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Unterrichtsstörungen

Achtsame Regel-Arbeit

Regelarbeit ist eines der pädagogisch wichtigen Felder, das in Schulen recht unterschiedlich bestellt wird. Achtsame (genau zu wissen, was passiert, wenn es passiert) Regel-Arbeit muss mit Schülern in jeder Stunde bewusst und gekonnt neben der fachlichen Arbeit erfolgen. 

Unterrichtsstörungen: Achtsame Regel-Arbeit Gute Regelarbeit beginnt schon vor dem Regelnaufstellen © DDRockstar - Fotolia.com

Schüler benötigen auch für ihr Verhalten permanent Feedback, um es gegebenenfalls kurzfristig zu korrigieren oder auf lange Sicht zu verändern. Schüler sind von sozialen Feedbacks abhängig, weil sie ohne Rückmeldung nicht wissen, ob sie ihre Rolle in der Schule richtig, das heißt, zum eigenen Vorteil und dem der anderen spielen.

Lehrer haben neben dem Bildungsauftrag auch einen Erziehungsauftrag. Daher müssen sie auch den Mut aufbringen und das geeignete pädagogische Handwerkszeug besitzen, um zu erziehen, also in Konflikte professionell hineinzugehen. Hierbei ist es wichtig, nicht persönlich beleidigt und deshalb Schüler beleidigend zu reagieren, sondern Schülern respektvoll und trotzdem nachhaltig Grenzen zu setzen. Gemeinschaftliches Handeln braucht als Basis immer verlässliche, von allen anerkannte Regeln. Die sind Voraussetzung für professionelles Konfliktmanagement auf Seiten der Lehrer, denn Streiten nach Regeln will gelernt sein.

Kommunizieren Sie klar und direkt

Praktisch muss einer Lerngruppe klar kommuniziert werden, welches Verhalten geduldet wird und welches nicht. Zur Regelarbeit gehört auch, dass Schüler die Konsequenzen kennen müssen, die bei Regelbruch drohen. Und es bedarf gerade bei der Regelarbeit in Schulen eines verabredeten Konsens unter allen am Schulleben Beteiligten.
Lehrern kommt es häufig so vor, als ob immer mehr Jugendliche immer weniger bereit sind, Regeln zu akzeptieren. Unrechts- und Schuldbewusstsein scheinen auf Seiten der Schüler auf dem Rückzug. Einige Kritiker führen dieses Verhalten auf die Unübersichtlichkeit der Medien- und Entertainment-Kultur zurück, die Jugendliche moralisch desorientiert, so dass sie nur noch bedingt schultauglich sind.
Die Praxis aber lehrt, dass häufig eher mangelnde oder nicht eindeutige Absprachen, sprich ein wenig zuverlässiger oder gar fehlender Regel- oder Verhaltenskanon der Grund ist, warum Schüler sich regelwidrig verhalten.

Halten Sie sich an Ihre eigenen Regeln

Wird Regelarbeit beliebig und von der jeweiligen Stimmung und Verfassung des Lehrers abhängig (was Sie nach einem gelungenen Wochenende am Montag früh nicht stört, stört Sie möglicherweise nach einer harten Woche am Freitagnachmittag.), führt das bei Schüler zu Irritationen. Auch das Austeilen der Schulordnung an alle trägt lange nicht mehr zum Regellernen bei, denn Regeln müssen zusammen gelernt und gelebt werden. Man muss sie, wie jeden anderen Lehrstoff auch, mit dem ganzen Körper und immer wieder lernen, denn Regelbrüche gehören in einer Zwangsgemeinschaft wie der Schule zum völlig normalen Alltagsgeschäft, Stunden ohne Regelbruch sind eine Fiktion.

Was Sie beim Aufstellen der Regeln beachten sollten

Voraussetzung für das Funktionieren der Regeln ist ihr gemeinsames Erarbeiten. Wichtig dabei ist die Unterscheidung zwischen den Regeln des Zusammen-Lebens und denen des Zusammen-Arbeitens (nach Gruner/Hilt).

Regeln des Zusammen-Arbeitens

Beim Aufstellen von Regeln sollten nur solche in Betracht kommen, deren Einhaltung auch überprüfbar ist. Das bedeutet, es müssen immer überprüfbare Verhaltensweisen beschrieben werden (Wir lassen andere ausreden!), nicht aber Interpretationen (Wir gehen freundlich miteinander um!). Freundlichkeit ist ein sehr elastischer Begriff und nicht jeder versteht dasselbe darunter.

Alles, was den Mitgliedern ihrer Lerngruppen und Ihnen wichtig ist, muss in den Regeln verankert werden. Erst mit dem Aufstellen von Regeln bauen Sie Ihrer täglichen Arbeit ein solides Fundament, werden wichtige menschliche Grundbedürfnisse (sowie gemeinsame Arbeitsvoraussetzungen) für alle verlässlich garantiert, halten Sie ein Instrument in der Hand, mit dem Sie jeden Tag praktisch arbeiten können, auf das Sie sich in Konfliktfällen immer berufen können.

So beteiligen Sie die Schüler bei der Regelerstellung

Praktisch stellen Sie den Schüler die Frage: Was müssen Schüler tun, damit sie in der Schule etwas lernen können?

  • Dafür eignet sich zunächst ein loses Gespräch im Sitzkreis. Anschließend können Sie Karten austeilen (3-4 pro Schüler), auf denen jeder Schüler pro Karte eine Bedingung notiert, die er für wichtig hält.
  • Anschließend werden alle Karten auf den Boden ausgelegt und nochmals verlesen.
  • Dann beginnen die Schüler, die Karten nach Oberbegriffen zu ordnen, zu kategorisieren. Was zusammen passt, bekommt die entsprechende Überschrift (Pünktlichkeit, Hausaufgabe, Arbeitsmaterial, Anweisungen des Lehrers, auf meinem Platz sitzen etc.).
  • Abschließend formulieren die Schüler mit Ihrer Hilfe große transportable Lernplakate für ihren Klassenraum und gegebenenfalls für die Fachräume anderer Kollegen, um die Regeln auch dort visualisieren zu können.

 

Es kommen immer dieselben Regeln dabei heraus, weil natürlich alle Schüler genau wissen, was für das Lernen nötig ist. Es macht aber einen enormen Unterschied, an einem bestimmten Prozess beteiligt zu sein oder eine völlig überfrachtete und unleserliche Schulordnung ausgehändigt zu bekommen.

Wie Sie Regeln formulieren

Wichtig bei der Formulierung der Regeln ist, dass Sie sich auf wenige Regeln beschränken. Häufig sieht man unendlich lange Listen die Klassenwände schmücken, niemand kann (und will) sich all diese Regeln merken. Für die Regeln des Zusammen-Arbeitens genügen drei bis vier: Ich bin pünktlich! - Ich mache stets meine Hausaufgaben! - Wenn der Unterricht beginnt, sitze ich auf meinem Platz! - Ich habe mein Arbeitsmaterial immer dabei! - Das reicht.

Bitte achten Sie beim Formulieren der Regeln immer darauf, diese positiv zu formulieren. Es ist immer besser zu sagen: „Geh bitte langsam“ anstatt „Nicht rennen!“ Das hat gehirntechnische Gründe.

Regeln des Zusammen-Lebens

Bei den Regeln des Zusammen-Lebens geht es um die Bedürfnisse jedes einzelnen. Sie fragen, was für jeden einzelnen wichtig ist, damit er sich in der Gruppe wohlfühlt. Um ein gutes Sozialklima herzustellen, das letztlich die Grundlage für ein gutes Arbeitsklima bildet, muss jeder mit seiner Art, seinen Stärken und Bedürfnissen vom anderen respektiert und wertgeschätzt werden. Die meisten Schüler wünschen sich dasselbe wie Sie: Der Unterricht soll angenehm verlaufen, es soll keinen Stress geben, ein respektvolles Miteinander garantieren und allen möglichst so viel Freude und Spaß bereiten, dass nachhaltiges Lernen möglich wird.

Praktisch füllen die Schüler wieder 3-4 Wunschkarten aus: In meiner Klasse wünsche ich mir... Sie können aber auch fragen: Was soll in meiner Klasse auf keinen Fall passieren?
Die Schüler sollten sich dabei trauen, alles aufzuschreiben, was ihnen wichtig ist. Dann werden die Karten wieder ausgelegt, kategorisiert und anhand bestimmter Überschriften ausformuliert und auf Plakate übertragen. Mehr als vier Regeln sollten es auch jetzt nicht sein.

Regelbruch geht vor Unterricht

Die Regeln müssen nun wie die zarten Klassen-Pflänzchen gehegt und gepflegt werden. Das bedeutet, Regelbruch geht vor Unterricht! Sie sollten alle Regelbrüche ernst nehmen und sofort zum Thema der Stunde machen. Das kostet am Anfang Zeit, hat aber eine hohe pädagogische Rendite. Je öfter sie Regelbruch zum zentralen Thema machen, desto schneller werden die Regeln im Bewusstsein aller verankert.

Die Visualisierung im Klassenraum ist ein probates Hilfsmittel, um mit den Regeln immer wieder zu „spielen“, sie bezüglich ihrer Sinnhaftigkeit, Praktikabilität und Aktualität zu überprüfen, eventuell um- oder neu zu formulieren.

Wenn Ihnen ein Refraiming Konflikten gegenüber gelingt (wenn Sie Konflikte als normal und positiv werten), ergibt sich täglich ein Bündel neuer sozialer Lernchancen für ihre Gruppen. Ihre Aufgabe ist es, mit den zugeworfenen Konflikt-Bällen etwas anzufangen, das für das soziale Lernen aller pädagogisch wertvoll ist. Denn Sie sind als Chef zuallererst Konfliktmanager, Regelwächter. Und Sie sind das Modell, an dem die Schüler lernen, gerade im Konfliktfall.

Hinterfragen Sie auch Ihr Konfliktverhalten

Deshalb immer cool bleiben, gerade wenn es eng wird. Sie werden nicht dafür bezahlt, dass Sie sich aufregen oder gar laut werden. Lehrer, die laut werden, sich persönlich angegriffen fühlen oder rote Köpfe kriegen, sind ein schlechtes Modell. Deshalb lohnt es besonders, sich auf dem Gebiet „eigene Konflikthaltung“ zu hinterfragen und gegebenenfalls neue Kompetenzen anzueignen.

Wenn Sie das Wort „Störung“ aus Ihrem Lehrer-Vokabular streichen und durch „Regelbruch“ ersetzen, wenn Sie Person und Problem trennen können, gehen bereits viele Emotionen aus Konflikten raus. Denn „Störungen“ sind rein subjektiv definierte Befindlichkeiten, werden höchst individuell wahrgenommen und entladen sich meist als prosaisch eruptiv formulierte Stressabfuhr in Klassenbüchern. Wichtiger für Schüler aber ist eine für alle berechenbare und einvernehmliche Lehrerreaktion auf Regelverstöße.

Regeln können in einem kleinen Vertrag festgehalten werden, den jede/r Schüler/in unterschreibt.Dann haben Sie schwarz auf weiß, was Sie benötigen, um regelgerechten Unterricht machen zu können. Es braucht eine funktionierende soziale Basis, von der aus Schüler sich mit gegenseitigem Respekt und Toleranz begegnen können; erst sie garantiert effektives fachliches Arbeiten.

Ziel der Regelarbeit ist übrigens deren Abschaffung. Deshalb fühlt sich eine Gruppe gut, bekommt neue Anreize zur Weiterentwicklung, wenn bestimmte Regeln bei Lernfortschritten von der Wand genommen werden. Das heißt aber nicht, dass diese für immer verschwinden, denn Gruppendynamik verläuft wie ein Aktienkurs.

Blitzlicht und Energizer (siehe entsprechende Artikel dazu) eignen sich besonders, jeden Tag auf spielerische Weise aktive und Regelarbeit zu betreiben und damit die Gruppendynamik/-entwicklung in Gang zu bringen.

Mögliche Regeln des Zusammen-Arbeitens sind Unterrichtsvoraussetzungen und nicht verhandelbar!

  1. Zu Stundenbeginn bin ich im Klassenraum auf meinen Platz.
  2. Ich schreibe meine Hausaufgaben in das Aufgabenheft,  mache sie und habe sie dabei.
  3. Ich bringe das vereinbarte Arbeitsmaterial mit.
  4. Ich befolge die Anweisungen der Lehrerin/des Lehrers und arbeite konzentriert.


Mögliche Regeln des Zusammen-Lebens: Je nach Entwicklung der Gruppe kann man wie hier in Klammern Beispiele geben.

  1. Ich höre anderen zu und lasse sie ausreden!
  2. Ich handle respektvoll und bin tolerant!
    (Akzeptiere andere so, wie sie sind. Nimm verbal Rücksicht auf die Gefühle anderer.)
  3. Ich respektiere andere auch körperlich! (Behandle sie so, dass sie gesund und unverletzt bleiben.)  
  4. Ich respektiere das Eigentum anderer! (Ich leihe mir Dinge nur nach Fragen aus.)

Burkhard Günther

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