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Förderschwerpunkt GE

Frontalunterricht für Schüler mit geistiger Behinderung?

Ist Frontalunterricht im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung überhaupt sinnvoll? — Eine Frage, die mit Ja beantwortet werden kann, wenn Lehrer wichtige Aspekte berücksichtigen und zielgerichtet umsetzen.

Förderschwerpunkt GE: Frontalunterricht für Schüler mit geistiger Behinderung? Frontalunterricht ist immer dann gut, wenn der Lehrer möglichst anschaulich einen neuen Inhalt vorstellt und erklärt © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Frontalunterricht ist: „Wenn alles schläft und einer spricht …“ —  Der Begriff „Frontalunterricht“ ist häufig negativ besetzt, häufig wird damit schlechter, langweiliger und verstaubter Unterricht assoziiert. Von Gruppenarbeit hingegen ist meist in Zusammenhang mit progressivem, spannendem und sozial-integrativem Unterricht die Rede (dass dies nicht unbedingt der Realität entspricht weiß jeder, der schon einmal Opfer einer schlecht vorbereiteten Gruppenarbeit war).  Und Frontalunterricht mit Schülern mit geistiger Behinderung: Kann das funktionieren?

Frontalunterricht weist folgende Merkmale auf:

  • Die Kommunikation zwischen Lehrer und Schülern stellt die Grundstruktur dieser Art von Unterricht dar.
  • Im Wesentlichen strukturiert der Lehrer durch Informationen, Impulse und Fragen das Geschehen.
  • Der Unterricht ereignet sich zu einem erheblichen Teil im Medium der Sprache: der Lehrer spricht und fragt, die Schüler antworten, nehmen Stellung usw.
  • Im Frontalunterricht kann der Lehrer grundlegende inhaltliche Zusammenhänge kompakt und übersichtlich darstellen. Damit ist Frontalunterricht unter zeitlichem Aspekt eine sehr effiziente Unterrichtsmethode.

Probleme, die auftreten können

Kann demnach Frontalunterricht mit Schülern mit geistiger Behinderung funktionieren? Erfordern ihre Lernbedürfnisse nicht gänzlich andere Gestaltungsweisen von Unterricht?

In der Tat lassen sich einige gewichtige Bedenken anführen:

  • Die Schüler sind eher zu einer passiven, rezipierenden Haltung gezwungen.
  • Die bereits angesprochene Sprachlastigkeit ist sicher ein weiterer schwerwiegender Einwand: Schüler mit geistiger Behinderung sind in der Regel darauf angewiesen, aktiv Erfahrungen mit den Lerngegenständen zu machen, die sie sich aneignen sollen.
  • Längere frontale Phasen provozieren häufig Unruhe, Unaufmerksamkeit und Disziplinprobleme, da Schüler dazu neigen, sich selbst Formen der Aktivität zu suchen, wenn der Unterricht ihnen diese nicht bietet.
  • Frontalunterricht, der sich ja seiner Natur nach an die ganze Klasse wendet, bietet zunächst kaum Möglichkeiten der Differenzierung. Es besteht die Gefahr, dass das Unterrichtsgeschehen auf die Kommunikation des Lehrers mit einigen wenigen leistungsstarken und sprachlich kompetenten Schülern beschränkt, während andere, insbesondere Schüler mit schwerer geistiger Behinderung, „abgekoppelt“ werden.

Es gibt also —– nicht nur im Hinblick auf den Unterricht mit Schülern mit geistiger Behinderung – einige gewichtige Einwände gegen Frontalunterricht. Dem steht entgegen, dass dieser sich gut eignet, wenn der Lehrer Sachverhalte in kompakter, übersichtlicher Form darstellen und seinen Schülern etwas demonstrieren will. Gibt es also einen gangbaren Weg des reflektierten Umgangs mit Frontalunterricht? Ich denke ja, wenn einige grundlegende Aspekte beachtet werden.

„Frontale Phasen“ des Unterrichts können sinnvoll sein

Ausschließlich frontal orientierter Unterricht kann für Schüler mit geistiger Behinderung aufgrund der fehlenden Handlungs- und Erfahrungsorientierung sowie mangelnder Möglichkeiten der Differenzierung nicht sinnvoll sein. „Frontale Phasen des Unterrichts“ aber durchaus: Dies meint, dass der Lehrer an ausgewählten, hierfür geeigneten Stellen der Unterrichtsstunde die Initiative übernimmt und den Schülern etwas erzählt, erklärt oder demonstriert, während die Aktivität der Schüler sich überwiegend auf das aufmerksame Zuhören, Zuschauen und Mitdenken beschränkt.

 „Frontale Phasen“ des Unterrichts meinen dabei auch den Einsatz von Filmen bzw. Filmsequenzen, Bildern oder Dias sowie Hörspielen oder selbst erstellte Hörsequenzen, die von den Schülern zunächst rezipiert und anschließend im Unterrichtsgespräch ausgewertet werden.

Die Gestaltung frontaler Sequenzen bedarf der bewussten Strukturierung. Hierzu zählen vor allem der bewusste Einsatz der Lehrersprache, die Gestaltung des Lehrervortrags bzw. des Unterrichtsgesprächs sowie der Einsatz der Tafel zur Veranschaulichung und vor allem zur Ergebnissicherung.

Ein Beispiel: Die Gestaltung des Lehrervortrags

Ein mögliches Element frontalen Unterrichtens ist der Lehrervortrag, der für Schüler mit geistiger Behinderung allerdings gewisser Modifikationen bedarf.

Ein Beispiel: So putzen wir das Waschbecken richtig

„Wir lernen ja gerade, wie wir im Wohntraining unsere Wohnung sauber halten können.
Im Bad ist Sauberkeit besonders wichtig.
Wir lernen heute, wie man das Waschbecken und die Armatur/den Wasserhahn richtig sauber bekommt!“

Einleitung – Einordnung des Lehrervortrags in den thematischen Zusammenhang, Nennung wichtiger Begriffe

„Ich werde dir jetzt nochmal zeigen und erklären, wie das genau funktioniert.
 Höre gut zu und schau genau hin!“ 

Rollenklarheit: Der Lehrer macht deutlich, dass er an dieser Stelle des Unterrichts etwas erklären, erzählen, zeigen oder vormachen wird und die Schüler vor allem gut aufpassen sollen.

„Wir brauchen dazu ...
Zuerst ziehe ich Gummihandschuhe an.
Dann ... “ 

Hauptteil: verbale Darstellung des Sachverhalts (ebenso könnte hier bereits die Tafelzeichnung einbezogen werden).
Klare Gliederung, knappe Sätze mit jeweils nur einer Information.
Der Vortrag insgesamt ist inhaltlich auf das Wesentliche beschränkt, in einfacher Sprache gehalten, einige wenige zentrale Begriffe tauchen immer wieder auf.  Der Lehrer achtet auf ein angemessenes Sprechtempo.

Der Lehrer demonstriert dies mit folgenden Materialien:
Schwamm, Putzmittel ...

Demonstration, Vormachen
Zur Veranschaulichung des Vortrags ist es günstig, Realgegenstände oder Abbildungen heranzuziehen und diese den Schülern zu zeigen.
Belegung mit einfachen, immer wiederkehrenden Begriffen.

„Jetzt schauen wir noch mal: Habe ich alles richtig gemacht? Blitzt und blinkt alles? “

Dramatisieren
Anschaulichkeit und Lebendigkeit erreicht man durch eine lebendige Körpersprache bis hin zur pantomimischen Darstellung sowie durch einen variablen Gebrauch der Stimme. Immer wieder kann beobachtet werden, dass Schüler schauspielerische Fähigkeiten des Lehrers in hohem Maße zu schätzen wissen und positiv darauf reagieren.

„Ich habe dir das an der Tafel noch mal aufgezeichnet.
Zuerst ...
(Sprechpause)
Dann ...
(Sprechpause) 

Erklären, Zeigen des Handlungsablaufs anhand von Bildkarten
Verwenden der eingeführten Begriffe

„Das kannst du nun selbst ausprobieren.“

Evtl.: „Kannst du noch einmal sagen, was du alles brauchst? Was du nacheinander tun musst? “    

Schluss: Was hat der Lehrervortrag mit dem weiteren Verlauf des UNterrichts zu tun?

Verwendung der eingeführten Begriffe
Herstellung von Rollenklarheit: In der Folge liegt die Aktivität aufseiten der Schüler.

Fazit: Soweit frontal gestaltete Phasen, in denen der Lehrer das Heft in der Hand hält, in einem Gesamtkonzept von Unterricht neben anderen Sozialformen und anderen methodischen Grundformen (z. B. Formen des offenen Unterrichts oder projektorientierter Unterricht) stehen, können sie aufgrund ihrer Effektivität bei der Vermittlung von Lerninhalten und der Darstellung von Zusammenhängen sinn- und wertvoll sein.

Literatur zum Thema:

Häußler, Michael: Unterrichtsgestaltung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Stuttgart 2015

Michael Häußler

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