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Förderschwerpunkt GE

Umgang mit Verhaltensstörungen — erste Maßnahmen

Wenn Schüler Emotionen und Verhalten schlecht kontrollieren können, sind Konflikte im Schulalltag vorprogrammiert. Eine empathische Grundhaltung der Lehrkraft, Regeln und Verstärkerpläne wirken sich positiv auf die betroffenen Schüler und aufs gesamte Klassenklima aus.

Förderschwerpunkt GE: Umgang mit Verhaltensstörungen — erste Maßnahmen Klare Signale können helfen, Verhalten im Unterricht zu steuern © strichfiguren.de - stock.adobe.com

Der Kinofilm „Systemsprenger“ erzählt die Geschichte von Benni, die mit ihren neun Jahren einfach nur bei ihrer Mutter sein will. Diese ist jedoch vom Leben überfordert, hat Angst vor der Tochter mit ihren Gewaltausbrüchen und möchte sie nur loswerden. Der Film wird hochgelobt, sei „der härteste Film in 2019“ und sei „kein Film, sondern eine Erfahrung (...), der einen mit all seiner Kraft überrollt“, so eine Filmkritik.

Als Lehrkräfte kennen wir ebenfalls sehr gut die Schüler, welche im realen Leben emotionale und Verhaltensstörungen aufweisen, die als herausfordernd, verhaltensoriginell oder gemeinschaftsschwierig, gar psychopathisch beschrieben werden. Ihr Verhalten kann die  Stoffvermittlung behindern und den Bildungsauftrag erschweren. Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung kommen die beiden Schwerpunkte kognitive Entwicklung sowie sozial-emotionale Entwicklung häufig zueinander.

Bei einer Studie zur Schülerschaft in Bayern stellte man fest, dass ca. 52 Prozent aller Schüler mit geistiger Behinderung auch eine Verhaltensstörung aufwiesen. Entsprechend des Schweregrads der geistigen Behinderung stiegen auch die Verhaltensauffälligkeiten. Darunter fallen verschiedene Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens wie Aggression oder Dissozialität, emotionale Störungen, starke Trennungsängste, selektiver Mutismus, Tics, Stereotypien oder sexuelle Auffälligkeiten (vgl. Dworschak, Wolfgang u.a.: Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Eine empirische Studie. Oberhausen 2012).

Man gewinnt den Eindruck, zwischen Schülern und Lehrern entwickelt sich aufgrund des schwierigen Verhaltens eine Gegnerschaft, mit der keine der beiden Seiten gut zurechtkommt. Nicht nur Schüler verzweifeln daran, sondern auch Lehrer. Überforderung, Erschöpfung und Burnout nehmen zu. Umso wichtiger wird es, als Lehrkraft effektive Kompetenzen im Umgang mit schwierigen Schülern zu entwickeln. Nicht nur die Pädagogik, auch neueste Erkenntnisse aus der Bindungs- und Emotionsforschung sowie der Hirnforschung können uns dabei helfen, mehr Handlungssicherheit zu gewinnen, um in einem wertschätzenden und respektvollen Miteinander ein positives Klassenklima zu erwirken.

Besonders wichtig ist die Grundhaltung der Lehrkraft

Denn in der positiven Beziehung, die der Verhaltensunterstützung dient, betrachten wir jedes Verhalten des Schülers als subjektiv sinnvoll, egal wie unverständlich es uns zunächst erscheinen mag. Die Person steht im Mittelpunkt und ist das Maß unseres Handelns. Dies berücksichtigt auch den uns vielleicht unbekannten Hintergrund und Auslöser eines Verhaltens. Das bedeutet, nicht allein die Person wird ursächlich für ihr Verhalten bewertet, sondern es werden auch die Umwelteinflüsse auf die Person berücksichtigt.

Literaturtipp

Johanna Graf/ Stefan Bauer: Klasseteam — Das Miteinander stärken. Emotionale Kompetenz von Lehrkräften und Kindern im Grundschulalter stärken. München 2009

Neben der Selbstfürsorge, die wir als Lehrkräfte uns selbst gegenüber pflegen, wird so die gute und positive Lehrer-Schüler-Beziehung in den Vordergrund gerückt. Mit einer wertschätzenden Haltung fällt es leichter, den Schüler so zu akzeptieren, wie er ist und sich mit Empathie in dessen Erleben einzufühlen. Was als selbstverständlich und geradezu banal erscheint, wird zum wichtigsten Faktor, damit sich der Schüler in seinen Bedürfnissen ernst genommen fühlt. Gleichzeitig stellt das Verhalten des Lehrers eine wesentliche Orientierungshilfe für den Schüler dar und dient als Vorbild. Insofern ist Erziehung kein einseitiger, sondern ein gemeinsam vollzogener Gestaltungsprozess. Denn die Entwicklung emotionaler Intelligenz bedeutet, den bewussten Umgang mit eigenen Gefühlen, Emotionen und Stimmungen, wie auch die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Gefühlen und Bedürfnissen des Gegenübers.

Prävention und Maßnahmen zur Intervention

In der Arbeit mit Regeln und Verhaltenszielen legt die Lehrkraft gemeinsam mit den Schülern gemeinsame Klassenregeln und Rituale fest. In einem Kontrakt kann sich die Klassengemeinschaft zu verbindlichen Gemeinschaftsregeln verpflichten und diese auch im Klassenzimmer sichtbar machen.

Hilfreich ist es, wenn die Regel ein Gebot enthält und kein Verbot. Sie ist einfach, konkret und bildhaft. Sie beschreibt genau und sehr knapp das erwartete Verhalten. Eine gute Regel gilt für Lehrer und Schüler gleichermaßen und beginnt folglich mit „ich“ oder „wir“. Das erwartete Verhalten sollte beobachtbar sein, z. B. „Ich melde mich“ oder „Ich arbeite leise“. Bei Regelverletzungen bezieht man sich darauf und verdeutlicht einen jeweils direkten Bezug zur möglichen Sanktion. Allerdings können Schüler, die sich in der emotional-sozialen Entwicklung noch auf der Stufe eines Kleinkinds (0-2 Jahre) befinden, noch keine positiv formulierten Gebote verstehen bzw. umsetzen. Hier empfiehlt sich eine Mischung aus Gebot und Verbot, zum Beispiel: „Ich bin freundlich. Ich ziehe niemand an den Haaren.“ Auch eine Visualisierung hilft beim Verstehen.

Individuelle Verhaltensziele können mit einzelnen Schülern festgelegt werden. In den sogenannten Konsequenzenplänen/Alternativenplänen werden jeweils Verstoß und Konsequenz schriftlich und bildlich vermittelt, beispielsweise mit den Metacom-Symbolen ((https://www.metacom-symbole.de/index.html)). So kann dargestellt werden, welche Folgen das eine und das andere Verhalten nach sich zieht, z. B.: „Wenn ich andere nicht schlage — kann ich mitmachen — dann bin ich nicht alleine und glücklich.“ Oder die Alternative: „Wenn ich andere schlage — muss ich eine Auszeit nehmen — dann bin ich alleine und traurig.“

Catch him being good — Verstärkerpläne

Im Alltag ergibt sich immer wieder die Problematik, dass ein erwünschtes Verhalten zu wenig gezeigt wird bzw. der Lehrkraft nicht auffällt, während ein unerwünschtes Verhalten sehr häufig gezeigt wird und dazu führt, dass es von außen auch wahrgenommen wird. Beispielsweise fällt das laute Herumschreien des einen Schülers mehr auf und wird in den Fokus gerückt, während das leise Stillsitzen des anderen Schülers eher selbstverständlich wirkt und darum unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt, also auch wenig positiv verstärkt wird.

Mit unterschiedlichsten Verstärkersystemen kann man diesem Effekt entgegenwirken. Anfangs verstärkt man sehr kontinuierlich positiv, später mit zunehmend gefestigtem Verhalten eher intermittierend. So kommen die Smiley-Listen zunächst am Ende einer jeden Stunde zum Einsatz, später dann am Ende des Tages oder auch der Schulwoche. Eine solche Art der positiven Verstärkung muss mit allen Beteiligten gut abgestimmt werden, um eine möglichst hohe Kongruenz im Rückmeldeverhalten zu erzielen.

Ausgehend von einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung, die sich durch Echtheit und Kongruenz auszeichnet, sind auch weitere Maßnahmen notwendig. Diese zielen nicht ausschließlich auf den betreffenden Schüler, sondern berücksichtigen auch die Situationsbedingungen und das gesamte Umfeld — beispielsweise Mitschüler und Klassenklima, Elternarbeit und Teamarbeit. Dies braucht Zeit und Übersicht, aber auch Anleitung und Bestärkung. Das systematische Trainingsprogramm „Klasseteam“ (Graf/ Bauer 2009) beispielsweise stellt die Stärkung der emotionalen Kompetenz sowohl von Lehrkräften als auch von Kindern in den Mittelpunkt und kann in Bausteinen Schritt für Schritt Sicherheit geben.

Besonders die Zusammenarbeit mit Eltern und im Team braucht einen hohen Grad an Abstimmung, damit eine konsequent gleiche Umsetzung erfolgen kann. Dies erhöht sowohl beim Schüler selbst wie auch im ganzen Umfeld Handlungssicherheit und somit positive Grundstimmung.

Claudia Omonsky

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