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Motivation

Loben! Aber richtig!

Nicht zu viel, nicht das Falsche, nicht von oben herab und ohne Einschränkung — richtiges Lob stärkt die Lehrer-Schüler-Beziehung und das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen. Psychologen und Erziehungswissenschaftler geben praktische Tipps.

Motivation: Loben! Aber richtig! Mit Lob geht alles noch einmal so gut — und die Schüler sind hoch motiviert zu lernen © JiSign - Fotolia.com

Sonderpädagoge Chris Ulmer startet allmorgendlich mit einem festen Ritual in den Schultag. In den ersten zehn Minuten des Unterrichts lobt der Sonderpädagoge jeden einzelnen seiner Schüler: „Du bist ein fantastischer Schüler. Du bist sehr lustig und schlau, du machst jeden Tag einen tollen Job und du bringst alle zum Lachen. Danke, dass du so ein toller Schüler bist.“ — Bereits zwei Millionen Menschen haben das Video über Chris Ulmer bei facebook gesehen, und auch deutsche Medien berichten über den charismatischen Lehrer aus Florida.

Bekanntermaßen gibt es beim Umgang mit Lob und Anerkennung große interkulturelle Unterschiede: Während Amerikaner eher kritisieren, indem sie nicht loben, loben Deutsche, indem sie nicht kritisieren. (Vgl. dazu ein Interview mit Robert Gibson, einem Experten für interkulturelle Kommunikation, auf der Website test.de)

Doch der Grundsatz „nicht geschimpft ist gelobt genug“ ist in der Schule fehl am Platz: Lob und Anerkennung kann wesentlich zu einer gelingenden Lehrer-Schüler-Beziehung beitragen, die Schüler motivieren und ihr Selbstbewusstsein stärken.

So loben Sie (auf)richtig

Diese positiven Effekte stellen sich besonders dann ein, wenn Lehrer beim Loben die Grundsätze einer wertschätzenden Kommunikation beherzigen. Eine kurze Checkliste des Focus-Redakteurs Bernhard Borgeest fasst die wichtigsten Merkmale wertschätzenden Lobens zusammen. Mithilfe der Checkliste von Borgeest lässt sich das eigene „Lob-Inventar“ auf eingefahrene und möglicherweise auch eher kontraproduktive Muster überprüfen:

  • Ehrlich und authentisch sein ist für Borgeest „das oberste Gebot“. Ein nur strategisches Lob ohne Überzeugung sollte man sich besser sparen.
  • Individuell loben bedeutet z. B., die Anstrengungen eines Schülers zu würdigen, der sich von einer Fünf auf eine Vier verbessert, ohne ihn mit besseren Schülern zu vergleichen.
  • Genau hinsehen oder hinhören heißt, so konkret wie möglich zu loben und dabei auch zu begründen oder zu beschreiben.
  • Auf Augenhöhe loben, bedeutet, nicht von oben herab loben, sondern Anerkennung „respektvoll, ohne (…) Gönnermiene“ auszudrücken.
  • Gerecht lobt, wer nach transparenten, allgemein anerkannten und moralisch gerechtfertigten Kriterien handelt, den Richtigen lobt und dabei andere nicht vergisst, die es ebenfalls verdient haben.
  • Sensibel loben bedeutet, taktvoll und angemessen zu handeln.
  • Im Idealfall ist ein Lob ein Lob und sonst nichts. Es sollte ohne Einschränkung und angehängte Kritik („aber …“, „eigentlich …“) erfolgen.

Anstrengungen statt Eigenschaften loben

Weiterführende Hinweise:

John Hattie unterscheidet in „Visible Learning“ zwischen Lob und Feedback: Lob bezieht sich bei ihm auf das Selbst bzw. die Person des Lernenden, während Feedback ausschließlich lernrelevante Informationen beinhaltet. Beides sollte nicht vermischt werden: „So können sowohl das Feedback als auch das personenbezogene Lob ihre volle positive Wirkung entfalten“, heißt es auf der Website visible-learning.de.

Das rät Nele Langosch Eltern und Lehrern in ihrem Beitrag „Wie lobe ich Kinder richtig?“ auf der Website spektrum.de. „Gut gemeinte Sätze“ wie „Du bist aber ein sehr begabter Maler“ oder „Wie klug du bist“ entmutigen die Kinder eher, wie aktuelle psychologische Studien zeigen (vgl. ebd. u. a. Eva Pomerantz, University of Illinois 2013, Eddie Brummelman, Universität Utrecht 2014). Bei den Gelobten entstehe dadurch der „Eindruck, Eigenschaften wie künstlerisches Talent oder Intelligenz seien festgelegt und unveränderlich“. Infolgedessen befürchten die Kinder, dieses positive Bild zu enttäuschen, und meiden deshalb neue Herausforderungen. Um das zu verhindern, sollte man bei einem Bild ganz konkret die Anstrengungen des Kindes würdigen: „Die Blumenblätter hast du sehr sorgfältig ausgemalt“ oder „Du hast dich wirklich sehr angestrengt“. Das fördert das Vertrauen in die Selbstwirksamkeit der Kinder.

Auch Alter und Geschlecht sollten beim Loben berücksichtigt werden

Wer Kinder für ihre Eigenschaften und nicht für ihre Anstrengung lobt, entmutigt besonders Mädchen im Grundschulalter, „während Jungs auch nach einem Lob für ihr Können keinerlei Motivationseinbrüche hatten“, so Nicola Schmidt in ihrem Artikel „Loben lernen“ in der Süddeutschen Zeitung.

Die niederländische Entwicklungspsychologin Eveline Crone fand außerdem heraus, dass Kinder zwischen acht und neun Jahren ihre Leistungen nur nach lobenden Worten verbessern konnten. Von negativem Feedback konnten sie nicht profitieren. Ganz anders ältere Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 13 Jahren: Sie wurden zwar durch Lob angespornt, noch mehr jedoch durch kritisches Feedback.

Lob sollte sparsam und gezielt eingesetzt werden

Psychologen der Universitäten Utrecht und Ohio State entdeckten vor kurzem, dass schüchterne und unsichere Schüler durch inflationäres oder überschwängliches Lob verunsichert und gestresst werden (vgl. dazu: „Zu viel Lob kann Kindern schaden“ unter tagesspiegel.de).

Studien von Carol Dweck, Psychologin an der Universität Stanford, legen sogar den Schluss nahe, „dass übermäßig gelobte Kinder [generell] unsicher werden“. Dieser Effekt verstärke sich mit zunehmendem Alter: Die Kinder fragten „sich dann, ob man sie bemitleidet und es deshalb für nötig hält, sie so übertrieben zu hätscheln“ (Loben lernen, Süddeutsche Zeitung, Link s. o.).

Auch aus hirnphysiologischer Sicht ist sparsames Lob effektiver: Der Neurowissenschaftler Emrah Düzel von der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg erläutert, was Lob in unserem Gehirn bewirkt: Das Belohnungszentrum wird dadurch dazu angeregt, Dopamin auszuschütten. „Schon wenn wir nur ein Lob in Aussicht haben, spüren wir dieses angenehme Kribbeln. Das eigentliche Lob ist dann nur noch notwendig, um den Mechanismus aufrechtzuerhalten“, so zitiert Nicola Schmidt Düzel in der Süddeutschen Zeitung (Link s. o.). Kommt das Lob „hingegen zu schnell, zu leicht oder zu oft, stumpft das System ab“. Ein weiteres Argument für sparsames Lob: Es macht Kinder „unabhängiger von der Droge Lob. Sie lernen, eine aktuell verfügbare Belohnung abzulehnen, um später eine umso bessere zu bekommen.“ (ebd.)

Montessori-Pädagogen versuchen sogar, ganz ohne Lob und Tadel auszukommen. Anerkennung und Ermutigung spielen jedoch auch bei Montessori eine wichtige Rolle, um das Kind auf seinem Weg zu Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu unterstützen. Lesenswert in diesem Zusammenhang ist der Vortrag von Prof. Dr. Franz Hammerer anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Montessori-Initiative Schwäbisch Hall.

Martina Niekrawietz

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