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Alternativ- und Reformpädagogik

Rituale - Gewohnheiten - Regeln

Ganz allgemein sind Rituale Aktionen, die Regeln als feste Gewohnheiten etablieren. Schulische Rituale gibt es solange die Institution Schule besteht. Heutzutage dienen sie der Gemeinschaftsbildung und der Orientierung der Schüler. Es ist jedoch nicht einfach solche Rituale und Regeln im Schüleralltag zu verankern.

Alternativ- und Reformpädagogik: Rituale - Gewohnheiten - Regeln Rituale und Regeln lassen sich im Unterricht nicht mit dem erhobenen Zeigefinger einführen © Picture-Factory - Fotolia.com

Bis Ende des 19. Jahrhunderts dienten sie vor allem der Disziplinierung oder Bestrafung der Schüler. Körperliche Züchtigung und Drill galten als sinnvolle pädagogische Maßnahmen. Dies änderte sich erst in den reformpädagogischen Schulen. Rituale wurden nun in der Pädagogik „vom Kinde aus“ vor allem als wichtige Mittel der Gemeinschaftsbildung und des Wohlbefindens der Schüler erkannt.

Während die Schulen der Reformpädagogik die Rituale als notwendigen Teil der Pädagogik praktizierten und weiterentwickelten, fand bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts der Unterricht an öffentlichen Schulen zum Teil noch mit Unterwerfungs- und Disziplinierungsmaßnahmen statt. Auf den Missbrauch von Ritualen zwischen 1933 und 1945 soll hier nicht eingegangen werden.

Von der rapiden Veränderung der Lebenswelt außerhalb der Schule sind besonders die Kinder betroffen. „Die einseitige Konzentration auf Leistung und formalen Erfolg führt dazu, dass sich viele Kinder und Jugendliche ausgeschlossen fühlen“ (siehe neue Unicef – Studie).

Orientierungslosigkeit, Verunsicherung, Interesselosigkeit und Unzufriedenheit mit der Lebenssituation sind sicher auch Ursachen für Aggressionen und destruktives Verhalten. Gerade Rituale als fester Bestandteil des Schullebens können, richtig eingesetzt, herausragende Bedeutung haben. Sie können wichtig für Lernerfolg und Wohlbefinden der Schüler sein. Rituale, Gewohnheiten und Regeln können außerdem

  • die Arbeit im Unterricht strukturieren,
  • die Schulzeit gliedern und mit Spannung erfüllen,
  • dem Zusammenleben eine verlässliche Orientierung geben,
  • dem einzelnen Halt geben,
  • den Unterricht entlasten,
  • den Schulablauf rhythmisieren und
  • Geborgenheit und Sicherheit herstellen.

Wie bereits an anderer Stelle festgestellt, arbeiten Alternativschulen und Schulen der Reformpädagogik unter Bedingungen, die in der Regel an öffentlichen Schulen nicht gegeben sind. Sie sind in der Regel

  • Ganztags- und Gemeinschaftsschulen mit anderen organisatorischen und pädagogischen Prinzipien,
  • Schulen mit kleineren Klassen und Kursen
  • und vor allem mit einer anderen, kindgemäßeren Architektur der Räumlichkeiten (positive Beispiele siehe die Laborschule Bielefeld, die Helene-Lange Schule in Wiesbaden, die Freie Schule Anne - Sophie in Künzelsau oder die Landerziehungsheime („nach Lehrern und Mitschülern ist das Klassenzimmer der dritte Pädagoge“).

 

Bei den Beispielen für Rituale, Gewohnheiten und Regeln auf Gegebenheiten beschränken, die ich während meiner Zeit als Lehrer an öffentlichen Schulen vorgefunden habe.

Regeln 

Verbote sind unumgängliche Regeln. Sie sind unentbehrlich für die innere Ordnung und den Schutz der Schüler. Sie sollten beim Schuleintritt am besten situationsabhängig, durchschaubar und ohne Strafandrohung erklärt werden. Den Kindern fällt das Verstehen leichter, wenn der Sinn der Verbote einsichtig gemacht wird (Handeln aus Einsicht!). Beispiele hierfür wären:

  • Verlassen des Schulgeländes – Hinweis auf Gefahren
  • Betreten der Sporthalle
  • Verhalten in Werkräumen
  • Umgang mit Schulbüchern und Unterrichtsmateria
  • Aufräumen am Ende des Schultages

 

Die Regeln sollten von der ganzen Klasse entwickelt, ev. unterschrieben  und im Klassenzimmer aufgehängt werden (wichtig in der Grundschule).

Feiern und Feste

Feiern haben in der Regel ein festes Programm und einen bestimmten Rahmen (Aula, Turnhalle, Pausenhof). Feste bieten Anlass für vielfältige Aktivitäten (Schulfest, Basar; Flohmarkt, Sportfest, Spielfest usw.). Im Vordergrund steht das gemeinschaftliche Leben in der Klasse oder der Schule zwischen  Schülern, Eltern, Lehrer und Gemeinde. Feiern und Feste

  • fördern die Identifizierung mit der Schule,
  • gliedern den Jahresablauf (leider finden sie oft geballt am Schuljahresende und nicht verteilt über das ganze Jahr statt),
  • bieten Schülern die Chance zum Probehandeln, wenn sie in Planung, Vorbereitung und Durchführung einbezogen werden.

 

Rituale

Rituale in der Schule sind Bräuche, die von Schülern ohne wiederholte Erklärung verstanden werden. Viele Rituale enthalten nicht nur eine rationale Bedeutung, sondern sie können auch Symbolkraft entfalten (z.B. bei Begrüßungs- und Verabschiedungsritualen). Wesentlich ist, dass

  • sie im Einverständnis von Lehrer und Schüler getroffen werden,
  • bei Planung und Durchführung die Schüler ihre Ideen und Wünsche einbringen können,
  • sie immer wieder hinterfragt und verändert werden, um zu verhindern, dass sie langweilig werden und die positiven Aspekte verlieren.

 

Rituale in der Klasse können sein:

  • kleine Zeichen oder Signale zur Herstellung von Ruhe (Handzeichen oder ein Signal),
  • Feiern und kleinen Feste zur Verabschiedung von Schülern, Praktikanten, Referendaren, an Geburtstagen,
  • regelmäßige Besprechungen von Abläufen im Morgenkreis oder Klassenrat,
  • Präsentationen nach Projektwochen,
  • Kleine Ausstellungen zu bestimmten Themen.

Rituale bei besonderen Klassenveranstaltungen

Besondere Bedeutung im Jahresablauf haben sicherlich Wandertage, Klassenfahrten, Skikurse, Studienfahrten usw.. Sie bilden Höhepunkte und Abwechslung im Schuljahr. Wichtig ist, dass

  • eine frühzeitige Vorbereitung und Planung von Lehrer und Schülern  gemeinsam stattfindet,
  • die Schüler erkennen, dass es ihre Veranstaltung ist, die sie mitgestalten,
  • sie sich darauf freuen, weil es etwas Besonderes werden wird,
  • sich Teams bilden, die Spielturniere, Gruppenvorführungen,  Abschlussabend, Diskoabend usw. bereits zu Hause vorbereiten und dann auch diese veranstalten.

 

Rituale verändern und entlasten nicht nur den Unterricht, sondern können entscheidend dazu beitragen, dass die Schüler sich wohlfühlen, sich sicher fühlen und sich dazu gehörig fühlen.  Dies alles sind wichtige Faktoren für den Lernerfolg. Wir müssen in unseren Schulen den Jugendlichen besser zuhören, sie fordern und fördern und mehr Möglichkeiten zur Mitgestaltung. Rituale können helfen.

Empfehlenswerte Literatur:

Ulrike Köhler: Die Glocksee – Schule. Bad Heilbrunn 2000.

Hermann Röhrs: Lernen – Lehren – Erziehen im Geist der Reformpädagogik. Lüneburg 1998.

Hermann Röhrs: Die Schulen der Reformpädagogik heute. Düsseldorf 1986.
 

Jürgen Meng

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