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Entdeckendes Lernen

Handeln — entdecken — lernen

Im sonderpädagogischen Förderbereich ist entdeckendes Lernen zwar an bestimmte Vorausetzungen geknüpft, bietet aber die Möglichkeit, dass sich Schüler selbsttätig Wissen erarbeiten.

Entdeckendes Lernen: Handeln — entdecken — lernen Wer Dinge selbst ausprobieren und erforschen darf, lernt viel besser © nichizhenovaele - Fotolia.com

„Ich kriege schon noch heraus, wie das geht!“, postuliert eine Schülerin mit sonderpädagogischem Förderbedarf entschieden, nachdem die Klasse über eine längere Zeit an einem naturwissenschaftlichen Problem gearbeitet und noch immer keine zufriedenstellende Lösung gefunden hatte. Ihr Ehrgeiz und ihre Motivation waren geweckt, Hilfestellung durch die Lehrkraft lehnte sie energisch ab. Sie wollte selbst die Lösung entdecken.

Unter dem Begriff des Entdeckenden Lernens werden unterschiedliche Lehr- und Lernformen subsummiert. Es handelt sich weniger um eine klar definierte Lehrmethode, als vielmehr um eine innere Haltung, sich mit problemorientierten Lernprozessen auseinanderzusetzen und eigenständige Lösungen zu entwickeln. „Lernen, das durch ein Problem in Gang gesetzt wird, wird als problemorientiertes Lernen bezeichnet. Wenn dabei die Lernenden neues Wissen durch eigene Auseinandersetzung mit dem Problem finden, so spricht man in der Kognitionspsychologie von entdeckendem Lernen.“ (David Ausubel: Psychologie des Unterrichts. Band 2. Weinheim 1974, S. 24).

Besonders im Sachunterricht kann das entdeckende Lernen als geeignete Zugangsweise dienen. Zwischen den Polen Kindorientierung und Sachorientierung berücksichtigt ein so gestalteter Sachunterricht den Entwicklungsstand der Schüler, fördert das eigenverantwortliche Tun und kommt dem kindlichen Verständnis durch Elementarisierung entgegen. Genauso aber hat er zum Ziel, methodisch sachgemäße Vorgehensweisen, adäquate Arbeitsformen und altersgemäße, immer komplexer werdende Abstraktionsstufen zu erreichen. Bereits seit der Reformpädagogik richtet sich der Sachunterricht in seinen Grundsätzen an der Handlungsorientierung aus.

Didaktische Grundsätze

Handelnd lernen: Lernen und Denken sind eng mit dem Handeln verbunden. Aus einer basalen, handlungsorientierten, enaktiven Zugangsweise heraus entwickeln sich immer abstraktere, symbolische und kognitiv weiterentwickelte Denkstrategien. Wichtig in der unterrichtlichen Vermittlung sind hier attraktive und zielorientierte Tätigkeiten. Die Fragestellungen zum Unterrichtsvorhaben werden von den sachlichen Vorgaben bestimmt, wobei der individuellen Fragestellung der Schüler ebenso nachzuspüren ist.

Eigenständig lernen: Die Selbsttätigkeit gewinnt zentrale Bedeutung im schulischen Lernen. Dabei dürfen individuelle Erfahrungen Raum erhalten. Ohne zeitlichem Druck und ohne bewertende Kommentare darf der Schüler seiner Denk-Arbeit nachgehen. Wichtig hierbei ist es, dass die Lehrkraft immer wieder Denkprozesse bewusst macht und bestimmte Lösungswege nachvollziehbar aufschlüsselt.

Aufbauende Lernprozesse beim Lernen in Zusammenhängen: Die Erkenntnisse der Schüler werden in einen größeren, sinnvollen Sachzusammenhang gestellt. Dabei ist es entscheidend wichtig, dass der Unterricht von Kriterien wie Strukturierung und Klarheit bestimmt wird, denn eine gelungene Problemlösung ist auf das Vorhandensein verarbeitungsfähiger Strukturen angewiesen. Das bedeutet, die Lehrkraft behält in der unterrichtlichen Offenheit eine zentrale Rolle, nämlich die der didaktischen Führung.

Entdeckendes Lernen: Hier steht die Selbsttätigkeit des Schülers im Mittelpunkt. Ein forschendes Verhalten sollte dem entdeckenden Lernen vorausgehen. In einem anregenden Lernumfeld, welches von der Lehrkraft entsprechend mit Materialien und Gegenständen angereichert wird, üben und entwickeln die Schüler auch das Lernen von Methoden, die wiederum auf andere Sachverhalte übertragbar sind. Die Arbeitstechniken und Arbeitsweisen werden bewusst angebahnt und eingesetzt. Besonders wichtig dabei ist der Prozess des Lernens, z. B. durch Methoden des Erkundens, Erprobens oder Erforschens. Das entdeckende Lernen kann auch als Unterrichtsprinzip verstanden werden, bei dem der Schüler innere Energien entfaltet, die bei der Auseinandersetzung mit der Umwelt wesentliche Eigenschaften wie Ausdauer, Geduld, Genauigkeit und Kooperation entwickeln.

Voraussetzungen für entdeckendes Lernen

Von den Schülern (wie auch vom Lehrer) wird bei dieser Art des Unterrichts eine neue Einstellung zum Lernen gefordert: die Schüler sollen eigene Fragen stellen und Entscheidungen treffen können, Experimente planen, miteinander diskutieren, zusammenarbeiten und kommunizieren können; schließlich sollen sie auch nachvollziehbare, logische Erklärungen finden können.

Für den Lehrer bedeutet dies, dass er nicht nur das Wissen vermitteln soll, sondern dass er ebenso die Schüler im Lernen motiviert und moderierend unterstützt. Dafür benötigen Lehrer und Schüler viele, kleinschrittig aufgebaute Kompetenzen hinsichtlich der Arbeits- und Sozialformen.

Die Schüler entwickeln Fachkompetenz hinsichtlich eigener naturwissenschaftlicher Fragestellungen und Hypothesenbildung, sie planen und führen Experimente selbstständig durch und präsentieren bzw. interpretieren die Ergebnisse. Weiterhin entwickeln die Schüler Sozialkompetenz hinsichtlich der Bewertung eigener und fremder Leistungen (der Mitschüler) sowie hinsichtlich der kooperativen Zusammenarbeit in Gruppen.

Vorteile des entdeckenden Lernens

Wenn ein Schüler selbst zum entscheidenden „Heureka-Erlebnis“ des Entdeckens findet, so kann gesichert behauptet werden, dass seine intrinsische Motivation und damit sein Interesse, seine Transferleistungen wie auch seine Behaltensleistung erheblich positiv angeregt werden. Die meisten kognitiven Prozesse werden günstig beeinflusst. Dann stehen die vom Schüler erworbenen Entdeckungsmethoden auch in anderen Sinnzusammenhängen zur Verfügung. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass der Schüler nicht nur direkte Erfahrungen sammelt, sondern auch in andauernde Rückmeldeprozesse eingebunden bleibt („Ist das noch der richtige Weg?“). Der besondere Wert des Entdeckenden Lernens liegt aber vor allem in der Selbsttätigkeit, die dafür sorgt, dass das Lerngeschehen für den Schüler bedeutsam ist.

Nachteile des entdeckenden Lernens

Das Entdeckende Lernen bietet nicht für alle Sachzusammenhänge die richtige Zugangsweise. Manche Sachverhalte können durch direkte Instruktion einfacher, schneller und prägnanter vermittelt werden. Insofern stellt das Entdeckende Lernen eine Methode neben anderen dar. Als besonders aufwendig ist der zeitliche Faktor einzustufen. Die einzelne Unterrichtsstunde ist nicht mehr so leicht zu planen, Lernprozesse können wesentlich länger dauern, Umwege gehen oder Sackgassen nehmen. Dies macht in der Folge ein gewisses Maß an Freiheit bezüglich der Erfüllung von Lehrplänen erforderlich. Ebenso ist es dann wichtig, dass das Klassenlehrerprinzip möglichst umfangreich erhalten bleibt, um die Konstanz der Bezugspersonen zu wahren.

In sonderpädagogischen Bezügen stellt das entdeckende Lernen insofern eine sehr große Herausforderung dar, als viele Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gerade in den Bereichen Kommunikation, Transferleistung, Übersicht über größere Sinnzusammenhänge noch Schwierigkeiten haben. Sie müssen zunächst wesentliche Teilschritte und -aspekte der Arbeitsformen und Herangehensweisen erlernen, um schließlich zu entdeckendem Lernen zu gelangen.

Die Lernniveaustufung hinsichtlich der Handlungsorientierung wiederum stellt einen sehr großen methodischen Vorteil dar. Denn Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen schon lange in einer Kultur der starken Handlungsorientierung und Selbsttätigkeit. Insofern benötigt die Idee des entdeckenden Lernens in der Sonderpädagogik eine behutsame Heranführung und sinnvolle Adaption, um als Bereicherung im Methodenrepertoire einer Lehrkraft einfließen zu können.

Claudia Omonsky

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