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Sozialkompetenz fördern

Tanzen ohne Barrieren

„Wir sehen uns dann Mittwoch. Ich bringe auch eine neue Musik mit und freu mich schon drauf!“ So werde ich oft von Schülern aus dem Wahlpflichtkurs Tanz angesprochen, wenn ich über den Pausenhof gehe. Hier geht es um die „Sternstunden“ im Unterrichtsalltag.

Sozialkompetenz fördern: Tanzen ohne Barrieren Tanzen bringt Spaß, auch wenn man in seinen Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt ist © master1305 - Fotolia.com

Das Wahlpflicht-Angebot Tanz richtet sich an Schüler, die nach Pop-Musik tanzen wollen. Kindertänze sind ausdrücklich ausgenommen. Alle Schüler, egal mit welcher Bewegungseinschränkung, ob im Rollstuhl oder mit Rollator machen aktiv mit und bringen eigene Ideen ein. Mit großer Freude beteiligen sich die Schüler der Tanzgruppe. Jedes Gruppenmitglied schlägt eigene Musik vor, zu der getanzt wird. Entweder es werden Musik-CDs mitgebracht oder wir finden das gewünschte Stück im Internet. Dazu entwickelt die Gruppe eigene Choreographien, übt für Auftritte wie beispielsweise bei der Schülerdisco oder für unsere große Schulveranstaltung vor den Weihnachts- und Sommerferien. 

Wie ein solcher Wahlpflichtkurs (WPU) geplant und umgesetzt werden kann, soll im Folgenden genauer beschrieben werden.

Raumbedarf und Material

Da die Turnhalle während der WPU-Zeiten ständig belegt ist, nimmt die Tanzgruppe mit einem Mehrzweckraum vorlieb. Klaglos werden vor Beginn des Unterrichts Tische und Stühle zur Seite geräumt und zum Schluss selbstverständlich wieder zurückgestellt.

Manchmal wird es eng im Raum mit zwölf Schülern, davon drei im Rollstuhl. Das tut der Bewegungsfreude  aber keinen Abbruch. Notfalls nehmen die Tänzer den großen Flur vor dem Raum auch noch mit in Anspruch. – Das geht natürlich nur, wenn andere Klassen/Gruppen nicht gestört werden.

Die Gruppe kommt auch mit wenig Zubehör aus. In einem Schrankfach befindet sich eine Kiste mit leichten Chiffontüchern und Schwungbändern in verschiedenen Farben, mit Hüten, selbst hergestellter Verkleidung sowie Schreibutensilien, Papierbögen und Haftnotizzetteln. Auch einige ausgeliehene Reifen aus der Turnhalle sind vorhanden.

Die Schüler erscheinen in leichter Kleidung mit der Möglichkeit, Kleidungsstücke abzulegen (Zwiebelprinzip) und bringen sich ausreichend Getränke mit.

Abläufe und Verantwortlichkeiten festlegen

Zu Beginn des Schuljahres muss sich die bunt zusammengewürfelte Gruppe aus den Klassen 6 bis 10 erst einmal zusammenfinden. Es geht um gegenseitiges Kennenlernen, Austesten der Grenzen, angemessenes Verhalten in der Gruppe, Akzeptanz, Aufstellen und Beachten bestimmter Gruppenregeln, Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber.

Die Schüler lernen die Ablaufrituale kennen und entscheiden sich für bestimmte Aufgaben, die sie während dieser beiden Schulstunden übernehmen.

Links zum Thema:

Unter der Rubrik „Leistungen“ unter dem Stichwort „Tanzen“ gibt es Informationen über inklusives Tanzen. 

Infos zum Projekt „Tanzzeit — Zeit für Tanz in Schulen“ finden Sie hier.

Hier sehen Sie einen eindrucksvollen Videoclip über das Projekt „Chancetanz“ vom Bundesverband Tanz in Schulen. Dies sind Tanzprojekte mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen.

Die Verantwortlichkeiten beziehen sich auf: 

  • den Raum umräumen,
  • Musikwünsche der Teilnehmer aufnehmen und aufschreiben,
  • den PC hochfahren,
  • die Aufgaben eines DJ s übernehmen,
  • Titel ansagen,
  • für ausreichend Lüftung sorgen,
  • aufräumen.

Zu Beginn des Unterrichts werden die Musikwünsche der Teilnehmer notiert. Die DJ s sorgen für den ordnungsgemäßen Ablauf und sagen die Titel an. 

Jeder ist mal Vortänzer

Der Schüler, dessen Musikwunsch gespielt wird, zeigt den anderen, wie getanzt werden soll:  durch einfaches Vor- und Nachmachen. Auf diese Weise lernen die Gruppenmitglieder sich gut untereinander kennen. Außerdem entsteht ein natürlicher Wechsel von Anspannung bei sehr aktiven Tänzern und Entspannung bei etwas trägeren Zeitgenossen. Manche Schüler, die im Rollstuhl sitzen, mögen gern von den im Kreis stehenden Tänzern angestoßen werden und so von einem zum anderen hin und her zu rollen. Oft können sie kleine Bewegungen mit den Armen oder Drehungen ausführen, die die Gruppe nachmacht und sich somit ganz und gar auf die Vorgaben einstellt.

Sind die Wunschtitel „abgearbeitet“, folgen Aufgaben wie „Spiegeltanz“, bei dem die Partner die Bewegungen ihres Gegenübers spiegeln. Oder wir drücken bestimmte Stimmungen tänzerisch aus. Auch kann man gemeinsam eine neue Choreographie entwickeln. Alle können Ideen einbringen.

Regeln für ein positives Arbeitsklima

Im Laufe des Schuljahres lässt sich beobachten, wie gut sich die Schüler entwickeln: 

Zunächst gehemmte Schüler bewegen sich plötzlich frei und gehen auf andere zu, „Streithammel“ erkennen ihre Grenzen durch das Feedback der Gruppe und schaffen es, sich zurückzunehmen, stark bewegungseingeschränkte Schüler entdecken, was in ihnen steckt und erleben, wie sie von der Gruppe als gleichwertiges Mitglied respektiert werden. In diesen beiden Schulstunden entsteht ein Stück „heile Welt“, die in den Schultag wie ein Energieschub mit hineingenommen werden kann.

Um diese positive Entwicklung der Persönlichkeit zu unterstützen, braucht man einen Rahmen, in dem sich alle Schüler wohlfühlen Es sind bestimmte Regeln, die akzeptiert und eingehalten werden müssen, damit der Gruppenprozess funktioniert:

  • Jeder ist gleichwertig — jede Bewegung zählt
  • Alles ist schön! — negative Kritik vermeiden und durch unterstützende positive Vorschläge Choreografien und Bewegungen verbessern.
  • Akzeptanz — jeder hat seine Eigenarten, die konstruktiv mit eingebracht werden.
  • Zusammenarbeit — ich mache hier nicht allein mein Ding, sondern auch Partner- und Gruppenübungen.
  • Schülerideen aufnehmen — hier arbeiten alle an der Entstehung einer Tanzfolge mit.
  • Wünsche erfüllen — jeder darf sich seine Lieblingsmusik wünschen, kann aber nicht erwarten, dass alle sie gut finden.
  • Abstand wahren — ich zeige den anderen, wie nahe sie mir kommen dürfen und komme meinerseits den anderen nur so nahe, wie sie es mögen
  • Jeder kann sich frei fühlen und bewegen — Lästern und Lachen über andere ist strikt verboten.
  • Alle helfen mit — wir kommen nur weiter, wenn alle zusammenarbeiten.

Diese Regeln werden nicht aufgeschrieben und an die Wand geheftet, sondern sie werden im Verlauf des Kurses an passender Stelle mitgeteilt. Manchmal wird etwas gestoppt und überlegt: Woran liegt es, dass es an dieser Stelle nicht geklappt hat? Wie können wir es verbessern? Für die Lehrkraft ist es daher wichtig, sehr genau zu beobachten und an geeigneter Stelle zu intervenieren.

Wenn die Schüler merken, dass sie von den anderen akzeptiert und nicht lächerlich gemacht werden, beginnen sie, sich selbst im Tanz frei darzustellen. Dies ist ein mutiger Schritt, der viel positive Unterstützung seitens der Lehrkraft und der Gruppe braucht. Voraussetzung ist auch, dass die Lehrkraft mit Freude dabei ist. Es geht hier nicht darum, Bestleistungen zu erzielen, sondern Selbstwertgefühl und Sozialkompetenz.

Highlights gehören dazu

Die Unterrichtsarbeit mündet in eine Aufführung, wie oben erwähnt. Dadurch hat die Gruppe in der Schule einen bestimmten „Berühmtheitsgrad“. Alle fiebern dem Auftritt entgegen und genießen den gemeinsamen Erfolg. Dies stärkt den Gruppenzusammenhalt und das Selbstbewusstsein enorm. Während einer Projektwoche durften wir einer Tanzklasse der berühmten Lola-Rogge-Schule zuschauen und bekamen Besuch einer Tänzerin, die kurzzeitig mit uns arbeitete. Ein Tänzer, der selbst mit einer Behinderung lebt, arbeitete ebenfalls mit uns. Das spornte an und führte zu weiteren Ideen.

Ein positives Wohlfühl-Klima, in dem die Schüler Glück und Freiheit durch ihren tänzerischen Ausdruck erleben — kann es so etwas überhaupt in der Schule geben? Ja, es kann. 

Hanna Fischer

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