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Soziales Lernen

Streit schlichten mit Streitgeschichten

In der Schule lernen die Kinder nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch „richtig“ streiten. Einfache Regeln helfen dabei ebenso, wie Übungen mit Streitgeschichten und Rollenspielen, wobei die Lehrkraft als neutraler Vermittler agiert.

Soziales Lernen: Streit schlichten mit Streitgeschichten So weit muss es nicht kommen, dass Kinder handgreiflich werden, um Meinungsverschiedenheiten auszutragen © highwaystarz - Fotolia.com

Mit dem Eintritt in die Schule wächst das Konfliktpotential: Eine feste Gruppe von Kindern findet sich plötzlich jeden Morgen in einem bestimmten Raum zusammen. Innerhalb der neu zusammengewürfelten Gruppe wird eine soziale Rangordnung ausgefochten. Oft ist es eng im Klassenzimmer, die Kinder müssen über lange Zeiten stillsitzen und dem Unterricht folgen. Und sie dürfen nicht spielen, wann, was und mit wem sie wollen. — Insgesamt eine Situation, an die sich die Erstklässler erst gewöhnen müssen, und die zu Aggressionen und ersten Rangeleien in der Klasse führt.

Wie sich die Kinder in der Klasse einleben und miteinander umgehen „begleitet jeden Klassenlehrer vom ersten Schultag an“, schreibt Heilpädagoge und Waldorflehrer Burkhard Hirsch in dem Artikel „Hänseln — Ärgern — Streiten“. In der Regel beobachtet er in den ersten Wochen noch eine gewisse Scheu, doch das ändere sich schnell: „Manche Schüler treten kräftiger auf, suchen verstärkt Kontakt zu den anderen“, und es komme zu den ersten Streitsituationen, in denen auch „die ersten Tränen fließen, Kinder suchten beim Lehrer Hilfe, Schutz und Rat und bald seien die ersten Schlichtungen nötig,“ so Hirschs Erfahrung. 

Kinder streiten handgreiflich

Die meisten Kinder im Schuleintrittsalter tragen Auseinandersetzungen noch hauptsächlich körperlich aus, bisweilen aber schon „verbunden mit ausdrucksstarker Sprache“, schreibt der Friedenspädagoge Günther Gugel im Handbuch „Gewaltprävention in der Grundschule“ (Kapitel 4.2.1 Konflikte konstruktiv bearbeiten, S. 7). Noch fehlen sprachliche Ausdrucksmittel und auch die Fähigkeit zur Perspektivübernahme ist noch wenig ausgeprägt. Trotzdem finden Sechsjährige bereits eigenständig Lösungen, um einen Streit zu beenden. 

Dieses in den ersten Grundschuljahren noch sehr begrenzte Konfliktlösungsinventar gilt es zu erweitern. Streitgeschichten und damit verbundene Übungen und Rollenspiele sind dafür ein probates Mittel: Die Kinder sind dabei nicht emotional involviert, und können mit freiem Kopf mögliche Lösungen entwickeln. Zudem üben sie dabei, sich in andere Kinder hineinzuversetzen.

Die Rolle der Lehrkraft 

Ob bei der Vermittlung bei einem realen Konflikt oder beim Unterrichtsgespräch nach einem Rollenspiel oder einer Streitgeschichte — bei der Gesprächsführung agiert die Lehrkraft zurückhaltend und neutral mit dem Ziel, die Schüler zu eigenen Lösungen zu ermuntern.

Dr. Priska Heidenberger beschreibt auf der Website „Zeitblüten“, wie Erwachsene zwischen den Streitenden so vermitteln, dass die Kinder eigenständig einen Kompromiss finden. 

Bei einem tatsächlichen Konflikt nimmt sie die Kinder beiseite und setzt sich zu ihnen, um mit ihnen auf Augenhöhe zu sprechen. Neutral und ohne direkte Schuldzuweisung schildert sie dann ihre Beobachtungen, zum Beispiel: „Lukas, ich habe gesehen, dass du Gerald auf den Kopf geschlagen hast.“ „Gerald, Lukas hat gesagt, dass du ihm sein Lego genommen hast und dass er das nicht will.“

Sie hört zu, wie die Kinder ihr Verhalten begründen, fasst deren Aussagen neutral zusammen und fragt nach einer möglichen Lösung: „Gerald, Lukas hat gesagt, dass du ihn geschlagen hast und dass er das nicht will. 

Lukas, Gerald hat gesagt, dass du ihn geboxt hast. Habt ihr eine Idee, was ihr tun könntet, damit ihr beide wieder zusammen spielen könnt?“ 

Die Schüler erleben bei diesem Gespräch, dass es nicht darum geht, zu gewinnen oder zu verlieren, sondern um einen Kompromiss, mit dem der Konflikt gelöst wird und von dem beide auch künftig profitieren, wenn sie „wieder zusammen spielen“ können.

Themen und Materialien für Streitgeschichten

Im oben verlinkten Kapitel aus dem Handbuch Gewaltprävention finden sich die typischen und „immer wiederkehrenden Situationen“, die bei Kindern Konflikte veranlassen (S. 7): Kinder streiten „um Platz, Material und Spielgerät“, aber auch um „Positionen, Rollen oder Rangfolge“, sie ärgern und provozieren einander oder geraten sich beim Aushandeln von Spielregeln oder -ideen in die Haare. — Das alles lässt sich ganz schnell zu einer kleinen Konfliktszene verarbeiten, die dann als Vorlage für ein Rollenspiel oder für ein Handpuppenspiel dienen kann. 

Potenzielle Streitsituationen könnten sein: 

  • Tim und Marie bauen ein Kartenhaus, Tim stößt versehentlich ran und alles stürzt ein. „Das hast du absichtlich gemacht!“, sagt Marie, „Gar nicht wahr“, sagt Tim ...
  • „Wer will ins Tor gehen?“, fragt der Fußballtrainer in die Runde. Felix und Ben rufen gleichzeitig „ICH!“ und rennen auf das Tor zu. „Erster!“, schreit Ben, doch Felix gibt nicht auf. Er versucht, Ben am Trikot aus dem Tor zu zerren. Mit einem lauten „Ratsch!“ reißt der Stoff. Ben ist außer sich und stürzt sich auf Felix ...
  • Leon und Jonas spielen mit Autos, Mia möchte auch mitspielen. „Das ist nur was für Mädchen“, sagt Leon, aber Mia nimmt sich einfach ein Auto. „Gib das sofort wieder her!“ … usw.

Die praktische Arbeit mit Streitgeschichten 

Bei der praktischen Arbeit mit Streitgeschichten gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste: Die Lehrerin spielt die Geschichte mit Handpuppen vor. Anschließend spricht sie mit den Kindern über die Geschichte und die Erfahrungen der Kinder: Worum geht es in der Geschichte? Warum streiten die Kinder? Habt ihr schon einmal etwas Ähnliches erlebt? Wie habt ihr euch gefühlt? Was habt ihr dann gemacht? Und vor allem: Was könnten die Kinder in der Geschichte machen, damit sie sich wieder vertragen? Anschließend stellen die Kinder ihre Lösungen in einem Rollenspiel dar. 

Dieser Ablauf setzt voraus, dass die Schüler bereits Erfahrung mit Streitgeschichten und Rollenspielen haben. In der Grundschule Geweke in Hagen üben die Schüler die damit verbundenen Kompetenzen mit einem mehrstufigen Trainingsplan ein: Zunächst werden drei einfache Regeln für ein Konfliktgespräch eingeführt: 

  • zuhören
  • ausreden lassen
  • nicht beschimpfen 

Danach üben die Kinder, die Streitanteile zu benennen, die Streitrollen zu übernehmen und in der Ich-Form zu erzählen. Sie lernen dabei, Gefühle zu benennen und zwischen den Kontrahenten die Rollen zu wechseln.

Den Kindern werden dabei komplexe Fähigkeiten abverlangt, die immer wieder trainiert und erweitert werden sollten. Dafür bietet sich zum Beispiel zur Einführung eine mehrstündige Projektarbeit an. Danach könnten Streitgeschichten einen festen Platz im Stundenplan bekommen, zum Beispiel an bestimmten Wochentagen nach dem Morgenkreis.

Martina Niekrawietz

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