Fach/Thema/Bereich wählen
Partizipation

Klassenrat — demokratisches Miteinander lernen

Im Klassenrat lernen Schüler durch eine festgelegte Struktur ihre Anliegen selbst zu regeln und in einem demokratischen Entscheidungsprozess vorzustellen, zu beraten, zu diskutieren und einvernehmlich zu lösen.

Partizipation: Klassenrat — demokratisches Miteinander lernen Im Sitzkreis wird beim Klassenrat alles besprochen, diskutiert und abgestimmt © fotomek - Fotolia.com

„Wer dafür ist, dass wir beim Fußballspielen in der Pause einen Schiedsrichter brauchen, meldet sich jetzt“, erklärt Julius, in dieser Woche Vorsitzender des Klassenrats, der im Sitzkreis stattfindet. Von den 21 Mitschülern melden sich 14 Kinder. „Gut, der Schiedsrichter wird genommen“, verkündet Julius und bittet den Protokollanten Jan dies im Protokoll zu notieren.

Jan erklärt daraufhin, dass Julias Unzufriedenheit über die rumliegenden Schuhe im Flur als nächster Punkt behandelt werden soll. Der Vorsitzende bittet Julia etwas zu ihrem Zettel im Briefkasten zu sagen. „Ich habe auf meinen Zettel geschrieben: ‚Ich finde nicht gut, dass man im Flur vor der Pause immer seine Schuhe suchen muss, weil alles unordentlich ist.‘ Vielleicht können wir darüber sprechen“, meint Julia. Viele Schüler melden sich. Julius nimmt Leonhard dran. „Wir könnten die Schuhe morgens ordentlich auf die Bank stellen und nicht darunter“, schlägt er vor.

Luca spielt mit einem Ball in seiner Hand. Daraufhin bekommt er von Judith, die heute Regelwächterin ist, das Stopp-Handzeichen gezeigt. Währenddessen kommt Flora an die Reihe: „Wir könnten auch einen Garderobendienst haben, der draußen aufräumt“, möchte sie. Nachdem alle Schüler ihre Ideen vorgebracht haben, lässt der Vorsitzende wieder abstimmen und die meisten Kinder sind für einen wechselnden Garderobendienst, der sich der Sache annimmt.

Klassenrat als basisdemokratisches Gremium der Schüler

Was sich wie eine Sitzung im Kreistag anhört, ist eine wöchentliche Stunde in der Klasse 4b, dem Klassenrat. Die Partizipation der Schüler, die ein Kinderrecht ist, wird hier in der Schule gelebt. Im demokratischen Miteinander schlagen die Schüler Ideen vor, diskutieren, stimmen ab, erproben ihre Vorschläge und evaluieren ihre Entscheidungen später.

Der Klassenrat ist ein basisdemokratisches Gremium der Schüler selbst, das einem strukturierten Ablauf folgt. Die Schüler behandeln an einem festgelegten regelmäßigen Termin ein konkretes Anliegen der Klassengemeinschaft. Etwa Ausflüge, Projekte, Organisationsfragen wie Regeln und Dienste, Probleme und Konflikte und kommen zu einer einvernehmlichen Lösung. Dabei tauschen sie Argumente aus und begründen diese. Es geht immer um Belange, die mehr als zwei Schülerinnen oder Schüler betreffen. Zweierkonflikte werden separat geklärt.  

Vorbereitung und Aufgabenverteilung für die Klassenratssitzung

Die Schülerinnen und Schüler der Klasse erhalten vor der Klassenratssitzung die Möglichkeit, ihre Anliegen entweder auf einen Zettel zu schreiben und in einen Klassenratsbriefkasten in der Klasse zu werfen. Oder sie schreiben zu den Kategorien „Ich finde gut, dass …“, „Ich schlage vor, dass …“ und „Ich findet nicht gut, dass …“ ihr Anliegen auf einem Klassenplakat auf. Dabei werden Dinge sachlich notiert, das Anliegen mit dem eigenen Namen versehen und keine Beleidigungen oder Beschimpfungen ausgesprochen. Die Anliegen sollen wenn möglich als Ich-Botschaft und allgemein geschrieben werden.

Für die Klassenratssitzung selbst werden Ämter vergeben. Zunächst die Rolle des Vorsitzenden. Er begrüßt und eröffnet den Klassenrat, führt durch die Tagesordnung und moderiert die Wortbeiträge, damit Ergebnisse erzielt werden. Der Protokollant schreibt die Anliegen und Beschlüsse auf, damit besprochene Dinge behalten werden und sich alle in der nächsten Sitzung an besprochene Anliegen erinnern können. In der Rolle als Regelwächter passt ein Schüler auf, dass sich alle an die zuvor gemeinsam besprochenen Regeln halten, damit der Klassenrat ohne Störung zum Ziel kommt.

Die Basis dabei ist sicher das aktive Zuhören, wenn einer spricht. Mit zuvor festgelegten nonverbalen Zeichen wie Stopp-Hand heben, kleines klingelndes Glöckchen oder anderen Ideen weist er störende Schüler auf das Zuhören hin. Zu guter Letzt gibt es noch den Zeitwächter, der auf die Zeit achtet und mithilfe einer Uhr oder Sanduhr Diskussionen beendet, damit alle Anliegen besprochen werden können. In jüngeren Klassen kann der Lehrer zunächst den Vorsitz übernehmen und den Schülern als Vorbild dienen. Später unterstützt er als stellvertretender Vorsitzender den Schüler-Vorsitzenden. Auch die Notation kann der Lehrer zunächst übernehmen, bis Schüler zügig schreiben und lesen oder Bilder für die Vereinbarungen malen können.

Ablauf des Klassenrats

Der Vorsitzende eröffnet zunächst den Klassenrat. Es kann zur Einstimmung eine Ermutigungsrunde folgen, in der sich Schüler gegenseitig sagen können, was sie aneinander mögen. Im Anschluss liest der Protokollant das Protokoll des letzten Klassenrats vor. Der Vorsitzende liest die Zettel oder Anliegen des Plakats vor, fragt die Schreiber, ob sie noch aktuell sind.

Die Anliegen werden dann nach Priorität von der Klasse, gegebenenfalls durch Abstimmung, sortiert. Der Schreiber des Anliegens äußert sich zunächst zu seinem Anliegen und trägt es vor, ergänzt eventuell. Details. Für die Sammlung von Lösungsvorschlägen, Diskussion, Beratung und Begründungen wird ein festgelegter Zeitraum vereinbart, den der Zeitwächter im Blick behält. Nach einer vom Protokollanten oder einem weiteren Schreiber angefertigten Rednerliste werden die Kinder aufgerufen und dürfen ihre Meinung vorbringen.

Im Anschluss lässt der Vorsitzende über die genannten Vorschläge abstimmen und die durch demokratische Entscheidung getroffene Lösung wird vom Protokollanten notiert und umgesetzt. In der nächsten Klassenratsstunde kann der Vorsitzende fragen, ob die Umsetzung geklappt hat, eventuell kommt das Thema noch einmal auf die Tagesordnung. Fünf Minuten vor dem Ende des Klassenrats folgt eine Feedbackrunde zu Satzanfängen wie: „Ich nehme aus dem Klassenrat heute mit …“, „Mir hat besonders gut gefallen, dass …“ (bezogen auf die Ämter oder die Themen) oder „Für den nächsten Klassenrat wünsche ich mir …“. Der Vorsitzende beendet die wöchentliche Klassenratssitzung in der Regel nach einer Schulstunde von 45 Minuten.

Vorteile des Klassenrats

Durch den Klassenrat beraten, diskutieren und entscheiden die Schüler über selbstgewählte Themen und partizipieren so an der Gestaltung und Organisation des Lernens und des Zusammenlebens in der Klasse. Dabei lernen sie freundlichen, respektvollen Umgang miteinander, ihre Meinung zu vertreten und andere Meinungen zu akzeptieren. Sie übernehmen Verantwortung und lernen Kompromisse einzugehen. Dadurch wird ihre Kommunikations- und Kritikfähigkeit gefördert und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Klasse gestärkt.
Ist der Klassenrat erst eingeführt und etabliert, werden die Schüler immer sachlicher und effizienter ihre Argumente austauschen. Der Lehrer kann beobachten, wie positiv sich Schüler durch die Partizipation entwickeln, dass viele Machtkämpfe entfallen und er Verantwortung an die Schüler selbst übertragen kann. Die schwierigste Rolle für ihn ist es, Geduld zu haben, sich als gleichwertiges Mitglied im Klassenrat einzubringen (nur in Notfällen darf er durch das Heben beider Hände vom Vorsitzenden aufgerufen werden und eingreifen) und den Schülern zuzutrauen, dass sie es schaffen, ihre Anliegen eigenständig und einvernehmlich zu lösen.

Marion Keil

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Unterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×