen und Mädchen wachsen ohne männliche Vorbilder auf. Ein Betrag dazu hier.

Er leitet seit vier Jahren das Projekt „Männer in die Grundschule“ und wählt auch die Teachermen aus. Jeder von ihnen sollte zum Beispiel ein Begleitseminar besuchen, um seine Rolle zu reflektieren.

Die Idee zu „Rent a Teacherman“ entstand in einem Seminar, in dem ein Student berichtete, wie viel Vertrauen ihm Viertklässlern im Sexualkundeunterricht entgegengebracht hatten. Er hatte mit ihnen über ihre persönlichen Fragen gesprochen, die anonym im Fragekästchen gelandet waren.

Dabei war der Lehrerin aufgefallen, dass die Jungen dem Studenten gegenüber viel offener waren als zuvor. Über den männlichen Beistand waren Schüler, Eltern und Lehrkräfte so begeistert, dass der Student fortan in allen vierten Klassen im Sexualkundeunterricht dabei sein musste.

Männer sind Mangelware

Auch auf Klassenreisen, oder in der Umkleide nach dem Sportunterricht – nirgends gibt es für Jungen männliche Ansprechpartner, denn Grundschulen sind weitgehend männerfreie Zonen.

Betrug der Anteil der Pädagogen an Grundschulen vor 30 Jahren noch 40 Prozent, liegt er heute nur noch bei rund zehn Prozent. Die Studenten von „Rent a Teacherman“ können da ein wichtiges Korrektiv sein, einfach weil sie Identifikationsfiguren für die Jungen darstellen in einer Zeit, da in manchen Elternhäusern und in Kindergärten die männlichen Vorbilder genauso selten geworden sind wie in der Grundschule.

Von diesen Argumenten ließ sich auch die Bremer Schulsenatorin überzeugen und finanziert das Projekt mit 10 000 Euro pro Jahr. Größer als das Angebot ist die Nachfrage: Viele Schulen hätten gern auch zwei Teachermen, drei Stunden pro Woche reichen ihnen nicht. Denn die Rückmeldungen sind überaus positiv. Sowohl die Kollegen an den Schulen als auch die Eltern sind von dem Angebot begeistert. Die Schüler sowieso.

Literatur zum Thema:

Christoph Fantini: Pädagogik der Vielfalt? In männerlosen Grundschulen ein Lippenbekenntnis. In:
Klaus Hurrelmann / Tanjev Schultz (Hrsg.): Jungen als Bildungsverlierer — Brauchen wir eine Männerquote in Kitas und Schulen? Weinheim, 2012Sabine Hastedt, Silvia Lange (Hrsg.): Männer und Grundschullehramt — Diskurse, Erkenntnisse, Perspektiven, Wiesbaden 2012

Faulstich-Wieland, Hannelore: Werden tatsächlich Männer gebraucht, um Bildungsungleichheiten (von Jungen) abzubauen? In: Andreas Hadjar (Hrsg.): Geschlechtsspezifische Bildungsungleichheiten. 1. Aufl. Wiesbaden 2011, S. 393—415.

Als die Finanzierung des Projekts auf der Kippe stand und Teacherman Tim Grossmann seinen Schülern mitteilen musste, dass sein Einsatz wahrscheinlich beendet sei, zögerte ein Schüler nicht lange und bot den gesamten Inhalt seines Sparschweins an. 103 Euro und zehn Cent wollte er für seinen Teacherman spenden. Zum Glück überlegte es sich die Senatorin noch einmal anders.

Alte Klischees — neue Herausforderungen

Warum werden so wenige junge Männer Grundschullehrer? Liegt es am Gehalt, das niedriger ist als an weiterführenden Schulen oder am Klischee von den Basteltanten, das dem Job hartnäckig anhaftet? 

Nach Meinung von Christoph Fantini liegt es auch daran, „dass junge Männer sich Berufe nicht mehr zutrauen, bei denen es ums Kümmern geht.“

In der Medizin, der Psychotherapie und in der evangelischen Theologie gibt es inzwischen mehr weibliche als männliche Studenten. Auch die Begleitforschung, die Christoph Fantini an seinem Institut betreibt, legt nahe, dass viele Jungen sich den Mädchen unterlegen fühlen.

Auf die Frage, warum es so wenig Männer als Lehrer gebe, antworteten Jungen und Mädchen gleichermaßen: „Weil man dazu ganz schön schlau sein muss und das sind meistens die Mädchen.“

Schon in der Grundschule fühlen sich die Jungen also abgehängt. „Eine fatale Entwicklung,“ stellt Fantini fest. Sein Institut führt daher inzwischen neben Imagekampagnen für den Lehrerberuf auch Boys Days durch, an denen Jungen aus Bremer Schulen gezielt in die Fachbereiche mit geringer Zahl männlicher Studenten eingeladen werden.

Projekte, die Mädchen fördern, kennt jeder. Aber Projekte, die Jungen und Männer fördern? „Das stößt bei vielen Menschen auf Skepsis und Unverständnis“, sagt Christoph Fantini. „Man braucht eine Menge Durchhaltevermögen, um sich den Vorurteilen entgegenzustellen.“

Regine Dee

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