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Lernstandsermittlung

Tipps und Tools für lernförderliche Zeugnisse

Die Beurteilung der Lernentwicklung Ihrer Schüler/-innen fordert Lehrkräften gerade in Corona-Zeiten einiges ab. Hier können Best-Practice-Beispiele helfen, die Lernenden wertschätzend und lernfördernd zu beurteilen.

Lernstandsermittlung: Tipps und Tools für lernförderliche Zeugnisse Puzzle-Teile auf dem Bewertungsbogen in Verbindung mit entsprechenden Smileys zeigen ohne Worte an, ob der Lernende gut puzzeln kann © Kellerkind - stock.adobe.com

Im Corona-Schuljahr 2020/2021 haben Eltern und Erziehungsberechtigte viel mehr Zeit als sonst mit ihren Kindern verbracht. Und viele von ihnen waren mit der Aufgabe überfordert, ihre Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf adäquat zu unterstützen. So berichtet beispielsweise Jan Klug, Vater eines Förderschülers mit dem Schwerpunkt „geistige Entwicklung“, in der taz, dass es vor allem an Lernmaterialien fehle. Oft seien die Unterrichtsmaterialien „Gegenstände, die sich in der Schule befänden und nicht alle Kinder mit nach Hause nehmen könnten“. Zudem haben die wenigsten Eltern einen sonderpädagogischen Background, was das gemeinsame Lernen mit ihren Kindern zusätzlich erschwert. Die Folge: Viele Schüler/-innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind während der Lockdown-Monate in ihrer Lernentwicklung zurückgefallen, was für Sie als Lehrkraft im ersten Schulhalbjahr 2020/2021 zusätzlichen Arbeitsaufwand mit sich bringt. 

Lernstand ermitteln, Förderpläne angleichen, durch vermehrte Förderung Lücken schließen – das alles kostet Zeit. Auch die Einhaltung der Hygienevorschriften ist im sonderpädagogischen Bereich schier ein Ding der Unmöglichkeit. Und so sind erneute Schulschließungen an Förderschulen und an Schulen mit gemeinsamem Unterricht noch wahrscheinlicher als anderswo.

Wie schaffen Sie es trotz alledem, Ihren Schüler/-innen ein motivierendes und lernförderliches Feedback zum Halbjahresende zu geben? Dieser Beitrag unterstützt Sie dabei mit Tipps und praktischen Arbeitshilfen.

Gut vorbereitet ins Lernentwicklungsgespräch

An vielen Schulen findet vor den Lernentwicklungsgesprächen (LEG) ein Elternabend statt. Hier erfahren die Erziehungsberechtigten, wie das Gespräch abläuft, welche Rolle ihnen dabei zukommt und welche Intention hinter Lernentwicklungsgesprächen steckt. Zu Corona-Zeiten ist möglicherweise weder diese Veranstaltung noch ein Face-to-face-Gespräch mit Eltern, Schülern und Schülerinnen und Lehrkräften möglich. Dann heißt es für Sie, schriftlich mit den Eltern zu kommunizieren. 

Vielleicht stellt Ihr Schulministerium dafür Arbeitshilfen bereit. Wenn nicht, finden Sie auf der Website des Bayrischen Kultusministeriums alles, was Sie dafür brauchen: neben den – allerdings bayerischen – Einschätzungsbögen, gestaffelt nach Jahrgangsstufen, auch Vordrucke für die Zielvereinbarungen während des Gesprächs und eine kurze Eltern-Information über Sinn, Zweck und Inhalt des Lernentwicklungsgesprächs, die Sie – gemeinsam mit dem picobello vorformulierten Brief mit Rücklaufzettel – an die Erziehungsberechtigten schicken können. Das Einzige, was Sie noch ergänzen sollten, sind die in Ihrem Bundesland gültigen Einschätzungsbögen und ggf. Terminangebote für Webkonferenzen mit Eltern und Schüler/-innen. Und falls einzelne Familien über keinen Internetzugang verfügen, könnten Sie auch einen Alternativtermin vor Ort in der Schule vereinbaren.

Lernförderliche Zeugnisse in „alles>>könner“-Schulen

Beim Schulversuch „alles>>könner“ von 2008 bis 2013 arbeiteten 48 Schulen mit Fachdidaktiker/-innen verschiedener Universitäten und der Schulbehörde zusammen. Gemeinsam entwickelten sie systematisch kompetenzorientierten Unterricht und entsprechende Rückmeldeformate, um Schüler/-innen in inklusiven Settings individuell zu fördern. 

Die Ergebnisdokumentation des Schulversuchs liefert interessante Impulse für Ihre Leistungsbewertung: Auf der Website „Lernförderliche Zeugnisse in inklusiven Schulen“ etwa finden Sie Qualitätsmerkmale (QM) für lernförderliche Zeugnisse in inklusiven Schulen (QM III), quasi eine Checkliste zur Frage „Was gehört alles zu einem lernförderlichen Zeugnis in heterogenen Lerngruppen?“ 

Hier eine kleine Auswahl der Punkte, die gewährleisten, dass Ihre Schüler/-innen gestärkt, motiviert und mit einem klaren Ziel aus dem Zeugnisgespräch gehen:

  • Vollständigkeit: Das Zeugnis sollte über den „erreichten Lernstand in allen im Beurteilungszeitraum unterrichteten Fächern und Lernbereichen (...) und ggf. gemäß individuellem sonderpädagogischen Förderplan“ informieren,
  • „sich auf die [fachlichen und überfachlichen] Kompetenzen beziehen, über die die Schülerin/der Schüler verfügt bzw. noch nicht verfügt“,
  • „positive Entwicklungen in den Vordergrund stellen“ und
  • klare „Hinweise geben, woran die Schülerin/der Schüler als nächstes [sic!] arbeiten muss/soll“.

Auch Transparenz in der Kommunikation mit den Eltern ist wichtig: Es sollte – ggf. auf Nachfrage – jederzeit dargelegt werden können, „auf welchen schriftlichen, mündlichen und praktischen Leistungen die Aussagen zum Lernstand beruhen“. – Das vermeidet stressige und zeitraubende Diskussionen.

Verstehbar und wertschätzend kommunizieren

Klar, dass es vor allem darauf ankommt, dass Ihre Schüler/-innen und auch deren Eltern im Rückmeldeprozess verstehen, was Sache ist und gleichzeitig motivierende Impulse für die kommende Lernphase erhalten. Auch das sind Kriterien der Qualitätsmerkmale für lernförderliche Zeugnisse. Das Zeugnis sollte daher …

  • „für die Schülerin/den Schüler und für Eltern verständlich“ sein,
  • „nicht zu detailliert und zu umfangreich“ sein,
  • die Schülerin oder den Schüler direkt ansprechen und
  • „grundsätzlich wertschätzend und nie herabsetzend“ sein.

Wie das dann in der Praxis aussehen kann, zeigen einige der Beispielszeugnisse aus den Schulen des Schulversuchs, etwa das Zeugnis für „Babette Beispiel“ der Schule Rellinger Straße. Es ist als freundlicher Brief an die Drittklässlerin mit Förderschwerpunkt „Lernen“ gestaltet und beginnt direkt mit einem Lob: „Liebe Babette, du bist eine nette und ehrgeizige Schülerin. Du bist sehr begeisterungsfähig und lernst gern.“ 

Den schwierigen Spagat zwischen aussagekräftiger fachlicher Beurteilung und kindgerechter, motivierender Kommunikation löst das Kollegium der Schule so: Die fachliche Beurteilung erfolgt zunächst anhand einer Multiple-Choice Liste mit den Kompetenzen in den verschiedenen Lernbereichen. In Deutsch heißt es dann zum Beispiel: „Im Bereich ‚Sprechen und Zuhören, Erzählen und Gespräche führen‘ kannst du (...) 

  • in kurzen, vollständigen Sätzen von Erlebnissen berichten,
  • aufmerksam zuhören,
  • usw.

Hier braucht die Lehrkraft dann nur anzuklicken, ob das Kind dabei „sicher“, „überwiegend sicher“, „wechselnd“ oder „noch nicht sicher“ ist. Zu jedem Fach folgt dann wieder eine Würdigung in kurzen, einfachen Sätzen, die direkt an das Kind gerichtet ist, zum Beispiel im Fach „Deutsch“: „Babette, du hast tolle Fortschritte im Bereich ‚Lesen‘ gemacht. Du kannst einfach [sic!] Texte selbstständig erlesen und verstehst auch ihren Inhalt.“ Daran schließt sich direkt eine ermutigende Zielformulierung an: „Traue dich nun auch an umfangreichere Texte oder kleine Bücher.“

Best Practice: Individuelle Zeugnisformate

So individuell wie die Lernvoraussetzungen der Schüler/-innen an der Erich-Kästner-Schule sind auch die Zeugnisformate der Inklusionsschule (vgl. dazu auf der oben verlinkten Website „Lernförderliche Zeugnisse in inklusiven Schulen“ unter „Zeugnisbeispiele“ das PDF-Dokument „Erich-Kästner-Schule). Während des Schulversuchs wurden hier drei verschiedene Typen implementiert:

Typ 1 für die Schüler/-innen, „die nur in einigen Fächern zieldifferent unterrichtet werden (in der Regel in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch)“ und meist einen Förderbedarf im Bereich „Lernen“ haben. Sie verstehen überwiegend Zeugniskommentare in einfacher Sprache und bekommen ein Zeugnis, das der Grobstruktur der zielgleich unterrichteten Kinder entspricht.

Typ 2 ist für die Schüler/-innen, die in allen Fächern zieldifferent unterrichtet werden, aber einfache Begriffe und Sätze lesen können. Hier werden zwar alle Fächer aufgeführt, auf die „detaillierte Ausweisung einzelner überfachlicher und fachlicher Kompetenzen und die Einschätzung dieser Kompetenzen mit Hilfe einer Skala“ wird jedoch verzichtet.

Typ 3 richtet sich an die Schüler/-innen, die in allen Fächern zieldifferent unterrichtet werden, aber „gar nicht oder so gut wie nicht lesen können“. Hier ist die Untergliederung in Fächer aufgehoben, stattdessen orientiert sich die Zeugnisstruktur ausschließlich „an den Kompetenzbereichen und Förderschwerpunkten des Förderplans, die in Form von Fotos und Grafiken abgebildet werden“ (ebd.). Die Lehrkräfte verwenden bei der Einschätzung der Lernentwicklung Smileys, wie das Zeugnisbeispiel von „Beyza Beispiel“ zeigt: zwei Spalten, links Fotos mit kurzer Beschreibung der jeweiligen Kompetenz, z. B. „mit anderen Kindern zusammenarbeiten“ [Foto: Zwei Kinder in Partnerarbeit], „puzzeln“ [Foto: 4 Puzzleteile], „abzählen“ [Foto: bunte Schokolinsen] oder „Anfangsbuchstaben erkennen“ [Grafik: „S“ + Sonne], rechts die Smileys von zwei lachenden Smileys bis hin zu einem traurigen. Was bei diesem zweiseitigen, weitgehend Text-freien Zeugnis naturgemäß fehlt, sind Lob und Zielformulierung. Das bliebe dann einem konstruktiven Gespräch zwischen Lehrkraft und Schüler/-in vorbehalten.

Noch ein kleiner Hinweis zum Schluss: Kennen Sie schon den Beitrag „Leichte Sprache leicht gemacht“ hier in Ihrem Lehrerbüro? Da finden Sie Links zu Tutorials mit pointierten Regeln für eine verständliche Kommunikation mit Ihren Schüler/-innen. Einfach auf den Link unter diesem Artikel klicken.

Martina Niekrawietz

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