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Demokratie lernen

Die besten Tipps für Klassenregeln

Klassenregeln vereinbaren macht Spaß, wenn die Schüler selbst aktiv werden. Demokratie-pädagogische Konzepte verbinden den Regelfindungsprozess mit kooperativen Spielen und Arbeitsformen und stimmen die Konsequenzen bei Regelverstößen mit den Schülern ab.

Demokratie lernen: Die besten Tipps für Klassenregeln Gemeinsam stimmen die Schüler darüber ab, welche Klassenregeln sie sich geben wollen © Kzenon - Fotolia.com

Hauptschullehrerin Isa unterrichtet an einer Brennpunktschule. In einem Lehrerforum bittet sie ihre Kollegen um Hilfe. An ihrer Schule werden zwei 8. Klassen zusammengelegt, Isa soll die neue Klasse übernehmen. Für die Lehrerin eine wahre „Horror“-Vorstellung, denn sie kennt die Schüler bereits aus Vertretungs- und Hospitationsstunden: „Die sind völlig außer Rand und Band, schreien ‘rum, bleiben nicht sitzen und, und, und“, so schildert sie die schwierige Situation und fragt in die Runde: „Habt ihr Tipps, Sanktionen, Klassenregeln!!?“

Die Forumsteilnehmer diskutieren kontrovers: „ernst nehmen, annehmen, viel reden, gemeinsam Regeln aufstellen (…) und die Schüler so viel wie möglich selbst machen lassen“, rät ein Kollege. Ein anderer empfiehlt: „NICHT viel reden. (…) Klassenregeln erst einmal vorgeben.“

Beide Positionen sind nachvollziehbar: Die „Horror-Achte“ von Hauptschullehrerin Isa braucht offensichtlich zunächst einmal klare Grenzen, damit es überhaupt möglich ist, in der Klasse zu unterrichten. Auf der anderen Seite ist es aus pädagogischer Sicht gerade in „schwierigen Klassen“ unbedingt sinnvoll, Klassenregeln und Sanktionen bei Regelverletzungen mit den Schülern gemeinsam zu erarbeiten.
Dieser Beitrag unterstützt Sie mit Materialien, Ideen und fertigen Stundenkonzepten bei der praktischen Umsetzung des Gemeinschaftsprojekts „Klassenregeln“.
Klassenregeln vereinbaren — Demokratie üben

Im Gemeinschaftsprojekt „Klassenregeln“ üben die Schüler demokratisches Handeln: Sie wägen eigene Interessen gegenüber denen anderer ab, setzen sich kritisch mit eigenen und fremden Standpunkten auseinander, sie diskutieren, verhandeln und schließen faire Kompromisse. Das ist gar nicht so einfach, aber extrem wichtig mit Blick auf vorgelebte negative Beispiele aus der Politik. Denn derzeitige politische Entwicklungen bedrohen westliche Demokratien in vieler Hinsicht: Erstarkte Rechtspopulisten erobern die Parlamente und oft auch mit zweifelhaften Mitteln die Regierung, demokratisch gewählte und handelnde Politiker und Regierungen werden diffamiert und angefeindet. An die Stelle des Ringens um gemeinsame Lösungen und Kompromisse auf der Basis von Fakten und demokratischen Grundwerten treten vielerorts dumpfe Hassparolen und Lügen.

Die Demokratiepädagogen Birgit Funke und Harald Podzuweit verweisen deshalb auf die „besondere Bedeutung“ einer gemeinsamen Erarbeitung von Klassenregeln im Kontext des sozialen Lernens: Die Lernenden trainierten damit „wichtige Schlüsselqualifikationen in den Themenfeldern Wahrnehmung, Kommunikation, Kooperation und Austragung von Konflikten“. Zudem wachse „das Verständnis für die Regeln, an denen man mitgewirkt hat“. Das wiederum führe zu einer höheren Akzeptanz der Regeln und zu mehr Verantwortungsbereitschaft für die Durchsetzung und Einhaltung der Regeln. (Vgl. dazu: RAA Brandenburg, democaris e. V., KoBra.net: „Klasse werden — Klasse sein!“, S. 16).

Einstieg: „Experiment“ oder Schülerbefragung

Wie lassen sich Kinder und Jugendliche für das — auf den ersten Blick vermutlich wenig „populäre“ — Thema „Klassenregeln“ gewinnen? Zum Beispiel, indem sie bei einem kleinen „Experiment“ am eigenen Leib erfahren, dass es ohne Regeln kaum möglich ist, konzentriert zu arbeiten: Wie bei einer Stehgreifarbeit teilt der Lehrer an die Schüler Aufgabenblätter aus, die jeder für sich zehn Minuten lang bearbeiten soll. Während die Schüler die kniffligen Aufgaben zu lösen versuchen, sabotiert der Lehrer (vielleicht auch zusammen mit ein paar zuvor eingeweihten Schülern) das konzentrierte Arbeiten der Klasse immer wieder mit gezielten Störaktionen (Regelbrüchen) und sammelt dann pünktlich die „Arbeiten“ ein, um sie zu bewerten. Vermutlich werden die Schüler aus gutem Grund protestieren. Lehrer und Klasse sind beim Thema „Klassenregeln“ angekommen.

Auch Spiele eignen sich gut, um den Schülern die Notwendigkeit von Regeln zu verdeutlichen. Die Autoren der Bundeszentrale für politische Bildung empfehlen auf der Website „Verhaltensregeln für die Klasse“ den „Einstieg über ein Kartenspiel, das die Schülerinnen und Schüler selbst in Gruppenarbeit ‚erfinden‘ sollen“. Das könnte zum Beispiel eine vereinfachte Version des Kartenspiels Fluxx sein, bei dem die Regeln während des Spiels immer wieder geändert werden.

Ebenfalls eine gute Anregung für den Einstieg in eine Regelfindungsstunde: eine Schülerbefragung zum Thema Disziplinprobleme in der Klasse. Gert Lohmann hat dazu einen Fragebogen entwickelt, den die Schüler anonym ausfüllen (zu finden auf der Website fachdidaktik-einecke.de im editierbaren Wordformat mit didaktischen Anregungen des Erziehungswissenschaftlers Kai Uwe Wollenweber) Abgefragt wird dabei zum einen, welche Unterrichtsstörungen auftauchen, zum anderen erfährt der Lehrer, wie die Schüler die Disziplin der Klasse, die Arbeitsatmosphäre im Unterricht und den Umgang des Lehrers mit Störungen beurteilen.

Regeln und Sanktionen gemeinsam erarbeiten

Grundsätzlich gilt bei Klassenregeln: Weniger ist mehr. Denn nur eine überschaubare Anzahl von Regeln lässt sich von Schülern und Lehrern auch leben, d. h. einhalten und durchsetzen. Für die Formulierung gilt: positiv (ohne „nicht“, „kein“ etc.), möglichst kurz und einfach und verbindlich in Ich- oder Wir-Form, wodurch ein persönlicher Bezug hergestellt wird (vgl. dazu „Verhaltensregeln für die Klasse“, BpB, Link s. o.). Empfehlenswert ist es zudem, die Regeln „nach Bereichen/Oberbegriffen“ zu sortieren:

  • „Regeln für den respektvollen Umgang miteinander (Fairplay)
  • Regeln zum Umgang mit fremden Eigentum
  • Gesprächsregeln (Kommunikation, Ausdrucksweise)
  • ...“ (ebd.)

Das erwünschte Verhalten sollte sichtbar und konkret beschrieben werden. Die Einhaltung sollte durchsetzbar, also mit möglichst geringem Aufwand überprüfbar sein.

Sobald die Klassenregeln „stehen“, werden sie auf einem großen Plakat in der Klasse aufgehängt. Klasse und Lehrkraft besiegeln die gemeinsam erarbeiteten Regeln mit einem Klassenvertrag, den alle unterschreiben.

Auch „pfiffige und griffige ‚Sanktionen‘“ bei Regelverletzungen „sollten gleich mit überlegt werden“, raten die Autoren der BpB. Im Idealfall geht es dabei um Wiedergutmachung oder aber um Arbeiten für das Gemeinwohl (Stühle hochstellen, Tafeldienst übernehmen usw.).

Genau wie die Klassenregeln könnten auch die Sanktionen unterschrieben im Klassenzimmer ausgehängt werden, schlagen die Autoren der Bundeszentrale für Politische Bildung zum Thema „Klassenvertrag“ vor.

Neben dem gemeinsamen Aufstellen der Regeln ist es aber ebenso wichtig, dass sie in regelmäßigen Abständen überprüft werden: Wie gut klappt es mit den Regeln? Welches Verhalten stört mich in der Klasse? Weshalb fällt die Einhaltung bestimmter Regeln den Schülern besonders schwer? Gibt es neue, regelungsbedürftige Situationen oder müssen die alten Regeln modifiziert werden? Das alles könnte in einer wöchentlich fest eingeplanten Feedbackrunde Thema sein.

Zwei-Tages-Projekt: Kennenlernen und Klassenregeln finden und kommunizieren

Wie auch im eingangs beschriebenen Beispiel stellt sich die Frage nach Klassenregeln meistens dann, wenn sich Klassen neu zusammenfinden. In dieser Phase, meist in den ersten Wochen des neuen Schuljahres, müssen sich (Klassen-)Lehrer und Schüler erst einmal kennenlernen, was erfahrungsgemäß besonders gut im Rahmen eines gemeinsamen Projektes gelingt.

Der Unterrichtsvorschlag von Birgit Funke und Harald Podzuweit („Klasse werden — Klasse sein!“, S. 16 ff.) verbindet das gegenseitige Kennenlernen mit der gemeinsamen Erarbeitung von Verhaltensregeln. Er ist für zwei aufeinanderfolgende Projekttage mit Schülern ab Klasse 7 konzipiert. Am ersten Tag starten die Schüler mit einer ausgiebigen Phase mit Kennenlernspielen und -übungen. Kooperative Bewegungsspiele („Aufwärmübungen“) sorgen zwischen den Stillarbeits-, Partner- oder Gruppenarbeitsphasen für Auflockerung. Durch die vielseitigen Arbeitsaufträge kommt garantiert keine Langeweile auf: Die Schüler gestalten, diskutieren, bewerten (Vergabe von Klebepunkten) und präsentieren ihre Gruppenarbeitsergebnisse.

In der Sekundarstufe wechseln die Lehrer oft von Stunde zu Stunde. Doch darf die Einführung von Regeln und Routinen natürlich nicht auf den Fachunterricht einer einzelnen Lehrkraft beschränkt sein. Deshalb ist es wichtig, auch die anderen Lehrer der Klasse über Regeln, Routinen und Konsequenzen zu informieren und sie um Unterstützung zu bitten. — Zur Vertiefung der Regeln könnte man diesen Part auch den Schülern übertragen, die dann zum Beispiel in Kleingruppen eine Kurzpräsentation für die verschiedenen Fachlehrer der Klasse erarbeiten und vortragen. Eine solche Kurzpräsentation könnte auch — zum Beispiel im Rahmen eines Klassenelternabends — dazu genutzt werden, um die Eltern über die Klassenregeln zu informieren.

Empathie fördern und die Einsicht in Regeln vertiefen

„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ — diese sogenannte „Goldene Regel“ bezeichnet Dr. Martin Bauschke auf der Website des Netzwerks Ethik heute“ als „so etwas wie eine universelle Ethik des Ausgleichs von Interessen“. Dieses „Moralprinzip“ trage zum Frieden in der Gesellschaft bei: „Man achtet die Bedürfnisse und Interessen anderer und kann gleichzeitig seine eigenen Ziele verfolgen.“ Und genau das ist auch Sinn und Zweck der Klassenregeln in der Schule.

Mit Rollenspielen gelingt es den Schülern, sich in andere hineinzuversetzen und dadurch zu verstehen, warum wir Verhaltensregeln brauchen. In Gruppenarbeit überlegen sich die Schüler kleine Szenen zu den formulierten Regeln: Ein schüchterner Schüler kommt neu in die Klasse und wird verspottet; im Umkleideraum der Turnhalle wird Geld gestohlen, jeder verdächtigt jeden; bei der Gruppenarbeit drückt sich ein Schüler vor der Arbeit; ein Schüler stört den Unterricht, obwohl es die Wiederholungsstunde vor der Klassenarbeit ist usw.

Sowohl beim Spielen als auch beim Zuschauen erkennen die Schüler, dass Regeln letztlich dazu beitragen, dass alle sich in der Klasse wohlfühlen und niemand zu kurz kommt bzw. benachteiligt wird.

Das KlasseKinderSpiel an kritischen Tagen

Sicherlich wird es im Verlauf eines Schuljahres immer wieder Tage geben, wo es den Schülern eher schwerfällt, sich an die Regeln zu halten, z. B. nach den Ferien oder nach Schulaufgaben. Hier hilft das „KlasseKinderSpiel“ [sic!], die Schüler auf konstruktive Weise an die Klassenregeln zu erinnern: Dabei werden maximal drei Regeln herausgegriffen und noch einmal kurz mit der Klasse besprochen. Anschließend teilt der Lehrer die Klasse in zwei bis drei Gruppen ein, die sich einen Namen geben dürfen (Team XY), und eine gewisse Spieldauer wird festgelegt. Während dieser Zeit läuft der Unterricht ganz normal weiter, bei Regelverstößen sagt der Lehrer nur „Foul für das Team XY“ und vermerkt das Foul. Nach Ablauf der festgesetzten Zeit gewinnt die Mannschaft mit den wenigsten Fouls und erhält eine vorher mit den Schülern verabredete Belohnung.

Selbst in schwierigen Klassen erzielt das bereits vor über 35 Jahren in den USA entwickelte Good-Behavior-Game verblüffende Resultate, die Professor Dr. Clemens Hillenbrand und Kathrin Pütz in ihrem Beitrag im Handout zur 31. Pädagogischen Woche der Universität Oldenburg (S. 14) zusammenfassen: Unter anderem konnte störendes Verhalten in der Klasse um 50 bis 90 Prozent verringert werden und für den eigentlichen Unterricht blieb erheblich mehr Zeit (+ 25 Prozent!) — und das störungsfrei.

Martina Niekrawietz

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