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Streitschlichter

Konflikte selbstständig lösen mit der Streitschlichter-Mappe

Streit macht vor Schülern in der sonderpädagogischen Förderung nicht halt, eine Streitschlichter-Ausbildung auch nicht. Mithilfe einer Streitschlichter-Mappe werden sie befähigt, Konflikte weitgehend selbstständig zu lösen.

Streitschlichter: Konflikte selbstständig lösen mit der Streitschlichter-Mappe Streitschlichter helfen, wenn es zwischen Schülern zu einem Streit kommt © Africa Studio/shutterstock.com

„Ich hab doch dein Mäppchen nicht ausgeleert, mach mich nicht an!“, schreit eine Schülerin wütend zurück, als ein Mitschüler an ihren Haaren ziehen will, weil er sich sehr über sein heruntergefallenes Federmäppchen ärgert. Die beiden können sich nur schwer darüber verständigen, dass es auch andere Ursachen für das Mäppchen-Chaos geben könnte — ein heftiger Streit entbrennt.

Konflikte und Streitsituationen gehören zum alltäglichen Bild einer Schulklasse, sie sind ganz normaler Ausdruck von sozialer Interaktion zwischen Menschen, werden aber in der Regel als belastend und störend empfunden. Denn in einer Auseinandersetzung über eine bestimmte Angelegenheit haben die zwei Beteiligten unterschiedliche Ansichten, und mindestens einer von ihnen fühlt sich benachteiligt. 

Es gibt verschiedene Arten sozialer Konflikte

Dabei kann man verschiedene Arten von sozialen Konflikten gut voneinander unterscheiden (vgl. Schunk, Monika: Streitschlichter in der Schule, München 2005, S. 12.ff.):

Durch fehlende Informationen bzw. unterschiedliche Beurteilungen der Situation entsteht oft ein Sachkonflikt. Wenn hingegen die Ressourcen nicht für alle ausreichen, kann ein Interessenskonflikt entstehen, da die Bedürfnisse aller Beteiligten nicht genügend erfüllt werden können. Bei Beziehungskonflikten wiederum geht es um negative Erlebnisse, die man mit einer bestimmten Person verbindet und die damit evtl. einhergehende schlechte Kommunikation. Ähnlich können unterschiedliche Meinungen zu einem Wertekonflikt führen und aus einem Machtgefällt heraus ein Strukturkonflikt entstehen. 

In der Schule gibt es häufige Konfliktsituationen zwischen Schülern, die das Gleiche haben bzw. tun wollen (Interessenskonflikte). Es verschwinden Dinge bzw. werden beschädigt (Sachkonflikte). Und besonders häufig geht es um Beleidigungen oder Gemeinheiten (Beziehungskonflikte). 

Bei Konflikten in der Schule: Streitschlichter einsetzen

Um Schülern mehr Selbstwirksamkeit zu ermöglichen und die Persönlichkeitsentwicklung zu stärken, hat sich die Mediation in Form von Streitschlichter-Programmen schulisch etabliert. Mithilfe einer dritten Person, dem neutralen Streitschlichter, versuchen die beiden beteiligten Schüler sich über den Konflikt zu einigen und den Streit aus der Welt zu schaffen. Die Rolle des Streitschlichters ist dabei von besonderer Bedeutung, da er sich neutral verhalten und zugleich mit hoher sozialer Kompetenz zur Problemlösung verhelfen soll. 

Literaturtipps:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Achtsamkeit und Anerkennung. Materialien zur Förderung des Sozialverhaltens. Köln 2002

Jefferys-Duden, Karin: Das neue Streitschlichterprogramm. Hamburg 2018

Schunk, Monika: Streitschlichter in der Schule. München 2005

Diese wird Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf häufig leider gar nicht zugetraut. Die pädagogischen Bezugspersonen übernehmen oft automatisch die Rolle des Streitschlichters. Mit der bewussten Entscheidung, die Schüler selbst einzubeziehen und in einem Streitschlichter-Programm zur Konfliktlösung zu befähigen, trägt man als Lehrkraft erheblich zur Förderung der sozialen Handlungsfähigkeit bei. Praktische Erfahrungen zeigen deutlich, dass dies möglich und hilfreich ist.

Schüler befähigen, soziale Konflikte selbst zu lösen 

In der unterrichtlichen Erarbeitung bietet es sich an, die Abläufe einer Streitschlichtung kleinschrittig aufzuarbeiten. Eine Streitschlichter-Mappe hilft, diese Abläufe zu visualisieren und so leichter wieder abzurufen. Als Gedankenstütze können die beteiligten Schüler darauf zurückgreifen und auch Tipps nachlesen, falls Situationen nicht zu klären sind oder mit Beschimpfungen eskalieren. Notwendige Voraussetzung sind schriftsprachliche Fähigkeiten bei den Schülern, um überhaupt in der Mappe lesen zu können. 

Kernstück für ein gelingendes Streitschlichtergespräch ist es, die Gefühle anderer erkennen und nachvollziehen zu können, im Sinne eines Perspektivenwechsels. Dies kann in Rollenspielen vorab isoliert geübt werden. Weitere zentrale Methoden sind das aktive Zuhören wie auch der Einsatz von Körpersprache, ebenfalls unterrichtlich im Vorfeld gut zu analysieren. Im weiteren Verlauf einer Unterrichtssequenz werden diese beiden Aspekte dann in den flüssigen Ablauf eines Streitschlichtergesprächs eingebaut. 

Als grundlegende Struktur für ein Streitschlichtergespräch mit positiver Win-Win-Situation kann ein fünfschrittiger Ablauf angeboten werden (vgl. Hartig, Christine: Auswirkungen der Tätigkeit von Schülerstreitschlichtern, Marburg 2006, 24 f.).

  1. Einleitende Phase: Der Streitschlichter begrüßt beide Streitparteien und erklärt, was er tun möchte sowie die Vertraulichkeit des Gesprächs. Er stellt die Gesprächsregeln dar.
  2. Sichtweisen klären: Jeder der betroffenen Streiter darf seine Sicht der Dinge darstellen. Der Streitschlichter versucht, die Kernpunkte zusammenzufassen und zu vergleichen. Hier kann er ggf. nochmals auf die Gesprächsregeln hinweisen.
  3. Konflikterhellung: Der Streitschlichter versucht, die Interessen und Gefühle der betroffenen Mitschüler zu verbalisieren. Damit soll der jeweils andere Partner nachvollziehen können, was er dem Streitpartner wohl angetan hat. Ziel ist es, die Kommunikation wieder in Fluss zu bringen und den Perspektivenwechsel anzuregen.
  4. Lösungssuche: Nun werden die beiden Streiter aktiv und sollen Lösungsversuche zu ihrem Konflikt finden. Der Streitschlichter soll hier eher moderierend versuchen, das Gespräch zu leiten. Er filtert übereinstimmende Lösungsversuche heraus.
  5. Vereinbarung treffen: Man einigt sich auf Lösungen und hält diese auch schriftlich fest. Die Abmachungen sollen möglichst positiv formuliert sein. Erwartungen an das Verhalten werden ebenfalls aufgeschrieben. 

Für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf kann es schwierig sein, eine Streitschlichtung idealtypisch durchzuführen, wenn die Sprache eingeschränkt ist. Mit der entsprechenden Assistenz oder kompensatorischen Hilfsmitteln bzw. alternativen Formen der Kommunikation kann Abhilfe geschaffen werden. 

Die Möglichkeiten der Unterstützten Kommunikation, Symbole, aber auch Methoden des Rollenspiels oder der Kunst können hier mit eingebracht werden. Besonders die gemeinsame Erarbeitung einer Streitschlichter-Mappe hilft sowohl bei der unterrichtlichen Durcharbeitung aller Ablaufschritte wie auch in der eigentlichen Durchführung des Schlichtungsgesprächs. 

Auch wenn es beim Modell der Streitschlichter um ein sehr umfangreiches Unterrichtsziel geht, können alle erforderlichen Teilschritte bereits als Ziele sehr wertvoll sein. Am Ende steht der Wunsch, dass Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf ohne die Hilfe von Erwachsenen leichter in der Lage sind, ihre Konflikte untereinander sinnvoll auszutragen.

Claudia Omonsky

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