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Schulöffnungen

Schüler zurück in die Schule – Öffnung aus Sicht der Schulleitung

Bereits am 27. April öffnen die ersten Schulen wieder. Für Schulleitung und Lehrerkollegium ist das in vieler Hinsicht eine große Herausforderung, den Unterricht und die Anwesenheit der Schüler unter dem Vorzeichen „Corona“ sicher zu organisieren. Ein Erfahrungsbericht.

Schulöffnungen: Schüler zurück in die Schule – Öffnung aus Sicht der Schulleitung Geht die Schule wieder los, müssen alle Schüler die Hygiene- und Schutzregeln befolgen © detailblick-foto - stock.adobe.com

Als im März alle Schulen geschlossen wurden und die Bundesländer sich nicht auf einen einheitlichen Kurs einigen konnten, standen die Schulleitungen schon vor großen Herausforderungen. Wir haben das Glück, dass wir im Bereich des digitalen Lernens sehr gut ausgestattet sind, unsere Schüler aufgrund unseres normalen Unterrichts schon ab der Klasse 2 Erfahrungen im Lernen mit iPads haben und wir mit iServ über eine gut funktionierende Schulplattform verfügen. Da wir Konzeptschule des Landes Hessens sind, stand unsere Konzeptgruppe während der gesamten Zeit des Homeschoolings den Kollegen mit Rat und Tat zur Seite.

Das Homeschooling sah je nach Jahrgangsstufe und Schulzweig unterschiedlich aus, da wir Schülerinnen und Schüler von der Klasse 1 bis 10 bei uns unterrichten. In der Grundschule wurden teilweise Materialpakete geschnürt, viele Aufgaben über iServ verschickt und Aufgaben in den Schulbüchern und in diversen Lernapps gegeben. Die Sekundarstufe bekam die Aufgaben ausschließlich über iServ geschickt.

Herausforderung 1: Schulen öffnen wieder – aber wie?

Nun kam die Nachricht, dass die Öffnung der Schulen diesmal einheitlich gestaltet werden soll. Es hieß, ab dem 04. Mai werden die Schulen wieder geöffnet. Die Experten der Leopoldina empfahlen, die 4. Klassen der Grundschulen und die Abschlussklassen der Sekundarstufe I wiederkommen zu lassen. Zuerst einmal wurde aufgeatmet, bis zum 04. Mai schien genug Vorlaufzeit zu sein. Doch Hessen entschied anders. Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 4, die Abschlussschüler der Klassen 9 H und 10 R sowie die Schülerinnen und Schüler der Q2-Phase in der Oberstufe sollen ab dem 27. April wieder in die Schulen kommen.

Die Vorgaben waren noch vage. Klar war, dass die Hygienevorschriften und die Abstandsregel eingehalten werden müssen und dass darauf zu achten ist, dass die Schülerinnen und Schüler sich auch in den Pausen nicht begegnen. Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine konkreten Anweisungen hinsichtlich der Fächer aus dem Kultusministerium. Dort wurde auch unter Hochdruck gearbeitet. Um jedoch die Zeit zur Organisation nutzen zu können, wurden wir an der Schule schon tätig.

Herausforderung 2: kleine Lerngruppen, hohe Stundenzahl

Der erste Schritt war, die Klassenräume auszumessen. Nach dem Umstellen der Möblierung des ersten Klassenraums mit dem Zollstock war schnell klar, mehr als 12 Schülerinnen und Schüler können nicht in einem Raum unterrichtet werden. Glücklicherweise ist keine Lerngruppe so groß, dass wir die Gruppen dritteln müssen. Denn schon die Teilung der Gruppen bedeutet, dass die doppelte Anzahl an Lehrkräften unterrichten muss oder dass die Lehrer die doppelte Anzahl an Stunden unterrichten.

Hier kam nun die nächste Frage auf. Welche Fächer außer den Prüfungsfächern sind für die Lernenden wichtig? Klar war, dass die Präsenzstundenzahl mindestens 20 sein soll. Wenn man jedoch die Kolleginnen und Kollegen schon doppelt einsetzt und dann die Stundenzahl noch erhöht, bedeutet dies ein großes Ungleichgewicht denen gegenüber, die nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden.

Herausforderung 3: möglichst kein Lehrerwechsel, Risikogruppen, emotionale Sicherheit

Alle Kollegen der Abschlussklassen, die nicht zur Risikogruppe gehören, wollten gern ihre Lerngruppen weiterhin unterrichten, auch wenn dies die doppelte Unterrichtszeit bedeutet. Für sie stand klar im Vordergrund, dass es für die Prüflinge eine ungünstige Situation wäre, nun auch noch nach dem Homeschooling in den letzten Wochen vor der Prüfung neue Lehrer zu bekommen.

Für einige Schülerinnen und Schüler, deren Lehrer zur Risikogruppe gehören, lässt sich dies leider nicht vermeiden. Wir wollten jedoch den Lehrerwechsel so gering wie möglich halten. Vor allem in der Hauptschulklasse, die sich im Homeschooling schwerer getan hat als andere Lerngruppen, kommt ein Lehrerwechsel nicht in Betracht. Genauso verhielt es sich auch in der Grundschule. Die Kolleginnen waren sich einig, dass sie ihre Klassen jetzt in dieser, für die Kinder nicht einfachen Zeit, gern selbst unterrichten möchten.

Der Grundschulverband empfiehlt, dass jede Lerngruppe möglichst von einem Lehrer unterrichtet wird und dieser die Gruppen nicht wechselt. Somit hätte ein Teil der Gruppe z. B. den ganzen Tag den Klassenlehrer, der alle Fächer – auch fachfremd ­– unterrichten soll und die andere Gruppe beispielsweise nur den Mathelehrer, der dann eben auch alles unterrichtet. Da war die Meinung der Klassenlehrer und meine eine andere. Vor allem bei den Grundschülern ist es in der aktuellen Situation notwendig, dass die so wichtige Person des Klassenlehrers jeden Tag als Ansprechpartner für alle Kinder zur Verfügung steht. Hier handelt es sich um persönliche Beziehungen, die über die gesamte Grundschulzeit gewachsen sind. Dies bedeutet für die Kinder ein Stück Sicherheit in dieser eh schon so seltsamen Unterrichtssituation. Wenn es nur darum geht, dass die Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen, um nicht zu viel Stoff zu verpassen, dann halte ich dies für den falschen Weg. Die Schulöffnung ist sinnvoll, damit die Kinder einen Ansprechpartner haben und wieder ein Stück Normalität erfahren. Dazu ist jedoch der Kontakt mit bekannten Lehrerinnen und Lehrern enorm wichtig, aber auch Fächer wie Englisch, das für den Übergang in die Sekundarstufe notwendig ist, Kunst, um sich mal auf anderem Weg mit den Erfahrungen auseinandersetzen zu können, und eine Stunde für Gespräche zum Austausch von Sorgen und Ängsten erscheinen sinnvoll zu sein. Für letzteres empfiehlt sich der Einsatz der UBUS-Kräfte (Unterricht-Begleitende-und-Unterstützende-Sozialarbeit), Schulsozialarbeiter oder Schulseelsorger, die aufgrund ihrer Ausbildung und Professionen andere Wege gehen und bieten können.

Herausforderung 4: verlässliche Stundenpläne, Pausenpläne

In der Woche der Vorbereitung kamen täglich Mails aus dem Ministerium mit neuen Vorgaben. Glücklicherweise waren unserer Vorüberlegungen damit sehr gut kompatibel. Wir hatten alles richtig gemacht, was die Klassengröße, die Aufteilung und die Unterrichtsverteilung anging. Im Hinterkopf bei unserer Planung hatten wir stets die Empfehlung der Leopoldina.

Nun ging es an die konkreten Stundenpläne. Da bei uns nicht nur die Grundschüler, sondern auch die Sekundarstufenschüler im Hause sein werden, muss genau geplant werden, wann die einzelnen Lerngruppen kommen und wann Pause gemacht werden darf. Bei einer Anzahl von fast 150 Schülerinnen und Schülern, die auf einmal wiederkommen, eine nicht ganz einfache Aufgabe. Zumal der Großteil der Lernenden den Schulweg mit Bussen aufnimmt.

Die Überlegung war, dass die Grundschüler feste Zeiten bekommen von der zweiten bis zur fünften Stunde. Somit waren die 20 Präsenzstunden garantiert und die Eltern können durch die täglich gleichen Zeiten besser planen. Jeder Lerngruppe wird eine eigene Pausenzeit zugeordnet, in der sie auf den Schulhof gehen darf. Auch der Pausenhof, von denen wir zum Glück aufgrund unserer Schulgröße mehrere haben, wird für die einzelne Gruppe festgelegt. Somit ist sicher, dass sich immer höchstens 12 Kinder auf einmal auf dem Pausenhof befinden. Mit der Festlegung der Pausenzeiten ist es auch möglich, den Kindern, die sich in der Notbetreuung befinden, Zeiten zuzuordnen, in denen sie einen Pausenhof nutzen können.

Herausforderung 5: Schutzmasken und Desinfektionsspender

Glücklicherweise arbeitet auch der Landkreis zügig und lösungsorientiert, sodass schon am Donnerstag vor der Schulöffnung an alle Schülerinnen und Schüler Schutzmasken ausgegeben werden können, die diese für die Busfahrten dringend brauchen. Unsere Kinder fahren nämlich mit den öffentlichen Linienbussen. Es gibt keine Möglichkeit zu kontrollieren, wer außer unseren Schülerinnen und Schülern noch im Bus mitfährt. Eine weitere Maßnahme des Kreises ist das Anbringen von Desinfektionsspendern. Somit laufen die Maßnahmen zwischen Ministerium, Schulamt und Schulträger recht gut.

Ob aber alle getroffenen Maßnahmen und Überlegungen nachher ausreichen und wie der Schulbetrieb in der Praxis dann aussieht, das bleibt abzuwarten. Sicherlich sind alltägliche Situationen wie der Toilettengang schon spannend. Halten sich die Schülerinnen und Schüler an die „Besetzt“- und „Frei“-Schilder? Nutzen sie auch nur die zugewiesenen Toiletten? Können die Kinder und Jugendlichen, nachdem sie sich nun über sechs Wochen nicht gesehen haben, wirklich in den Pausen Abstand halten?

Vor allem stellt sich mir die Frage: Wie machen wir den Schülerinnen und Schülern klar, dass das Kontaktverbot mittags auch weiterhin gilt, auch wenn sie morgens gemeinsam in einem Klassenraum lernen. Ist das vor allem für die Grundschüler begreifbar zu machen? Es bleibt nur zu hoffen, dass die Öffnung der Schulen nicht zu früh erfolgt ist und keine weitere Infektionswelle nach sich zieht.

Aktuell gibt es die Meldung, dass das VGH in Kassel per Eilverfügung die Schulpflicht für die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 4 außer Vollzug setzt. Nun bleibt abzuwarten, welche Vorgaben aus dem Kultusministerium kommen und ob wir am Montag die Kinder wieder in Empfang nehmen können.

Babett Kurzius-Beuster

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