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Fehlerkultur

Kein Schüler sollte sich dumm fühlen!

Aus Fehlern lernt man — auch als leistungsschwacher Schüler. Wenn die individuelle Leistung gewürdigt und entsprechende Hilfen angeboten werden, motivieren selbst Fehler beim Lernen.

Fehlerkultur: Kein Schüler sollte sich dumm fühlen! Jeder Schüler sollte eine qualifizierte Rückmeldung über seine erbrachte Leistung erhalten © Photographee.eu - Fotolia.com

„Überlege noch mal genau“, sagt die Lehrerin. Der Schüler weiß deswegen, dass seine Antwort wohl falsch war. Diese abgeschwächte Form von Fehlerkorrektur hat sich im Unterricht sehr stark eingebürgert. Was kann diese Aussage jedoch für einen Schüler bedeuten?

Kann er denn daraus eine Strategie erschließen und seine Leistung adäquat korrigieren? Ist es nicht einfach eine andere Formulierung für „Das ist falsch“? Welche Wirkung hat dies langfristig auf das Selbstbild des Schülers?

Und weiter: Was ist eigentlich ein Fehler? Wie bemerken Lehrer Fehler? Lassen Lehrerinnen Fehler zu und korrigieren sie Fehler? Wie korrigiert der Schüler seine Fehler selbst? Was bringt ein Fehler — und darf man überhaupt Fehler machen?

Die „Dummheitsspirale“

An dieser Stelle wird deutlich, wie komplex das Thema Fehler im Unterricht sein kann. Denkt man den Kreislauf weiter, so ergibt sich folgendes Bild: Der Schüler erlebt Misserfolg, Versagen. Daraufhin strengt er sich an und wiederholt die Aufgabe, er will es besser machen. Dabei können jedoch womöglich Stolpersteine nicht allein bewältigt werden, sodass sich Selbstzweifel und Frustration einstellen können. Der Schüler wirkt verzagt und macht sich eventuell selbst Vorwürfe. Aus diesen Blockierungen heraus stellen sich Resignation und Lernausfälle ein, da der Schüler spürt, wie der wiederholte Misserfolg immer wieder an seiner Identität kratzt. Kommt dies häufiger vor, so wirkt es insgesamt entmutigend. Der Schüler zieht sich immer mehr zurück, verweigert sich.  Somatisierung oder Aggression könnten auftreten. Am Ende dieses Teufelskreises steht die Annahme des Schülers, er sei einfach „zu dumm“ für die Aufgaben.

Ermutigende Hilfen zum Neuanfang

Wie kann ein Schüler aus dem Kreislauf der Lernstörung wieder herauskommen und ein Stück Identität zurückgewinnen? Er benötigt dabei vor allem inhaltliche Hilfen mit sparsamen Korrekturen. Wenn zugleich der Leistungsdruck durch Vergleich herausgenommen werden kann, so gelangt er individuell zu neuen Handlungserfolgen. Dies wirkt in der Regel sehr ermutigend, sodass der Schüler wieder etwas lockerer und offener agieren kann, seine Konzentration und der Wille zum Anpacken sich wieder erhöhen. Die Risikobereitschaft steigt durch das annehmende Setting, wieder mit Anstand Fehler machen zu dürfen.

Als Lehrkraft kann man daher viel dazu beitragen, Schüler zu ermutigen und zu stützen. Die notwendigen inhaltlichen Hilfen können methodisch in Form von Differenzierung und Individualisierung genau auf den jeweiligen Schüler angepasst werden. Dies ermöglicht zugleich, aus dem Leistungsvergleich auszusteigen. Die Lehrkraft hat so die Möglichkeit, auch unauffällig individuelle Fehlerkorrekturen, Hilfestellungen und Rückmeldungen zur Selbsteinschätzung zu geben, sodass der Schüler sich nicht vor der ganzen Klasse bloßgestellt fühlt. Er bearbeitet ja schließlich seine eigenen Aufgaben.

Literaturtipp zum Thema:

Lauth, Gerhard / Grünke, Matthias / Brunstein, Joachim (Hrsg.): Intervention bei Lernstörungen. Göttingen 2004.

Unterrichtsformen mit Öffnung des Unterrichts, wie zum Beispiel Lerntheke, Stationenarbeit oder Freiarbeit, sind hier gegenüber einer stark lehrerzentrierten Form des Frontalunterrichts vorzuziehen. Auch die Anpassung des Materials mit Aufgabenformaten, die der Schüler gut bewältigen kann, der Einsatz von Computern als Unterstützung und das Arrangement der Lernumgebung sind Maßnahmen, die jede Lehrkraft unauffällig treffen kann, um belastete Schüler zu entlasten.

Interesse an der Arbeit des Schülers zeigen

Besonders wichtig dabei ist die Lehrersprache. Wie begegne ich als Lehrkraft sprachlich Schülern mit Lernschwierigkeiten? Welche Art der Rückmeldung gebe ich?

Lehrer wenden Lob und Tadel häufig inadäquat an. Denn beides stellt zunächst eine persönliche Zuwendung dar. Schüler möchten in der Regel gern Zuwendung, aber nicht alle erhalten diese. Darum fordern manche Schüler tatsächlich lieber Tadel ein, als gar keine Zuwendung zu erhalten. Alle Schüler brauchen für entspanntes Lernen das Gefühl, gesehen und wahrgenommen zu werden. Wie kann ein Schüler also unabhängiger werden von Lob und Tadel?

Als Lehrkraft sollte man eine professionelle Unterscheidung zwischen Abhängigkeit von Lob und Interesse an der Arbeit des Schülers treffen. Das bedeutet, der Schüler bekommt eine qualitative Rückmeldung über die erbrachte Leistung. Nicht nur „Das hast du richtig gemacht“, sondern „Wie hast du das gemacht?“ Wenn die Lehrkraft sich als Moderator von Lernprozessen versteht, gelingt eine Trennung von Zuwendung und Beurteilung. Die Schüler lernen, sich selbst besser einzuschätzen. Fehler dürfen — sollen — ja, müssen gemacht werde

Lernleistungen überprüfen

Um Lernerfolge festzustellen, sind Lernkontrollen notwendig. Diese werden auf unterschiedlichste Art im Unterricht eingebaut. Besonders bei Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist es dabei wichtig, das die abschließende Kontrolle durch die Lehrkraft erfolgt. Trotz aller Arten von Selbstkontrolle, gegenseitiger Schülerkontrolle etc. ist dies ein sehr wichtiger Bestandteil, um mit Fehlern adäquat und zeitnah umgehen zu können. Wichtig für den Lehrer ist es, die Kontrolle der Ergebnisse von der Würdigung der Leistung getrennt zu besprechen.

Möglichkeiten zur Kontrolle von Lernleistungen:

  • Kontrolle durch die Lehrkraft,
  • Kontrolle durch Partnerarbeit und Austausch der Ergebnisse,
  • Kontrolle durch Abgleich in einer Tafelarbeitsphase, z. B. Arbeitsblattergebnisse mit Tafelbild vergleichen,
  • immanente Kontrolle durch Lösungen, die nur „richtig/falsch“ erlauben, z. B. Stöpselkasten,
  • immanente Kontrolle durch Entstehen von Legebildern, z. B. Postkartenmotiv auf der Rückseite,
  • Selbstkontrolle auf der Rückseite von Materialien, z. B. Klammerkarten,
  • Selbstkontrolle durch Überprüfung von Arbeitsblattlösungen im Vergleich zu einer Lösungsvorlage,
  • Kontrolle durch zusätzliche Hilfsmittel, z. B. Zahlenstrahl.

Der berühmte Heilpädagoge Paul Moor hat das Bild geprägt: „Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende“. Auf diese Art verstanden kann eine positive Fehlerkultur weiterhelfen, um kreative Lösungswege zu sehen, um fehlende Lerntätigkeiten festzustellen und um Schülern zu helfen, sich selbstbewusst und mit Freude dem Lernen zu stellen.

Claudia Omonsky

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