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Rituale als wichtige Orientierungshilfe

Rituale schaffen einen wichtigen Orientierungsrahmen in der Schule, ganz besonders für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Sie rhythmisieren den Schulalltag und stärken das Selbstwertgefühl.

Erlebnisräume: Rituale als wichtige Orientierungshilfe Wiederkehrende Rituale wie der Morgenkreis geben dem Schulalltag Struktur © Christian Schwier - Fotolia.com

Haben Sie auch diesmal gute Vorsätze für das neue Jahr? Das Ende eines Jahres ist für viele Menschen geprägt von Standortbestimmungen und Neuanfängen, eine Umbruchzeit. Besonders in sehr bewegten Zeiten benötigen wir daher ordnende und ausgleichende Strukturen. Rituale geben uns Gelegenheit, in uns selbst hineinzuhorchen und uns neu zu ordnen, etwas abzuschließen oder Neues zu planen. Wenn wir genauer darüber nachdenken, ist unser ganzes Leben geprägt von Ritualen: der morgendliche Kaffee, der immer gleiche Arbeitsweg, eine bestimmte Abfolge beim Putzen, bis hin zu Festen und Feiern im Jahreslauf.

Rituale leben von der Wiederholung und rhythmisieren die Zeit. Mit kleinen und größeren Ritualen strukturieren wir mehr oder weniger bewusst unsere Welt, setzen uns damit selbst Zäsuren, um mit den Herausforderungen des Alltags gut zurechtzukommen. Sie setzen Ankerpunkte und geben uns Halt. Wir behalten die Übersicht.

Rituale fester Bestandteil von Schule

In der Schule gibt es ebenso feste Rituale, die wir als Lehrer annehmen oder selbst mit etablieren. Sie gehören zur Schulkultur und machen diese ein Stück weit aus. Machen Sie sich bewusst, dass viele Rituale bereits da sind, nutzen Sie diese. Morgenkreis, Stundenplan, Pausen, Geburtstagsfeiern, Sommerfest, Adventskreis — alle möglichen Strukturen der Schule unterliegen einem wiederkehrenden Rhythmus und sind stark ritualisiert.

Allerdings haben Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf oft Schwierigkeiten, längere Zeiträume zu überschauen. Im Alltag erleben wir, dass sie sich nicht erinnern können, was sie am Wochenende gemacht haben oder was vor der Pause geschehen ist. Besonders deutlich wird es meist nach den Ferien. Hier können sie sich oft an nur wenige oder gar keine Details erinnern. Viele Lehrer stellen fest, dass Gelerntes aus der Zeit vor den Ferien erst einmal verschwunden ist und neu aktiviert werden muss.

Rituale in kurzen Zeitabständen anbieten

Für diese Kinder ist es außerordentlich schwierig, sich auf längerfristige Rückschau oder Vorplanung einzustellen und jährlich wiederkehrende Rituale bedeuten ihnen zunächst nicht viel. Die Schüler müssen eine umso größere Menge an Wahrnehmungseindrücken und vermeintlichem Chaos verarbeiten, das durch dieses fehlende innere Gerüst entsteht. Es ist sehr wichtig, hier Rituale in kurzen zeitlichen Abständen anzubieten, die sich über einen längeren Zeitraum wiederholen. Mit einer gewissen Kontinuität fällt es dann viel leichter, eine äußere und auch innere Ordnung zu erkennen und aufzubauen.

Die Schüler erhalten durch Rituale einen Sinn für äußere Ordnung, für die Strukturierung der Umwelt und deren Zusammenhänge. Darüber hinaus entwickeln sie einen Sinn für innere Ordnung, eine innere Landkarte gleichermaßen. Diese macht es möglich innezuhalten und die eigene Persönlichkeit in sich selbst zu organisieren (vgl. Maria Montessori: Kinder sind anders. Stuttgart 1980, S. 86 f.)

Rituale ermöglichen Orientierung und Sicherheit

Durch die Kultivierung beider Aspekte gelangen Kinder zu mehr Orientierung und dadurch zu mehr Sicherheit, Geborgenheit und Halt. Nach und nach erweitern sie so ihren Handlungsspielraum und ihr Weltbild; sie erlangen letztlich mehr Autonomie. Wenn wir in der Schule dazu gern beitragen wollen, ist es sinnvoll, vielfältige Rituale einzuführen oder zu unterstützen.

Die verschiedensten Arten von Ritualen wirken auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Manche Rituale finden in der Schule nur sehr selten Raum, da sie wenig Anknüpfungspunkte bieten, beispielsweise Rituale zur Krisenbewältigung. Andere wiederum können in der Förderschule einen guten und regelmäßigen Platz finden, da sie häufig und in kurzen zeitlichen Abständen einfließen können.

Aus der unerschöpflichen Vielfalt seien hier zwei Ritualisierungsmöglichkeiten besonders hervorgehoben, die gleichermaßen für den Einzelnen wie auch als Gruppenerlebnis sehr bedeutungsvoll werden können. Kinder mögen es, den eigenen Körper zu spüren und dabei die Aspekte Emotionen und Gemeinschaft mit einzubeziehen.

Yoga als sich wiederholendes Entspannungsritual

Yoga und Entspannungsübungen sorgen auf spielerische Art dafür, dass Kinder den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung spüren. Dadurch können viele negative Einflüsse aus Schule oder Alltag ausgeglichen werden. Stärker als viele andere Bewegungsformen wirkt Yoga in besonders ganzheitlicher Weise. Die Yogastellungen können so miteinander kombiniert werden, dass bestimmte emotionale Qualitäten damit angesprochen werden können. Stimmen Sie die Übungen auf die Befindlichkeiten der Schüler ab. Beispielsweise können Sie an Tagen mit sehr viel Unruhe und Bewegungsdrang andere Haltungen üben als an Tagen mit wenig Energie.

Wichtig hierbei ist das regelmäßige Üben. Finden Sie im Tages- bzw. Wochenverlauf feste Zeitpunkte, zu denen Sie das Angebot machen können. Wählen Sie einen ruhigen Raum und sorgen Sie für eine angemessene Lernumgebung. Durch eine gleichbleibende Übungsstruktur stellt sich mit der Zeit ein Ritual ein, bei dem die Schüler eine kurze Auszeit aus dem Lernalltag bekommen. Finden Sie ein passendes Anfangs- und Abschlussritual für die Yogaeinheit, zum Beispiel:  Platz einrichten — Begrüßung — Kerze — Hörübung — Klangschale. Sie können dies auch gemeinsam mit den Schülern entwickeln und auf Vorlieben Rücksicht nehmen. Dies verstärkt den ritualisierenden Charakter.

Gemeinsame Mahlzeiten stärken auch seelisch

Das Miteinanderessen ist ein wertvoller Teil unserer Gemeinschaft und Kultur. Besonders in Förderschulen haben wir gute Möglichkeiten, um Mahlzeiten mit angenehmen Ritualen zu gestalten, da das Thema Selbstversorgung auch in den Lehrplänen verankert und eine Fördermöglichkeit in sich ist. Miteinanderessen ist weitaus mehr als Nahrungsaufnahme. Im Wort Nahrung steckt die Bedeutung „nähren“ — und das Nährende sind nicht nur die Inhaltsstoffe der Lebensmittel, sondern auch die Freude und der Genuss beim Essen. Besonders bei Schülern mit sehr intensivem Förderbedarf ist es wichtig, die oft belastete Essenssituation möglichst angenehm und stärkend zu gestalten.

Bereits das Händewaschen und gemeinsame Tischdecken können Teil des Essensrituals werden. Etablieren Sie eine Esskultur, die einen schön gedeckten Tisch mit ansprechender Optik beinhaltet. Verzichten Sie doch einfach auf Plastikboxen und Trinkflaschen im Klassenraum, diese gehören aus praktischen Gründen eher auf den Pausenhof. Geben Sie jedem Schüler einen eigenen Essplatz und ein Tischset. Sorgen Sie für die gemeinsame Gestaltung von Tischdeko und benutzen Sie richtiges Geschirr.

Neben dem ritualisierenden Effekt können Sie damit bestimmt auch weitere Fördereffekte in der lebenspraktischen Übung verbuchen. Erfinden Sie gemeinsam mit den Schülern eigene Tischrituale, z. B. ein Spruch oder ein kleines Lied zum Guten-Appetit-Sagen. Fördern Sie Esskultur und Tischmanieren, beenden Sie das Essen mit dem Ritual „die Tafel aufheben“. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Mit Ritualen können wir hervorheben, was uns wirklich wichtig ist. Fragen Sie also sich und Ihre Schüler, was im Alltag eine Rolle spielen soll. Damit eröffnen Sie Erlebnisräume und stärken Ihre Schüler.

Claudia Omonsky

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