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Fallbeispiele

Wirksame Störungsprävention ist Präsenz: Classroom-Management (3)

Sind Lehrpersonen präsent im Klassenzimmer und auf der Schulebene allgegenwärtig, dann verhindern sie Störungen. Classroom-Management ist das wirkmächtige Werkzeug, um ein gutes Schul- und Arbeitsklima zu installieren.

Fallbeispiele: Wirksame Störungsprävention ist Präsenz: Classroom-Management (3) Es ist gut, als Lehrkraft alles im Blick zu haben — auch die Schülerinnen, die gerade tuscheln oder Unsinn planen © Syda Productions - stock.adobe.com

Classroom-Management bietet Lehrkräften die wirksamsten Tools, den Unterricht präventiv störungsarm zu organisieren. Ziele von Classroom-Management sind, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler wohlfühlen, gut lernen können und es im Unterricht rund läuft.Dieser dritte Beitrag befasst sich mit Allgegenwärtigkeit bzw. Präsenz. Die Beiträge dieser kleinen Serie möchten Ihnen Anregungen geben. Bitte entscheiden Sie selbst, was Ihnen zusagt und passen dies an Ihre jeweilige Klasse an.

Präsenz und Allgegenwärtigkeit — Management by Walking Around

Kounin definiert Präsenz bzw. Allgegenwärtigkeit in etwa so: Die Schülerinnen und Schüler haben das Gefühl, der Lehrer habe Augen im Hinterkopf und ihm bleibt nichts von dem, was in der Klasse geschieht, verborgen. Störungen kann er korrekt dem richtigen Schüler zuordnen. (vgl. Kounin, J. (2006): Techniken der Klassenführung) Einer der bedeutsamsten Aspekte von Allgegenwärtigkeit ist „Management by Walking Around“, also im ganzen Klassenzimmer — und nicht nur vorn — viel unterwegs sein. Dazu ist allerdings die Hauptvoraussetzung, dass wir unser Klassenzimmer so einrichten, dass wir jeden Ort problemlos und unauffällig erreichen können. Hauptidee ist, dass Nähe zum Schüler Stören reduziert. Das leuchtet ein. Wenn Lehrkräfte gar nicht in ihrem Klassenzimmer sind, sondern draußen, dann stören Schüler/-innen in der Regel deutlich mehr, als wenn die Lehrkraft anwesend ist.

„Management by Walking Around“ ist eines der stärksten Instrumente, um einen geordneten Unterricht aufzubauen. Die Ziele sind:

  1. Bereits am ersten Schultag eines neuen Schuljahres zu den Schülern und Schülerinnen eine Beziehung aufbauen,
  2. die Schüler/-innen unauffällig unterstützen, falls sie mit einer Aufgabe nicht klarkommen und
  3. frühzeitig und unauffällig bei auftretendem Stören eingreifen können.

Die Bedeutung von Präsenz im Klassenzimmer

Und wie machen das erfahrene Lehrpersonen? Die folgenden Fallbeispiele illustrieren die Bedeutung von Präsenz.

Fallbeispiel 1: neues Schuljahr, erster Schultag, erste Stunde Deutsch. Frau König hat eine 6. Klasse neu übernommen. Ihr Vorgänger hat Dario als einen Schüler mit herausforderndem Verhalten beschrieben. Da ist Frau König gleich klar gewesen, zu Dario möglichst schon am ersten Schultag eine gute Beziehung anzubahnen. Gerade füllen ihre Schüler/-innen einen „Steckbrief“ über sich aus. Dort notieren sie auch ihre Hobbys und was ihnen im letzten Schuljahr gut gelungen ist. Unauffällig begibt sich Frau König zu Dario. Sie schaut auf sein Arbeitsblatt und sieht, dass er die erste Frage schon bearbeitet hat. Sie beugt sich zu ich ihm hinunter und flüstert: „Dario, prima! — Die erste Frage hast du ja schon beantwortet.“ Im weiteren Verlauf dieser Stunde wird sie noch einige Male ähnlich vorgehen.

Weiterführende Hinweise:

Alle wichtigen Details zum komplexen Thema Störungen erfahren Sie in: Eichhorn, C. (2018): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören — Die wirksamste Störungsprävention, Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen, Interventionsleitlinien bei großen Störungen

Eichhorn, C. (2018 A): Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten. Klett-Cotta, 10. Auflage

Studie Bertelsmann: Nehmt sie ernst! Junge Menschen wollen gehört und beteiligt werden

Classroom-Management / Website des Autors

Fallbeispiel 2: die Aktzeichnung. Auch in der neunten Klasse bei Herrn Kohler füllen die Schüler/-innen einen „Steckbrief“ über sich aus. Als sich Herr Kohler, für den „Management by Walking Around“ selbstverständlich ist, einem Schüler nähert, sieht er, dass dieser eine sexuell obszöne Zeichnung auf ein Blatt gezeichnet hat. „Gut, dass ich das gleich sehe“, denkt er — und hat damit wirklich recht. Wir können uns gut vorstellen, was es für den Schüler bedeutet, wenn seine Lehrperson gar nichts davon mitbekommen hätte, weil sie auf „Management by Walking Around“ verzichtet und sich nur ganz vorn im Klassenzimmer aufhalten würde. Gemäß den „Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen“ (Eichhorn, 2018) flüstert er ihm jetzt zu, was er tun soll, also: „Bitte bearbeite die Aufgabe 1 des Steckbriefs!“ Statt sich aufzuregen, weist Herr Kohler den Schüler an, was er tun soll. Dann unterrichtet er sofort weiter.

Classroom-Management empfiehlt: Im Unterricht so handeln, dass kleine Störungen klein bleiben.

Zusätzlich empfiehlt das Classroom-Management zu überlegen, diesen Schüler nach dem Ende der Stunde kurz zurückzuhalten und ihm zu sagen: „Ich möchte das nicht mehr sehen — bitte bearbeite in Zukunft die Aufgaben, die ich gebe. Wenn du möchtest, dass ich dir dabei helfe, falls du eine Frage hast, mache ich das gern.“ Je nachdem könnte er auch noch hinzufügen: „Lass uns in 10 Tagen nochmal zusammenkommen.“

Für Classroom-Management-Experten ist klar: Kurze persönliche Gespräche sind deutlich wirksamer, als Schüler/-innen „nur“ im Klassenzimmer ermahnen. (Eichhorn, 2018 A).

Allgegenwärtigkeit auf Schulebene = Schulentwicklung

Was fürs Klassenzimmer gilt, lässt sich auch wunderbar auf der Schulebene praktizieren. Auch hier sollen Lehrer Präsenz und Allgegenwärtigkeit zeigen. Zwei Fallbeispiele sollen das verdeutlichen.

Fallbeispiel 1: Die Schülerinnen einer 7. Klasse sind nach dem Sport beim Duschen. Die körperlich schon weit entwickelte und durch aggressives Verhalten schon mehrfach aufgefallene Roberta faucht eine Mitschülerin, die gerade etwas erzählen möchte, an: „Halt den Mund — du hast ja noch nicht mal einen Busen!“ Die möchte nur eins, so weit weg wie möglich verschwinden. In einem ähnlichen Fall verweigerte die betroffene Schülerin in den folgenden Tagen den Schulbesuch, was für ihre Lehrerin, den Schulleiter und andere einen enormen Arbeitsaufwand zur Folge hatte. Und als der Vater der Schülerin im Gespräch mit der Schule der Lehrerin vorwarf, „sie können meine Tochter nicht schützen, sonst wäre das nicht vorgefallen“, löste diese Kritik bei der Lehrperson eine langanhaltende Betroffenheit aus.

Fallbeispiel 2: Toilette. Auf der Jungentoilette gab es im Pissoir regelmäßig „Überflutungen“. Befragungen ergaben dann, dass einige Schüler diese absichtlich herbeiführten. Einige prahlten dabei mit ihrer Penislänge.

Wie andere Classroom-Management-Tools auch, ist Allgegenwärtigkeit Schulentwicklung. Was das für unsere beiden Fallbeispiele zur Allgegenwärtigkeit auf Schulebene bedeutet, sehen wir
hier:

  • Der Träger des deutschen Schulpreises 2013 ist eine Schule in Bargteheide. An den Toiletten hingen vor einigen Jahren große Plakate auf denen in etwa stand: „Weil sich einige Schüler/-innen auf der Toilette nicht angemessen verhalten, führen wir Stichproben ein.“
  • Die Waldparkschule Heidelberg ist Trägerin des deutschen Schulpreises 2017. Dort wird während der Pause auf den Gängen kontrolliert, dass sich die Schüler/-innen angemessen verhalten.

In den großen Pausen arbeiten zahlreiche Schulen mit Pausen-Coaches. Deren Aufgabe ist es, für einen geordneten Ablauf während der großen Pause zu sorgen.

SuS wollen sich in der Schule sicher fühlen. Aber ein Viertel fühlt sich in der Schule nicht sicher! Sogar mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen erlebt in der Schule Ausgrenzung, Hänseleien oder körperliche Gewalt, so eine neue Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (Juni, 2019). Deshalb machen sich immer mehr Schulen Gedanken über ihre Hot-spots und wie sie diese sicherer machen können. Präsenz ist dabei ein Schlüsselfaktor.

Christoph Eichhorn

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