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Prävention

Selbstmord eines Schülers: So erkennen Sie mögliche Nachahmer

Erleben Jugendliche einen Suizid im näheren Umfeld, erhöht sich ihr Selbstmordrisiko um ein Vielfaches. Deshalb sollten Lehrer nach einem Suizid verstärkt auf Anzeichen für den Werther-Effekt achten.

Prävention: Selbstmord eines Schülers: So erkennen Sie mögliche Nachahmer Wenn Schüler sich zurückziehen oder ständig traurig sind, ist es wichtig, auf sie zuzugehen © fresnel6 - Fotolia.com

Selbstmord ist ansteckend: Schon Goethes 1774 erschienener Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, der mit dem Suizid des Romanhelden endete, zog zahlreiche Selbsttötungen nach sich: Gekleidet wie der junge Selbstmörder Werther (blauer Frack gelbe Weste und Hose) und oft auch mit dem Roman ausgestattet, starben zahlreiche Nachahmer von eigener Hand: „Quellenmäßig belegt ist in jedem Fall eine zweistellige Zahl von Suiziden in verschiedenen europäischen Ländern“ (W. Ziegler, U. Hegerl: Der Werther-Effekt, in: Der Nervenarzt, Berlin, Heidelberg 2002, S. 41)

David Phillips, ein amerikanischer Soziologe, wies in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts anhand mehrerer Beispiele nach, dass nach Zeitungsberichten über Suizide prominenter Persönlichkeiten „auch die Suizide in der Allgemeinbevölkerung statistisch messbar ansteigen“ (ebd., S 42). Dieses von Philipps „Werther-Effekt“ benannte Phänomen zeigte sich besonders auch 1981 in Deutschland, nachdem das ZDF den Mehrteiler „Tod eines Schülers“ ausgestrahlt hatte. Erzählt wird die Geschichte eines Jugendlichen, der sich am Ende vor einen Zug wirft. Daraufhin nahm die Anzahl von Eisenbahnsuiziden unter Jugendlichen im Alter des Schülers aus dem Film (15 bis 19 Jahre) um 175 Prozent zu (ebd., S 43).

Jugendliche sind also offenbar verstärkt suizidgefährdet, wenn Gleichaltrige in ihrem Umfeld Selbstmord begangen haben. Deshalb sollten Lehrer im Fall des Selbstmords eines Schülers in der Folgezeit besonders aufmerksam auf mögliche Anzeichen bei den Mitschülern achten.

Studie über Nachahmungseffekte

Welche Altersgruppe trägt das höchste Risiko? Diese Frage beantwortete 2013 eine kanadisch-amerikanische Langzeitstudie mit 22 000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren.

Besonders gefährdet waren demnach die Jüngsten (12 bis 13 Jahre): „15,3 Prozent derjenigen mit Suiziden im Umfeld dachten selbst über Suizid nach, verglichen mit 3,4 Prozent, die keine Freitode erlebt hatten“, so Christina Hucklenbroich in ihrer Zusammenfassung der Studien-Ergebnisse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 07.06.2013. Auch die Zahl der tatsächlichen Selbstmordversuche war bei den 12- bis 13-Jährigen mit Selbstmord in der näheren Umgebung um ein Vielfaches höher: 7,5 Prozent gegenüber nur 1,7 Prozent bei den Gleichaltrigen, die keine Freitode erlebt hatten.

Eine weitere wichtige Erkenntnis für die Selbstmordprävention bei Schülern, die einen Suizid im Umfeld erlebt haben: Noch „mehr als zwei Jahre nach dem Ereignis“ hielt der Nachahmungseffekt bei Jugendlichen aller Altersgruppen an, wobei bei den 14- bis 15-Jährigen eine besonders langanhaltende Wirkung zu beobachten war (FAZ, ebd.).
Wie nahe die Befragten dem Selbstmörder standen, spielte dabei keine Rolle: Das Risiko verminderte sich noch nicht einmal, wenn die Jugendlichen den Selbstmörder persönlich gar nicht kannten.

Risikofaktoren für die Entstehung von Suizidalität

Neben Nachahmungseffekten gibt es natürlich viele weitere mögliche Belastungen, Probleme und Konflikte in allen Lebensbereichen von Jugendlichen, die Suizidalität bedingen können. Einen kurzen Überblick über Beweggründe, Ursachen, aktuelle Auslöser und Motive  gibt ein Flyer der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS).

Wesentlich detaillierter beschreibt Heidrun Bründel in ihrer Handreichung „Schülersuizid — Was Lehrerinnen und Lehrer wissen sollten“ mögliche Ursachen von Suizidalität. Die Psychologin hebt zunächst die besonderen Herausforderungen der „Lebensphase Jugend“ mit ihren „hohen Anforderungen an die Bewältigungskapazitäten der Jugendlichen“ hervor (S. 3 f.). Sie umreißt kurz das Risikopotenzial von familiären Traumata („sexueller Missbrauch, Misshandlung, symbiotische Beziehungsstrukturen und elterliche psychische Erkrankungen“) und ungelösten Konflikten und akuten Krisen in der Familie (S. 5).

Auch die Schule könne „mit ihren Strukturen, Leistungsansprüchen und Notenvergabe“ für Jugendliche zu einem „Stressor ersten Ranges“ werden. (S. 5 f.). Wenn jedoch eine schlechte Zensur vielleicht der Tropfen sein mag, der das Fass zum Überlaufen bringt, so spielen doch bei der Entstehung von Suizidalität verschiedene Faktoren zusammen, z. B. „elterliche Erwartungshaltung, Angst des Schülers vor Versagen und Misserfolg“ und „gestörte Kommunikationsstrukturen in der Familie“(ebd., S. 6).
Mobbing und die „Erfahrung sozialer Ablehnung“ hebt Bründel ebenfalls als Ursache für Suizidalität hervor. Auch gebe es „eine weithin unterschätzte Verbindung zwischen Homosexualität von Jugendlichen und Suizid“, betont Heidrun Bründel (S. 9), deshalb sei es „dringend erforderlich, dass Schulen sich des Problems annehmen und darauf reagieren“ (ebd.).

Psychische Störungen und Erkrankungen als Ursache für Suizidalität

Als „besondere Risikofaktoren“ hebt die DGS bestimmte psychische Störungen und Erkrankungen hervor: Depressionen, Psychosen und Suchterkrankungen, aber auch „stark ausgeprägte aggressive Verhaltensstörungen“ sowie „Impulskontrollstörungen“ (ebd.). (Näheres zu psychischen Grunderkrankungen mit einem erhöhten Suizidrisiko bei Heranwachsenden auf der Website der Neurologen und Psychiater im Netz.)

Welche Anzeichen auf eine Depression hinweisen, zeigt der „Goldberg-Test auf Depressionen“, hier in einer Onlineversion mit Direktauswertung.

Warnsignale bei akuter Selbstmordgefahr

Nur selten kommen Suizide aus heiterem Himmel: „Etwa 75 % der Suizidversuche und Suizide werden direkt oder indirekt, über Verhaltensveränderungen (zum Beispiel das Weggeben von geliebten Dingen oder Andenken) oder Anspielungen wie ‚Bald habe ich das alles hinter mir‘ angekündigt“, so die Autoren der Broschüre „Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen“ des Düsseldorfer Zentrums für Schulpsychologie (PDF, S. 5).

Werden Suizidgedanken explizit geäußert, sollte man das außerordentlich ernst nehmen: „Suizidgedanken haben für sich alleine genommen zunächst nur einen schwachen Hinweischarakter, aber wenn sie ausgesprochen werden, ist es ein Signal, dass der Betreffende sich in einem bestimmten vorgerückten Stadium der Suizidalität befindet“, warnt Heidrun Bründel (Link s. o., S. 11).

In höchstem Maße gefährdet seien Jugendliche dann, wenn negative Gedanken und depressive Stimmungslagen „überhand nehmen, sich den Jugendlichen in Form von Zwangsgedanken aufdrängen und sie zu beherrschen beginnen, wenn Jugendliche sich in sich zurückziehen, ihre Freundschaften auflösen und Kontakte abbrechen, wenn sie in ihrem Leben keinen Sinne mehr sehen, wenn sie vom Tod, Sterben, Suizid sprechen und beginnen letzteren zu planen“, so die Psychologin.

Trügerisch: Wenn Jugendliche bereits die konkrete Suizidhandlung planen, tendieren sie dazu, „ihre Gedanken nicht mehr auszusprechen, sondern sie zu verbergen“, so Bründel. „Sie zeigen sich häufig sogar wieder fröhlich, ihre Stimmung ist gehobener, die Zweifel sind vorüber, der Entschluss ist gefasst.“ (S. 12)

Gerade für Lehrkräfte der Sekundarstufe, die Schüler meist nur in „ihren“ Fachstunden sehen, ist eine kontinuierliche Beobachtung potenziell gefährdeter Schüler im Alleingang nicht zu bewerkstelligen. Deshalb ist es wichtig, dass nach einem Schülersuizid das gesamte Kollegium für mögliche Nachahmungseffekte und Anzeichen für Suizidalität bei Schülern sensibilisiert ist. Auch wäre es sinnvoll, sich regelmäßig über Auffälligkeiten und Veränderungen einzelner Schüler auszutauschen.

Martina Niekrawietz

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