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Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung

So lernen Schüler Schritt für Schritt selbstständiges Arbeiten

Gerade in Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung fällt es Schüler schwer, selbstständig zu arbeiten. Doch schrittweise angebahnt durch Routinen und Rituale, gelangen auch sie zu mehr Eigenständigkeit beim Lernen.

Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung: So lernen Schüler Schritt für Schritt selbstständiges Arbeiten Karten, die einzelne Arbeitsschritte visuell verdeutlichen, helfen dabei, Aufgaben allein zu erledigen © Gabriele Kremer

Es ist eine Große Herausforderung für Schüler in heterogenen Lerngruppen, selbstständig arbeiten zu sollen — für Lehrer auch. Denn eine passgenaue Differenzierung unterschiedlicher Lernniveaus ist davon abhängig, dass Schüler ihre Arbeiten auch ohne permanente Aufmerksamkeit der Lehrpersonen bewältigen können. Dabei ist in diesem Zusammenhang das Angebot an Lehrmaterialien durch den Lehrer bzw. die Lehrerin entscheidend, aber die Gleichung, dass ein passendes Angebot selbstständige Arbeitssituationen hervorbringt, greift im Förderschwerpunkt GE zu kurz.

Auch wenn Materialien vom Anforderungsniveau her passend sind, können Schüler große Schwierigkeiten haben, sich ihnen allein zu widmen. Ihre Lernbiografie ist häufig von dem Erleben geprägt, dass ihnen alles schwieriger und mühsamer gelingt als anderen. Dies führt zu motivationalen Problemen und Lernhemmungen sowie zu einer Gewöhnung an eine stetig helfende Hand, die sich zwischen den eigenaktiven Lerner und die Aufgabe stellt.

Selbstständiges Arbeiten muss gelernt werden

Häufig richtet sich die Konzentration der Schüler auf eine gelingende Interaktion mit dem erwachsenen Unterstützer, die im Alltag allgegenwärtig ist: Schüler blicken auf  Lehrer oder Schulbegleiter, wenn sie zu entschlüsseln versuchen, was zu tun ist. Sie rückversichern sich engmaschig, ob eine Aufgabe zufriedenstellend erledigt wurde, fordern ständige Unterstützung, Korrektur oder Kommentierung ein oder stellen ihre Aktivitäten ein, sobald sich der Erwachsene entfernt. Ein solches Verhalten hemmt ihre Fortschritte und kann sowohl heterogen organisierte Förderschulklassen als auch inklusive Klassen vor große Probleme stellen. Wo Schüler nicht selbständig arbeiten können, muss die personelle Ausstattung stets als ungenügend empfunden werden.

Vor diesem Hintergrund ist die Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten nichts, was sich einfach voraussetzen lässt. Auch wenn viele Kinder im Verlaufe ihrer Entwicklung das „Allein-Tun“ von sich aus einfordern und lediglich eine Hilfe wünschen, es selbst zu tun: Für alle gilt es nicht. Schüler im Förderschwerpunkt GE sind häufig darauf angewiesen, dass ihnen die Kompetenz zum „Allein-Tun“ vermittelt werden. Wie dies geschehen kann, möchte ich im Folgenden beispielhaft erläutern.

Lob motiviert zu mehr Selbstständigkeit

Die Einsicht, dass es eine erstrebenswerte Fähigkeit ist, etwas allein zu tun, erscheint nur demjenigen simpel, der sie verinnerlicht hat. Wo das nicht der Fall ist, muss sie vermittelt werden. Die Analyse, ob dies geschieht, ist sicher der erste Schritt auf dem Weg, Schüler zu mehr Selbstständigkeit zu führen. Wenn sie Aufgaben lediglich mit der Aufforderung erhalten, sie zu lösen, , können sie nicht wissen, worauf es bei dieser Aufgabe ankommt: Sollen sie es „schön“ machen? Oder schnell? Am besten ohne Fehler? Oder möglichst allein?

Es erscheint unerlässlich, die Prioritäten klar auszusprechen und zu verdeutlichen, dass das Alleinarbeiten einen wesentlichen Aspekt darstellt. Entsprechend muss selbstständiges Arbeiten gezielt gesehen und unterstützt werden. Eine „bewusst eingesetzte stabilisierende beziehungsweise positiv verändernde Maßnahme“ (Schneider, H.: Lob. In: Lenzen, Dieter. (Hrsg.): Pädagogische Grundbegriffe Band 2. Reinbek 2007, S. 1028) ist das Lob. Zur Förderung selbstständigen Arbeitens ist unerlässlich, dass sich das Lob gezielt auch auf diese Kompetenz, auf den Prozess der eigenaktiven Auseinandersetzung mit dem Material richtet und nicht nur auf das Ergebnis.

Räumliche Entfernung der Lehrkräfte und Schulbegleiter

Die Anwesenheit von vertrauten Bezugspersonen ist für Schüler im Förderschwerpunkt GE sicher in vielen Situationen eine wichtige psychodynamische Entlastung und damit auch eine Lernerleichterung. Sie trägt allerdings auch die Gefahr von Abhängigkeiten in sich (vgl. Kremer, Gabriele: Schulbegleiter erfolgreich einbinden. Hamburg 2016, S.  50 ff.) Eine permanente räumliche Nähe, ein stetes „Dabeisitzen“ sendet eine Botschaft, die die Anforderung, allein zu arbeiten, konterkariert.

Sich allein mit einer Schwierigkeit auseinanderzusetzen, obwohl der erwachsene Nachbar mit einem kleinen Hinweis, einem Tipp oder unterstützenden Blick einem diese Mühe abnehmen könnte, ist eine größere Anforderung als dies zu tun, wenn niemand direkt abrufbar ist.

Wenn die Kompetenz des selbstständigen Arbeitens trainiert wird, sollte man den Kindern diese zusätzliche Hürde nehmen. Insofern sollten sich Lehrer und Schulbegleiter konsequent räumlich entfernen, wenn Kinder allein arbeiten sollen und nicht eigenaktiv Hilfe anbieten. Zum Selbstständigwerden gehört nämlich auch, gezielt, selbstständig und maßvoll Hilfe einzufordern.

Verlässliche Hilfsmöglichkeiten anbieten

Regeln und Rituale sind wesentliche Hilfsmittel zur Organisation des Schulalltags (vgl. Kaiser, Astrid.: 1000 Rituale für die Grundschule. Baltmannsweiler 2006) und können auch genutzt werden, um die Erziehung zur Selbstständigkeit zu unterstützen. So kann es hilfreich sein, bereits das „Anpacken“ der Aufgabe zu ritualisieren, also das Vorgehen mit den Schülern zu besprechen und sie dabei zu unterstützen, dies immer gleich zu tun. Dazu gehören z. B. beim Bearbeiten von Arbeitsblättern:

  • Ich sehe mir erst an, was auf dem Blatt zu erledigen ist und spreche mir laut vor, was ich tun soll.
  • Ich lege dann die Dinge auf den Tisch, die ich brauche (z. B. Stift, Radiergummi).
  • Ich versuche, den ersten Schritt immer allein und frage davor noch nicht um Hilfe.

Manchen Kindern hilft die Visualisierung dieser Schritte, z. B. mit einer Erinnerungskarte.

Wie um Hilfe nachgefragt wird, hängt von der Organisation des Klassenalltags generell ab. In jedem Fall sollte allerdings klar sein, wie um Hilfe nachgesucht wird: Erst beim Nachbarn? Beim Schulbegleiter? Gleich beim Lehrer oder der Lehrerin? Durch Melden? Durch Anbringen einer Namensklammer an einem vereinbarten Ort (wenn eine größere Gruppe frei arbeitet)?

Verlässlicher Arbeitsplatz schafft Sicherheit und fokussiert

Rituale lassen sich leichter verwirklichen, wenn der Arbeitsplatz verlässlich und überschaubar ist. Wenn man bestimmten Konzepten folgt, z. B. mit Lernboxen oder nach dem TECCH-Konzept arbeitet, so geben die didaktischen Ansätze eine gewisse Ordnung vor. Wo solche Konzepte nicht praktiziert werden, ist auf jeden Fall die Aufmerksamkeit gegenüber der Organisation des Arbeitsplatzes wichtig. Alles, was immer gleich ist, fördert die selbstständige Bewältigung. Wenn Schüler immer allein anfangen können, weil sie wissen, wo sie ihre Aufgaben bekommen, wo sie sitzen, wo ihre Materialien sind, ist das selbstständige Angehen der Aufgabe nur ein weiterer Schritt.

Bei der Organisation des Arbeitsplatzes kann es, besonders anfänglich, sinnvoll sein, wenn sich Schüler zeitlich orientieren können. Ein gestellter Timer oder eine (leise) Eieruhr kann die Zeit vorgeben, wie lange man es jedenfalls allein versuchen muss, bevor man um Unterstützung nachfragt.

Arbeitstechniken als Lerngegenstand

Das „Alleinversuchen“ ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn sich den Schülern erschließt, was zu tun ist. Dies ist für Schüler im Förderschwerpunkt GE nicht notwendig evident, denn Arbeitsblätter haben ja stets andere Gegenstände, sie sehen immer anders aus. Es ist daher sinnvoll, den Schülern über diese Schwierigkeit hinwegzuhelfen, indem man die gängigen Arbeitsformate mit ihnen übt und sie, wenn Schüler noch nicht lesen können, mit identischen Symbolen oder Ikons versieht. Wenn Schüler sicher sind, welche Symbole für Verbinden, Ankreuzen, Abschreiben, Ausschneiden usw. stehen, können sie sich die Aufgabe erschließen.

Am Beginn der Förderung selbstständigen Arbeitens sollte deshalb das Üben solcher Symbole und Fertigkeiten stehen. Wenn Schüler an mehreren Beispielen gelernt haben, zu was ein Symbol herausfordert und sie die Technik an einfachen Aufgaben geübt haben, bewältigen sie es auch bei neuen, schwierigeren Inhalten.

Welche Symbole oder Bildsysteme genutzt werden, ist dabei weniger erheblich als die Konsequenz des Einsatzes. Wenn es sich um gängige Ikons von Verlagen handelt, ist es sinnvoll, diese auch auf selbst gefertigte Arbeitsblätter zu übertragen oder den Schülern eine Information an die Hand zu geben, was auf dem nicht vertraut gekennzeichneten Blatt zu tun ist.  Dabei kann eine Karte zu Arbeitstechniken hilfreich sein, auf der der Lehrer (mit abwischbarem Folienstift) jeweils einkreist, welche Technik gerade gefordert ist.

Positive Unterstützung bei Fehlerkorrektur

Die Angst vor dem Fehler ist ein wesentliches Hindernis selbstständigen Arbeitens, das Lernen aus Fehlern aber eine wichtige Chance für Bildungsprozesse. Deshalb ist die Ermutigung zum selbständigen Arbeiten immer auf geduldige und positive Unterstützung bei der Fehlerkorrektur angewiesen. Wenn konsequent mit Bleistiften oder Radierstiften gearbeitet wird, lassen sich alle Fehler besprechen und korrigieren. Eine ermunternde Haltung, die stets verdeutlicht, dass es in der Schule um das Lernen, nicht das Abfragen geht, lässt Fehler zu Wegmarken im Lernprozess werden und befreit sie von ihrem Schrecken.

Gabriele Kremer

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