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Krisenintervention bei GE

Deeskalation bei Wutausbrüchen im Time-out-Raum

Wenn Schüler/-innen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung massive und für andere gefährliche emotionale Ausbrüche haben, hilft unter bestimmten Bedingungen eine kleine Auszeit in einem reizarmen Raum, damit sie sich wieder beruhigen und entspannen können.

Krisenintervention bei GE: Deeskalation bei Wutausbrüchen im Time-out-Raum Dieser Junge braucht Raum und Möglichkeit, um sich zu beruhigen und wieder runterzukommen © Jeanette Dietl - stock.adobe.com

„Ich weiß mir nicht zu helfen, er tritt und beißt und schreit aus dem Nichts heraus und lässt sich gar nicht beruhigen. An Unterricht ist gar nicht mehr zu denken – und wenn er dabei eine Mitschülerin erwischt, geht es nicht gut aus …“, berichtet eine Kollegin ratlos und überfordert gleichermaßen. Denn ein Schüler mit massiv aggressivem Verhalten beeinflusst und steuert nicht selten das Gruppengeschehen einer ganzen Klasse. Wenn neben der Verhaltensproblematik auch eine schwere geistige Behinderung vorliegt, werden sinnvolle und zielführende Interventionen nochmals zu einer besonderen Herausforderung.

Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zeigen vielfältige und zum Teil sehr schwere Formen von Behinderung, die auch Verhaltensprobleme einschließen können. Aus den verschiedensten Gründen heraus entsteht eine innere Not, die wiederum eine ungeheure Anspannung erzeugt. Aufgrund von fehlenden kommunikativen oder auch sozial-emotionalen Möglichkeiten, von Autismus-Spektrum-Störungen oder einer schweren mehrfachen Behinderung, wie nicht selten auch aufgrund von zusätzlicher psychiatrischer Diagnosen, mündet diese Anspannung in  fremd-,  sach- oder autoaggressive Handlungen. Die betroffenen Schüler schreien, toben, spucken, schlagen um sich, werfen mit Gegenständen, treten gegen Mobiliar, Wände, Türen, Fenster oder Arbeitsmaterial. Auch gegenüber den erwachsenen Bezugspersonen oder Mitschülerinnen/Mitschülern können sie diese emotionalen Ausbrüche nicht steuern und wenden sich massiv gegen sie. Häufig werden sie auch autoaggressiv und richten die Reaktionen gegen sich selbst. 

Alle Beteiligten müssen geschützt werden – auch der Betroffene selbst

Nicht nur Unterricht wird dadurch unmöglich, sondern darüber hinaus müssen alle Beteiligten – auch der Betroffene selbst – vor körperlichem Schaden bewahrt werden. Herkömmliche Maßnahmen der Deeskalation können aufgrund der kognitiven Voraussetzungen oft nur ansatzweise erfolgversprechend wirken. Sie bedürfen eines Gesamtkonzepts im schulischen Rahmen von intensiver Prävention, wirksamer Intervention und zielführender Deeskalation mit Rückführung auf ein Level, in dem sicheres und entspanntes Unterrichten möglich ist. 

Es hat sich gezeigt, dass eine sofortige, zeitlich begrenzte Herausnahme aus potenziell auslösenden Situationen bereits im Vorfeld solche massiven Ausbrüche verhindern kann, mindestens aber im Akutfall dazu beiträgt, alle Beteiligten zu schützen. 

Hierfür kann ein separater Rückzugsraum hilfreich sein, der möglichst reizarm und verletzungssicher ausgestattet ist. Es sollte die Möglichkeit bestehen, den Schüler/die Schülerin im Akutfall dort einzeln zu belassen, jedoch beobachten zu können. Diese Möglichkeit ist nicht unumstritten, da sie in bestimmten Fällen als freiheitsentziehende Maßnahme betrachtet und darum differenziert analysiert werden muss. Insbesondere sind die Maßnahmen jeweils nur mit Genehmigung zu treffen sowie als Einzelfallmaßnahmen zu dokumentieren.

Time-out-Raum nur unter bestimmten Voraussetzungen

„Time-Out Räume sind reizarme Räume, in denen ein Jugendlicher mit akuter Tendenz zur Selbst- oder Fremdgefährdung aufgrund der damit einhergehenden Distanz zur Außenwelt zur Ruhe finden soll. Sofern ein solcher Raum in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe als beständig offener Rückzugsort auf freiwilliger Basis vorgehalten wird, ist die Nutzung eines solchen Raumes unproblematisch. 

Sofern Time-Out-Räume jedoch während ihrer Nutzung von außen verschlossen werden, handelt es sich um eine freiheitsentziehende Maßnahme im Sinne des neuen § 1631b Abs. 2 BGB. Der Gesetzgeber hat in seiner entsprechenden Gesetzesbegründung (vgl. BT-Drs. 18/11278 S. 14) explizit auf derartige Time-Out Räume Bezug genommen und somit bereits im Vorfeld etwaige Zuordnungszweifel ausgeräumt. Durch die Einführung des § 1631b Abs. 2 BGB im November 2017 wurde folglich auch der Einsatz von Time-Out-Räumen der neuen richterlichen Genehmigungspflicht unterstellt.“ (weitere Infos dazu hier)

Angebot: Entspannung durch reizarmen Raum

Der Sinn von Kriseninterventionsräumen ist, Platz zum Ausleben eines psychotischen Schubs, Gewaltausbruchs oder Kontrollverlustes zu bieten, ohne dass der Betroffene sich oder Dritte verletzt. Das langsamere Takten von Umgebungsimpulsen in geschützter Umgebung des Auszeit-Raumes verlangsamt bei professionellem Einsatz auch die Wahrnehmung des Menschen. Über die sog. polyvagalen Wirkungskreise, welche im vegetativen Nervensystem auf unsere emotionale Steuerung einwirken, kommen dann verkürzt gesprochen „Beruhigungswellen“ zustande, welche über das Zentrale Nervensystem ZNS einen nicht willentlich zu steuernden Zustand der An- oder eben Entspannung bewirken (vgl. Porges, Stephen: Die Polyvagal-Theorie. Paderborn 2010). 

In der Methode des Snoezelen nach Hulsegge und Verheul (1978) konnten ähnliche Effekte bereits für Menschen mit schwerer mehrfacher Behinderung gezeigt werden, ohne damals eine tiefere neurophysiologische Erklärung zu kennen. Die Einrichtung der weit verbreiteten Snoezelen-Räume zeigt, wie sich diese positiven Effekte in der Praxis bewährt haben. Ein Entspannungszustand über den reizarmen Raum, der zu gezielten entspannenden Effekten und somit zur Beruhigung der gesamten emotionalen Befindlichkeit beitragen kann. 

Die Time-Out-Maßnahme wird also möglichst so eingesetzt, dass der Schüler/die Schülerin diese nicht als Bestrafung, sondern als Angebot zur Beruhigung und Entspannung wahrnehmen kann. Auch das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung ISB Bayern empfiehlt die konzeptionelle Verankerung im Schulleben durch die sog. Trainingsraum-Methode.

„Das Trainingsraum-Modell hat sich inzwischen an vielen Schulen bewährt, um Disziplinschwierigkeiten im Unterricht erfolgreich zu lösen. Der zentrale Gedanke dabei ist, dass …

  • jede Schülerin und jeder Schüler das Recht hat, ungestört zu lernen.
  • jede Lehrerin und jeder Lehrer das Recht hat, ungestört zu unterrichten.
  • jede/r stets die Rechte der Anderen respektieren muss.“ (Info – individuell fördern)

Für Schüler/-innen mit einer schweren und mehrfachen Behinderung sollten somit die beiden Kriterien „schützend“ und „beruhigend“ als wesentlich für die Einrichtung eines Kriseninterventionsraums betrachtet werden. Dieser kann im Sinne einer Konzeptkombination aus Elementen des Snoezelen, der Deeskalation durch Time-Out-Raum, der Trainingsraum-Methode bestehen sowie weiteren Konzepten von Bewegung und Entspannung.

Claudia Omonsky

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