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Fallbeispiel

Unterstützungsfrage bei herausforderndem Verhalten (1)

Wenn Schüler herausforderndes Verhalten zeigen, können Unterstützungsfragen helfen. Indem Lehrkräfte aktiv auf diese Schüler zugehen, verhindern sie eine negative Beziehungsdynamik — und machen eine positive Zusammenarbeit möglich.

Fallbeispiel: Unterstützungsfrage bei herausforderndem Verhalten (1) Es hilft eine Menge, auf die Schüler zuzugehen und sie nach ihrem Befinden zu fragen © Monkey Business - stock.adobe.com

Frau Petersen hat mit Finn einen Schüler mit herausforderndem Verhalten in ihrer neuen Klasse, die sie gerade übernommen hat. Da sie sich über ihre Schülerinnen und Schüler vorinformiert hatte, wusste sie auch, dass Finn schon lange erhebliche schulische Probleme hat. Für sie ist klar, dass sie sich gleich zu Beginn des neuen Schuljahres um diesen Schüler besonders kümmern muss. Also bittet sie ihn am Ende der zweiten Schulwoche zu einem kurzen Gespräch. Sie sagt zu ihm: „Du weisst doch, Finn, dass es mir wichtig ist, dass ihr euch in meiner Klasse wohlfühlt und gut lernen könnt. Wie geht es dir? Fühlst du dich wohl? Kannst du gut lernen?“ Aber Finn antwortet nur kurz und einsilbig: „Schlecht.“

Was jetzt? Klingt nicht schön, diese Antwort. Es ist sogar möglich, dass sich Frau Petersen gekränkt fühlt. Vor allem, wenn sie sich vorher schon sehr um Finn bemüht hat. Dann könnte sie seine Antwort als Zeichen von Undankbarkeit bewerten. Und die Konsequenzen könnten sein, dass sie mit Finn nicht mehr viel zu tun haben möchte.

Mögliche negative Beziehungsdynamik durchbrechen

Diese Hypothese entspricht genau den Befunden einer der wichtigsten Studien überhaupt. Nach Brophy kann sich die Beziehungsdynamik zwischen Schülern wie Finn und deren Lehrperson wie folgt entwickeln:

  • der Schüler benimmt sich unangemessen, die Lehrkraft erlebt ihn als schwierig.
  • Sie geht ihm aus dem Weg.
  • Der Schüler steht unter erhöhter Beobachtung seiner Lehrperson. Wenn er stört fällt ihr das gleich auf und sie ermahnt und kritisiert ihn viel.
  • Wenn er sich aber einmal angemessener verhält, fällt es seiner Lehrperson kaum auf. Entsprechend gibt sie nur ganz selten Lob und Anerkennung.
  • Während sie mit anderen Schülerinnen und Schülern auch mal ein persönliches Wort austauscht, geht sie diesem Schüler aus dem Weg. Sie weiß auch wenig über ihn, wie zum Beispiel: Was macht er am liebsten in seiner Freizeit macht? Fühlt er sich in der Schule wohl? Wie erlebt er schlechte Noten, also z. B. als Ansporn, es besser zu machen, oder als Zeichen seiner Unfähigkeit und als demotivierend.

Literatur zum Thema:

Mehr zu den hier behandelten Themen finden Sie in: Christoph Eichhorn: Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören und auf seiner Website. Christoph Eichhorn ist Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz, Tübingen und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland und Österreich.

Jere E. Brophy: Motivating students to learn. 2004

Shane j. Lopez / C. R. Snyder (Hrsg.): The Oxford Handbook of Positive Psychology (Oxford Library of Psychology). 2011

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Das macht die Lehrperson natürlich nicht absichtlich und auch nicht bewusst, sondern es sind meist automatisch ablaufende Erlebens- und Verhaltensmuster. Aber sie haben einen erheblichen Effekt. Sie belasten zusätzlich einen Schüler, der sich sowieso schon schwertut. Und der sich daraufhin oft noch unangemessener und noch unkooperativer verhält. Wir können sagen, dass die Lehrperson mit ihrem Vorgehen ungewollt ihre eigene Situation verschlechtert.

Vier Schritte hin zu einer ersten positiven Wendung

Diese Dynamik könnte sich jetzt auch zwischen Finn und Frau Petersen entwickeln. Wie aber könnte Frau Petersen gegensteuern?

  • Schritt 1: Das Verhalten des Schülers nicht persönlich nehmen. Frau Petersen könnte sich sagen: „Wenn ein Schüler schon so lange so viele schulische Misserfolge hat und kaum Lob und Anerkennung erhält, dann ist es durchaus nichts Ungewöhnliches, wenn er auch gutgemeinte Unterstützung ablehnt.“
  • Schritt 2: Negative Emotionen als wichtige Information betrachten. Aus Classroom-Management-Perspektive verbergen sich Aussagen wie der von Finn die aktuell wichtigsten Informationen über diesen Schüler. Sie geben uns nämlich Einblick in ihr Innenleben und ermöglichen uns damit Zugang zu ihren negativen Emotionen. Nur dann können wir diese bearbeiten. Und das ist überaus wichtig. Wir können uns doch gut vorstellen, welche negativen Konsequenzen negative Emotionen langfristig für unsere Arbeit und die Entwicklung dieser Schüler haben. Die Mehrzahl aller Schüler ist ohne unsere Hilfe weit überfordert, starke negative Emotionen auf angemessene Weise zu regulieren. Wir können doch nicht erwarten, dass Finn zu Frau Petersen sagt: „Schön, dass Sie mich das fragen, Frau Petersen. Aber wissen Sie, die vielen schlechten Noten haben mich so frustriert, dass ich jede Motivation verloren habe. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn Sie mir dabei helfen, wieder in der Schule Tritt zu fassen.“
  • Schritt 3: Mit dem Schüler über seine negativen Emotionen sprechen. Frau Petersen antwortet Finn in unserem Beispiel: „Das ist nicht schön, wenn es dir schlecht geht. Tut mir leid, das habe ich nicht richtig bemerkt. Aber Finn, sehr gut, dass du es gesagt hast, vielen Dank. Und nach einer kleinen Pause: „Was ist denn besonders schlecht?“ Später fragt sie ihn: „Was sollte denn anderes werden, damit es dir wieder besser geht?“
  • Schritt 4: Gemeinsam nach Lösungen suchen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs überlegt sie zusammen mit Finn, wie sie ihm mit verschiedene Unterstützungsmaßnahmen helfen kann.

Damit ist es Frau Petersen gelungen, aus einer zwischen ihr und Finn drohenden Konflikteskalationsspirale auszusteigen und stattdessen einen Lösungskontext zu konstruieren.

Und tatsächlich wird Finn nach einigen Wochen ein bisschen offener, arbeitet besser mit und sein Ansehen in der Klasse hat sich ein wenig verbessert. Das ist auch für Frau Petersen sehr hilfreich, denn ihre Arbeit wird insgesamt einfacher und vor allem auch befriedigender. Sie sieht, dass ihre Bemühungen erste Früchte tragen. Und das macht belastbarer, wie wir aus der Positiven Psychologie wissen (Lopez, Snyder, 2011).

Classroom-Management geht davon aus: Wenn es unseren Schülerinnen und Schülern langfristig gesehen in der Klasse schlecht geht — geht es oft auch ihren Lehrpersonen schlecht.

Nun sind das längst nicht alle Schritte, um dafür zu sorgen, dass ein Schüler/eine Schülerin sich in der Schule wohlfühlt, dort gern ist und gern lernt. Weitere wichtige Ziele aus Sicht von Classroom-Management sind:  

  • dass Frau Petersen ihre Beziehung zu Finn verbessert, indem sie besonders sorgfältig darauf achtet, was Finn schon gut macht und es ihm zeitnah mitteilt. Oder anders gesagt: indem sie großzügig Lob und Anerkennung gibt.
  • dass sie seine Lernbereitschaft verbessert, indem sie Finn sehr viele Erfolgserlebnisse ermöglicht und ihm bei Schwierigkeiten unkompliziert hilft. Dabei ist hilfreich, wenn sie sich klarmacht, dass so gut wie kein Schüler absichtlich schlechte Noten schreibt oder Aufgaben falsch löst.
  • dass sie versucht, sein Ansehen in der Klasse zu verbessern, indem sie ihn im Unterricht höflich und wertschätzend behandelt.
  • dass sie versucht, seine Eltern zur Zusammenarbeit zu gewinnen.

Heute haben viele Lehrpersonen Schüler wie Finn in ihrer Klasse, woraus sich ein besonderer Handlungsbedarf ergibt. Wenn wir nämlich abwarten und nicht auf diese Schüler aktiv zugehen und bei Störungen vor allem auf Sanktionen setzen, wie das in der Literatur häufig empfohlen wird, verschlechtert dies oft die Situation für den Schüler, aber auch für uns als Lehrerin und Lehrer. Die Idee von Classroom-Management ist, Stören präventiv anzugehen. Das bedeutet im Fall von Finn, mit ihm über seine negativen Emotionen ins Gespräch zu kommen und gemeinsam mit ihm nach Bewältigungsmöglichkeiten zu suchen. Das ist sehr anspruchsvoll. Aber ein Weg, der Entwicklungsperspektiven eröffnet. Davon profitieren letzlich alle Beteiligten – sogar die Mitschüler, weil es dann in der Klasse ruhiger wird und sich das Klassenklima verbessert.

Christoph Eichhorn

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