Fach/Thema/Bereich wählen
Gruppenbildung

Gruppenzugehörigkeit als Weg zur eigenen Identität

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist für Jugendliche von zentraler Bedeutung. Gute soziale Beziehungen und Begegnungen vertiefen die Beziehungsfähigkeit und bilden eine gute Basis für spätere soziale Kontakte, langfristige Freundschaften, partnerschaftliche Beziehungen und die damit verbundene Erweiterung der Identität.

Gruppenbildung: Gruppenzugehörigkeit als Weg zur eigenen Identität In der Gruppe erfahren Heranwachsende sich in Bezug auf andere und entwickeln ihre Persönlichkeit © Monkey Business - Fotolia.com

Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo ist mein Platz im Leben? — Jugendliche müssen erst ihre eigene Identität finden. Sie sind auf der Suche, probieren sich aus — am liebsten in der Gruppe, gemeinsam mit Gleichaltrigen. Dabei hat man es dann auch mit Problemen wie Störungen im Unterricht durch aufmüpfiges oder provozierendes Verhalten zu tun … Wie aber kann man Jugendliche unterstützen, den für sie richtigen Weg zur eigenen Persönlichkeit zu finden?

Jugendliche müssen ihre Identität erproben

Menschen handeln in den unterschiedlichsten Rollen. Zu einer persönlichen Identität gehört auch, sich selbst immer wieder in diesen unterschiedlichsten Rollen wahrzunehmen oder im Verlaufe der Persönlichkeitsentwicklung sich selbst immer wieder zu entdecken und zu erkennen (Seiffke-Krenke 2012, S. 7). Nach Erikson (1966) obliegt es  Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren, eine eigene Identität zu entwickeln („Wie bin ich jetzt? Wer werde ich? Wie will ich sein?“). Die Erfahrung, zu einer Gruppe zu gehören, wahrgenommen und sozial anerkannt zu werden, ist in diesem Alter von existentieller Bedeutung. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Gleichaltrigen (Peergroup) eröffnet neue soziale Erfahrungen und Beziehungserfahrungen, das Erproben der eigenen Identität.

Zugehörigkeit als existentielle Lebenserfahrung

Die psychologisch bedeutsame Zughörigkeit zu einer Gruppe setzt die Anerkennung durch andere (z. B. Peergroup) voraus. Diese Anerkennung durch andere ist freiwillig und kann höchst individuellen Kriterien unterliegen. Die Anerkennung als Mitglied einer Gruppe (soziometrische Wahl) kann erfolgen, weil sich eine Gruppe oder einzelne Mitglieder einen Vorteil davon versprechen (z. B. die Bereitschaft, erworbenes Wissen miteinander zu teilen; die Fähigkeit sich in einer Gruppe anzupassen und Herrschaftsansprüche Einzelner innerhalb der Gruppe zu akzeptieren). Die Anerkennung in einer Gruppe kann auch mit dem Ziel erfolgen, einen Menschen zu demütigen und zu kränken, um den eigenen Selbstwert einzelner Gruppenmitglieder zu stützen. Die Anerkennung durch die Gruppe erfolgt dann mit dem Vorbehalt, dass das neue Mitglied die Rolle eines Außenseiters übernimmt und damit akzeptiert, dass das Geben und Nehmen in diesen Beziehungen unausgewogen und für das neue Mitglied absehbar selbstschädigend ist.

Beziehungserfahrungen durch Gruppenzugehörigkeit

Was macht die Zugehörigkeit zu einer Gruppe so begehrenswert? In einer Gruppe können neue Beziehungserfahrungen gemacht werden, die mit wesentlichen Beziehungsfragen verknüpft sind:

Literatur zum Thema:

Erikson, Erik. H.: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main 1966

Ermann, Michael: Identität, Identitätsdiffusion, Identitätsstörung. In: Psychotherapeut, 56, 2011,135–141

Rogers, Carl R.: Die nicht-direktive Beratung: Counseling and Psychotherapy. Frankfurt am Main 2010

Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Reinbek bei Hamburg 2010

Seiffke-Krenke, Inge: Therapieziel Identität. Veränderte Beziehungen, Krankheitsbilder und Therapie. Stuttgart 2012

  • Wie erhalte ich Zugang zu einer Gruppe?
  • Wie wird mein Wert als Person eingeschätzt?
  • Wie behaupte ich mich als Individuum in einer Gruppe?
  • Welche Kompromisse gehe ich ein, um zu einer bestimmten Gruppe zu gehören?
  • Wie kann ich andere Menschen für meine Ideen begeistern?
  • Welche neuen Ideen und Impulse erhalte ich durch den Austausch in der Gruppe?
  • Wie schätze ich andere Menschen ein?
  • Wie pflege ich Beziehungen?
  • Wie halte ich einen Kontakt, während ich mich abgrenze?  
  • Welche Freiheiten kann ich mir in einer Gruppe erlauben?
  • Wie balanciere ich meine Zugehörigkeiten zu verschiedenen Gruppen miteinander aus?
  • Wie wirke ich mit meinem Verhalten auf andere Menschen?
  • Wie unterscheiden sich die Reaktionen von Mitschüler und Erwachsener?


Die persönliche Identität eines Menschen entwickelt sich im Laufe des Lebens durch Beziehungserfahrungen. Ermann (2011) bezeichnet Identität als ein Gefühl der Kohärenz und Kontinuität im Kontext der sozialen Bezogenheit. Identität enthält verschiedene Komponenten, z. B. die Geschlechtsidentität, die ethnische Identität, die zeitliche Kontinuität des Selbsterlebens, die realistische Wahrnehmung von sich selbst im Raum, über die Zeit hinweg und in sozialen Bezügen.  Zur Identitätsentwicklung gehören der Blick zu sich selber, der Blick zu dem anderen und ein Wissen darüber, wie ein Mensch sich im Spiegelbild anderer Menschen erlebt. Was muss man also als Lehrkraft wissen, will man Jugendliche in ihrer Selbstfindung unterstützen? Sollte man sie darin unterstützen, sich einer Gruppe anzuschließen? Welche Probleme können auftreten?

Ein Fallbeispiel

Beispiel: der Lehrerin fällt auf, dass sich Juliane* (*Name geändert)  in Gruppen wenig sagt, zeitweilig regelrecht verstummt.  In der Schule antwortet sie nur, wenn sie gefragt wird.  Ihre schriftlichen Leistungen sind hervorragend. Es besteht die Gefahr, dass die jugendliche Schülerin in eine soziale Außenseiterposition gerät.

Mögliche Vorüberlegungen der Lehrerin  (Hypothesenbildung) könnten sein:

  • Gibt es Anlässe im Bereich des Klassenverbandes, welche die Schülerin bewegt, sich zurückzuziehen (Bildung neuer Untergruppen, Verschlechterung der Gesamtatmosphäre in der Klasse, Rufschädigungen über soziale Netzwerke)? Unter diesem Blickwinkel ließe sich Julianes* Verhalten als Hinweis auf z. B. mangelnde Toleranz im Klassenverband verstehen.
  • Das Verhalten Julianes* ließe sich auch als bewusstes Handeln verstehen: Sie hat sich entschieden, von den neuen Untergruppen Abstand zu nehmen. Unter diesem Blickwinkel ließe sich das Verhalten Julianes* als selbstbewusstes Handeln einordnen: Sie entscheidet selber über die Nähe und Distanz, die sie zu den Mitschülern einnehmen will.
  • Der Rückzug von Juliane* könnte aber auch Ausdruck mangelnder sozialer Kompetenz sein, ein Hinweis auf eine tiefgreifende Selbstwertproblematik, einen seelischen Konflikt  oder auf Problemen im privaten Bereich gründen (Familie, Freundschaften).


Interventionsmöglichkeiten

Je nach Einschätzung kann die Lehrerin sich zu verschiedenen Interventionen entscheiden:

Sie kann Juliane* fragen, ob diese zu einem Gespräch mit ihr bereit ist (respektvolles Gesprächsangebot). Juliane* kann dieses Angebot annehmen, weil sie sich von einem Gespräch Hilfe und Unterstützung verspricht (Juliane* hat ein Anliegen, das von der Lehrerin wahrgenommen wird). Sie kann es aber auch zurückweisen, weil ihr selbst klar ist, warum sie dieses Verhalten zeigt. Das Anliegen der Lehrerin könnte sein, zu verstehen, warum sich Juliane* so verhält.

Aktives Zuhören und aufrichtiges Verstehen wollen, wie Juliane* aus ihrer Sicht die Situation erlebt und einschätzt sind wesentliche Merkmale eines guten Gespräches („Was bewegt dich, dich so zurückzuziehen? Was verbindest du aus deiner Sicht mit deinem Handeln? Hast du den Eindruck, dass du mit deinem Rückzug das erreichst, was für dich wichtig ist?“). Sie regen die Selbstreflektionsfähigkeit der Schülerin an und helfen, eigene und zu ihr passende Lösungen zu finden. Vorsichtige empathische Rückmeldungen seitens der Lehrerin („Ich habe den Eindruck, dass du dich zurückziehst, um dich zu schützen und in Ruhe nachdenken zu können“) zielen auf die Bestätigung eines menschlichen Grundbedürfnisse, ohne Wertung wahrgenommen zu werden.

Hochwirksam ist es, einen Menschen in seiner Selbstreflektion zu bestärken („Ich merke bei unserem Gespräch, dass du dir selber viele gute Gedanken machst. Das gefällt mir und beruhigt mich“).

Ein behutsames Gespräch kann dazu führen, dass eine mögliche Rollenfixierung als potenzielle Außenseiterin („Was denken denn die anderen von mir, wenn ich mich so zurückziehe? Vielleicht wollen sie mit mir gar nichts mehr zu tun haben?“) vermieden wird und der Rückzug einen neuen Bedeutungsrahmen erhält („Es ist in Ordnung, wenn ich mich zeitweise zurückziehe und nachdenke“).  Das Gespräch vermittelt vielleicht keine konkreten Handlungsalternativen, sondern ebnet den Weg, in Freiheit selbst neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Andreas Schulz

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Arbeits- und Sozialverhalten
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×