Fach/Thema/Bereich wählen
Praxishilfen

Was tun bei Schuldistanz?

Wenn Schüler der Schule fernbleiben, muss gehandelt werden. Nicht überall gibt es regionale Leitfäden für den Umgang mit Schuldistanz. Praxishilfen und Handlungsempfehlungen anderer Bundesländer können hier die Lücke füllen.

Praxishilfen: Was tun bei Schuldistanz? Was ist zu tun, wenn Schüler lieber zu Hause chillen als in die Schule zu gehen? © triumph0828 - Fotolia.com

Lehrer M. kommt in der vierten Stunde in die 9 b, drei Schüler sind abwesend. — Finn fehlt bereits zum dritten Mal diese Woche, Ina hat sich krank gemeldet und über Tim weiß keiner etwas. „Vorhin war er noch da“, sagt seine Banknachbarin. „Wann vorhin?“, will der Lehrer wissen, aber keiner in der Klasse kann das genau sagen. Sind Ina und Finn im Klassenbuch eingetragen? Ordnungsgemäß entschuldigt? Wo ist Tim und war er in der vorhergehenden Stunde anwesend? — Lehrer M. weiß, dass in der 9 b einige Kandidaten bereits öfter durch Schulschwänzen aufgefallen sind. Deshalb legt er Wert auf akribische Kontrolle, auch wenn ihm diese Zeit dann von seinem Unterricht abgeht.

Eine Erfahrung die viele engagierte Lehrer machen: Der Kampf gegen Schulabsentismus ist zeitraubend und manchmal auch ein „einsames Geschäft“, wenn die notwendige Unterstützung von Eltern, Schulleitern und Kollegen fehlt.

Orientierung und konkrete Praxishilfen bieten in dieser Situation regionale Leitfäden. Sie enthalten zwar viele ortsspezifische Informationen, bieten aber auch überregionale Praxishilfen und Anregungen für Schulen in anderen Städten, Bezirken oder Bundesländern. Hier eine Auswahl von nützlichen Mustertexten, Checklisten, Tipps und Tools.

Praxishilfen und Empfehlungen für Interventionsmaßnahmen

Grundsätzlich sollte eine Entschuldigung „immer unmittelbar am Tag des Fehlens, mindestens telefonisch bei der Schule eingehen“, so lautet die Faustregel im Leitfaden der Stadt Aachen (S. 47). Kommt der Schüler zurück, muss er eine schriftliche Entschuldigung nachreichen, im Zweifelsfall auch ein ärztliches Attest.

Die Broschüre des Landkreises Mittelsachsen (S. 8) empfiehlt engmaschige Anwesenheitskontrollen jeweils zu Stundenbeginn: Fehlende Schüler sollten schriftlich vermerkt und der Klassenlehrkraft gemeldet werden. Unterrichtsversäumnissen sollte „sofort“ nachgegangen werden und auch die Sorgeberechtigten sind unmittelbar zu informieren: bereits „nach der zweiten unentschuldigten Unterrichtsstunde“.  

Eine Vielzahl von Musterschreiben und Vorlagen für ein „abgestimmtes und konsequentes Vorgehen bei Verletzungen der Schulfplicht“ bietet der Handlungsleitfaden „Schulabsentismus“ auf der Website des Kultusministeriums Mecklenburg-Vorpommern. Je nach Intensität und Häufigkeit des Schulabsentismus empfehlen die Autoren ein abgestuftes Vorgehen von „Phase 1: Schulverdrossenheit“ bis „Phase 7: Intensivschwänzen — permanent“. Die Handlungsoptionen in den einzelnen Phasen sind klar beschrieben und sämtliche Vordrucke (Musterschreiben und Vorlagen“) sind bis ins letzte Detail durchdacht und ausformuliert: Der „Gesprächsleitfaden Eltern“ beispielsweise liefert der Lehrkraft wörtliche Formulierungen für die Einleitung und für das Gespräch selbst, die dann in eine „Vereinbarung münden („Aufgabe“, „Erledigung durch wen“, „bis wann“ und „nächster Termin“).

Natürlich lassen sich Fehlzeiten auch computergestützt erfassen: Eine EXCEL-Datei zur Fehlzeitenerfassung im jeweils aktuellen Schuljahr findet sich auf dem Bildungsserver Hessen in zwei Versionen: einmal mit Hessischen Ferienzeiten und einmal ohne für alle übrigen Bundesländer.

Verschiedene Formen von Schulabsentismus

Nicht alle Schüler, die fehlen, schwänzen. Gründe für Schuldistanz können auch Ängste sein oder Eltern, die ihre Kinder zurückhalten. Der Leitfaden der Stadt Aachen (Link s. o., S. 11) bietet zur schnellen Diagnose eine Tabelle mit Unterscheidungsmerkmalen „Schulschwänzen — Schulangst — Trennungsangst“.

Manchmal sind Schüler zwar physisch anwesend, distanzieren sich aber trotzdem mehr und mehr von der Schule. Um eine solche „passive Schulverweigerung“ zweifelsfrei identifizieren zu können, muss man oft sehr genau hinsehen. Dabei hilft die „Checkliste Formen von Schulverweigerung“ in der „Handreichung für Schulen zum Umgang mit Schulverweigerung“ (ab S. 51), die nach aktiven, passiven und Misch-Indikatoren unterscheidet.

Das Bremer „Handbuch Schulabsentismus“ bietet (ab S. 20) neben einem allgemeinen „Handlungsablauf Schulabsentismus“ auch noch Abläufe für „Nichtanmeldung und/oder nicht erfolgte Schuleingangsuntersuchung“, „unerlaubte Ferienverlängerung“ und für die „Nichtteilnahme an schulischen Veranstaltungen“. Immer mit dabei sind in einer (auch für andere Belange sehr ergiebigen) Materialsammlung auch gleich die erforderlichen Vordrucke, z. B. Dokumentations- und Protokollbögen, die Briefvorlage erfolgloser Hausbesuch, Planungshilfen für Fall- bzw. Helferkonferenzen, das Formular „Anhörung zum Vorwurf einer unerlaubten Ferienverlängerung“ etc.

Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Partnern

Gerade im Zusammenhang mit Schulverweigerung ist es oft gar nicht so leicht, eine vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft mit den Eltern aufzubauen: „Infolge der Schulverweigerung ihrer Kinder geraten Eltern früher oder später (...) unter Druck“, zum Beispiel durch Schule, Ämter und Behörden oder auch durch hochbelastende „Ehe- und Familienkrisen“, erläutert Jürgen Hagedorn bei einem Vortrag in Heiligenstadt. Hagedorn rät deshalb zu einer „entlastenden Elternarbeit“, bei der der Druck durch verschiedene Maßnahmen herausgenommen wird. Voraussetzung dafür ist es, dass sich die Gesprächspartner in die Situation des jeweils anderen einfühlen können. Sätze wie „Sie machen sich sicher Sorgen um Ihren Sohn“, „Sie haben bisher schon viel geleistet“ oder „Was können wir gemeinsam tun“ schaffen vielleicht schon eine gemeinsame Basis, die von Vertrauen und Wertschätzung getragen ist. Bei verhärteten Fronten rät Hagedorn, einen unpateiischen Moderator hinzuzuziehen.

Doch welcher externe Partner sollte zum Beispiel bei einer vermuteten psychischen Krankheit der Eltern hinzugezogen werden? Wer ist bei psychosomatischen Beschwerden der Schüler der richtige Ansprechpartner und wer bei vorgezogenen Ferien? Das zeigt auf einen Blick der Diagnosebogen im Aachener Leitfaden (Link s. o., S. 52).  

Blockaden im Elternhaus, provokante Äußerungen der Schulverweigerer — der Kampf gegen Schulabsentismus kann nervenaufreibend sein. Ärger ist jedoch im Umgang mit Schulverweigerern kontraproduktiv, da er die Schuldistanz noch weiter vergrößert. Letztlich geht es bei allen Maßnahmen darum, die Schüler zurückzugewinnen. Hilfreich ist dabei ein veränderter Blickwinkel auf den Schüler, vielleicht sogar der Versuch, die Welt einmal mit den Augen eines „Problemschülers“ zu sehen.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Schulorganisation
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×