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Leitlinien

Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen (1)

Kleine Unterrichtsstörungen kommen immer wieder im Schulalltag vor. Um diese abzustellen, kommt es darauf an, effektiv zu intervenieren. Interventionsleitlinien helfen dabei, richtiges Schülerverhalten einzufordern und zu fördern.

Leitlinien: Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen (1) Bei Störungen ist ruhiges Intervenieren wichtig, um eine Eskalation zu vermeiden © JackF - stock.adobe.com

Die meisten Störungen im Unterricht sind zwar klein — aber häufig. In der Schweiz stört in den Klassen drei und vier circa alle 42 Sekunden ein Schüler (Wettstein, A., Scherzinger, M. & Ramseier, E.): Unterrichtsstörungen, Beziehung und Klassenführung aus Lehrer-, Schüler und Beobachterperspektive. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 65 (1), 2018, S. 58–74). In Rheinland-Pfalz sagen 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler, dass sie Regeln „nicht“ oder „eher nicht“ einhielten (Giering, G.: Bericht aus der Schulpraxis. In: Pädagogik Leben, 2, 2015, Pädagogiches Landesinstitut Rheinland-Pfalz, S. 20–21). Da ist es schon eine ganz erhebliche Herausforderung diese Störungen professionell und kompetent zu bewältigen. Wie das geht, zeigt Ihnen dieser Beitrag.

Der Beitrag möchten Ihnen Anregungen geben. Bitte entscheiden Sie selbst was ihnen zusagt und passen dies an Ihre Klasse an.

Ungünstige Interventionen bei Störungen

Was sind kleine Störungen? Intuitiv wissen wir das. Kleine Störungen sind beispielsweise, wenn ein Schüler dazwischenredet, ohne sich zu melden, zwei Schüler miteinander flüstern, ein Schüler bei der Einzelarbeit nicht mitmacht, ein Schüler nicht zuhört, wenn der Lehrer etwas erklärt, wenn es während der Kleingruppenarbeit immer lauter wird, wenn während einer Schülerpräsentation Mitschüler gelangweilt aus dem Fenster schauen oder negative Kommentare abgeben usw.

Starten wir damit, was Lehrpersonen besser nicht tun sollten. Dazu liegen nämlich richtig wichtige Studien vor, wie z. B. diejenige von Doyle (Doyle, W. : Classroom Organization and Management. In: Wittrock, M.C. (Hrsg.): Handbook of Research and Teaching. New York 1986, S. 392–397). Störungen können Lehrpersonen dazu verführen, sich damit länger aufzuhalten als nötig, indem sie dem Schüler Vorwürfe machen wie: „Das haben wir doch erst gestern besprochen.“ Oder: „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das so nicht geht.“ Oder: „Ich frage mich, wann du endlich ruhig sein willst.“ Und  noch viele andere mehr. Lehrer mit Disziplinproblemen kritisieren und ermahnen lange, werten dabei den Schüler ab — Ungewollt bauschen sie damit eine kleine Störung auf und riskieren, dass sich der betroffene Schüler emotional von ihnen entfernt.

Wie erfolgreiche Lehrpersonen vorgehen

Anders gehen Lehrer vor, die erfolgreich handeln. Sie weisen nämlich einen störenden Schüler nur ganz kurz an, was er tun soll. (Doyle, 1986). Und was heißt das genau, einen Schüler nur kurz anweisen? Was Classroom-Management empfiehlt, zeigt Ihnen dieser Abschnitt mit Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen:

  1. Zügig, niederschwellig und nonverbal intervenieren: Beispielsweise erst Blickkontakt zu dem störenden Schüler herstellen und ihm evtl. mit einer Handbewegung, Gestik oder Mimik signalisieren, was er tun soll. Und wenn das noch nicht ausreicht …
  2. Nähe herstellen: Sich unauffällig in die Nähe des störenden Schülers begeben und dabei Blickkontakt zu ihm halten. Der Schüler soll spüren: „Mein Lehrer hat mich im Blick — er sieht, dass ich mich unangemessen verhalte.“ Nächster Schritt: …
  3. Ruhig intervenieren: Das ist einer der wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Aspekte beim Intervenieren. Das bedeutet konkret …
  4. Den Schüler nur kurz anweisen, was er tun soll: Dazu ein Fallbeispiel: Paolo klopft während des Unterrichts mit seinem Bleistift auf den Tisch. Sein Lehrer nähert sich ihm und sagt ruhig und sachlich: „Paolo, bitte lies die Aufgabe 1.“
  5. Diskret intervenieren: Wenn Paolos Mitschüler nichts von seinem Stören bemerkt haben, dann ist es sinnvoll, diskret zu handeln. Das erreicht die Lehrperson dadurch, dass sie Paolo zuflüstert, was er tun soll — statt laut durch die Klasse zu rufen. Damit vermittelt sie Paolo, dass ihr nicht daran gelegen ist, den Vorfall an die große Glocke zu hängen. Unbedingt müssen wir versuchen zu vermeiden, den Schüler bloßzustellen, also ihm einen Gesichtsverlust zuzufügen. Der ist nämlich für viele sehr kränkend und verletzend. Vor allem bei Schülerinnen und Schülern in der Pubertät, denen der Kontakt und die Anerkennung durch ihre Peergroup über alles gehen. Und Studien zeigen: Kränkungen haben ein langes Gedächtnis. Der Schüler kooperiert in der Folge weniger und stört deutlich mehr.
  6. So schnell wie möglich weiter unterrichten: Dies ist eine der wichtigsten Leitsätze im Störungsmanagement. In unserem Fallbeispiel unterrichtet die Lehrperson gleich weiter. Einfache Möglichkeiten des Weiterunterrichtens sind z. B. Aufforderungen wie „Maria lies bitte die dritte Aufgabe“ oder „Julian, was denkst du darüber“ usw.
  7. Überprüfen, ob der Schüler der Anweisung nachkommt: Während die Lehrperson weiter unterrichtet, beobachtet sie, ob Paolo ihrer Aufforderung auch wirklich nachkommt — und nicht einfach nur so tut, als ob. Das machen nämlich auch zahlreiche Schülerinnen und Schüler.
  8. Kurze Anerkennung geben: Dieser Aspekt geht davon aus, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Schülerinnen und Schüler mit ihrer Lehrperson kooperieren. Gehen wir also davon aus, dass Paolo damit beginnt, die erste Aufgabe zu lesen. Sein Lehrer nickt ihm jetzt wohlwollend zu, um ihm zu signalisieren: „Ich habe gesehen, dass du kooperierst, danke.“

Classroom-Management Tipp: Auf ermahnen und kritisieren — folgen loben und Anerkennung geben. Anders gesagt: Ermahnen und kritisieren stehen nicht am Ende einer Handlungskette, die aus Stören vonseiten des Schülers und Ermahnen vonseiten der Lehrperson besteht. Sondern jetzt kommen noch zwei sehr wichtige Schritte der Lehrperson:
1.    Konzentriert auf das achten, was der Schüler jetzt gut macht,
2.    und ihm dafür zeitnah positive Rückmeldung geben.

Ausnahmen

Klar, muss man nicht immer intervenieren. Ausnahmen sind z. B., wenn sich ein Schüler nach einem Stören gleich wieder dem Unterricht zuwendet. Zum Beispiel:

  • Zwei Schüler flüstern miteinander — aber nur ganz kurz– und arbeiten gleich wieder weiter.
  • Statt sich zu melden — ruft ein Schüler dazwischen. Dann fällt ihm ein, dass er sich hätte melden sollen — und entschuldigt sich.
  • Ein Schüler ruft zu einem Mitschüler: „Hey Alter, du wirst ja fertig.“ Es ist aber freundschaftlich gemeint — beide lächeln.

Und natürlich muss und kann man nicht immer genau und in der gleichen Reihenfolge so vorgehen, wie oben beschrieben. Sondern man muss sein eigenes Handeln immer auch an die jeweilige Situation anpassen. Aber das wissen wir ja alle.

Christoph Eichhorn

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