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Handlungsorientierter Unterricht

Geschichtsunterricht im sonderpädagogischen Förderbereich

Handlungsorientierter Unterricht ist lebendiger Unterricht, der den Schülern Raum um entdeckenden, selbstgestalteten und handelndem Lernen lässt. Ein Beispiel für das Fach Geschichte zeigt, wie das Konzept praktisch umgesetzt werden kann.

Handlungsorientierter Unterricht: Geschichtsunterricht im sonderpädagogischen Förderbereich Wenn Schüler das Ritterleben nachempfinden können, erschließt sich Geschichte auf eine ganz besondere Weise © zaschnaus - Fotolia.com

Ein Gespräch unter Kollegen. Lehrer 1: „Lieber Kollege, ich habe gehört, Sie bevorzugen einen handlungsorientierten Unterricht und lassen in Ihrem Geschichtsunterricht die Höhlenmenschen durch Pfeifenreiniger, Fell und Zellstoffköpfchen basteln. Das ist mir zu kindlich! Muss ich das unter handlungsorientiertem Unterricht verstehen?“ Lehrer 2: „Keinesfalls Kollege! Das Konzept des handlungsorientierten Unterrichts ist mehr als nur ihr vermeintliches Basteln!“

Als Förderschullehrer und langjähriger Fachseminarleiter am Studienseminar in Hannover für die Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik habe ich mich sehr lange mit dem Konzept des Handlungsorientierten Unterrichts beschäftigt. Dieses Konzept gibt es nicht für eine bestimmte Schulform und auch nicht nur für bestimmte Unterrichtsfächer. Dieses Konzept lässt sich sehr gut umsetzen, wenn man die Besonderheiten der Schulform, die unterschiedlichen Anforderung der einzelnen Unterrichtsfächer und die jeweiligen Lernvoraussetzungen der Lerngruppe berücksichtige.

Drei Phasen kennzeichnen handlungsorientierten Unterricht

Es gibt im Handlungsorientierten Unterricht (HU) wesentliche Kennzeichen und Merkmale wie Interessenorientierung, Schülerselbsttätigkeit, Verknüpfung von Kopf- und Handarbeit, Formen solidarischen Handelns und die Produktorientierung (Jank/Meyer, 2003).

Für mich lassen sich im HU drei Phasen erkennen:

  • Schaffen von Handlungssituationen,
  • Ablauf von Handlungsprozessen,
  • Erstellen von Handlungsprodukten

Um handlungsorientierten Unterricht erfolgreich umzusetzen, ist es anzuraten, schon im Vorfeld in Einzelstunden einzelne Elemente dieses Unterrichtskonzeptes einzusetzen, wie z. B. unterschiedliche Sozialformen, um die Kommunikation, Kooperation und Kompromiss-bereitschaft zu fördern. Es sollten auch schon Formen des Rollenspiels eingeübt werden.

Am Beispiel „Leben der Bauern im Mittelalter“ können die Schüler die historischen Lebensbedingungen nachempfinden, sie zu ihrer eigenen Erfahrungswelt in Beziehung setzen, sie hinterfragen und bewerten.

Ein zentraler Punkt des HU ist die Schüleraktivität. Das bedeutet, die Schüler durch Selbst-tätigkeit zur Selbstständigkeit zu führen. Sie müssen Gelegenheiten haben, Dinge entdecken und erkunden zu können, sie zu erproben, ihre Ergebnisse erörtern und eventuell revidieren zu können (nach Jank/Meyer, 2003, S. 316). Das kann durch Text- oder Bildmaterial geschehen, durch Puzzlen, Lösen von Rätseln, Modellbau, Erstellen von Grafiken oder Diagrammen. Wichtig dabei ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kopf- und Handarbeit.

Literatur zum Thema:

Gudjons, Herbert: Handlungsorientiert lehren und lernen. Schüleraktivität-Selbsttätigkeit- Projektarbeit. Bad Heilbronn, 6. Auflage, 2001

Jank, Werner / Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle. Berlin,6. Auflage, 2003

Völkel, Bärbel: Handlungsorientierung im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts 2005

Werning, Reinhardt / Lütje-Klose, Birgit: Einführung in die Lernbehindertenpädagogik, München 2003

Handlungsorientierter Unterricht. In: Geschichte lernen, Heft 9, Seelze 1989

Kenncurricula der Länder und Interessen der Schüler berücksichtigen

Handlungsorientierter Unterricht heißt nicht, darüber zu reden oder zu schreiben, sondern das Konzept umzusetzen. Ein wesentlicher Schritt ist die Berücksichtigung der Kerncurricula der Bundesländer, um sich über mögliche Themen und Inhalte zu informieren.

Im Fokus steht in diesem Fall das Thema: frühe Kulturen. Wichtig dabei ist die Bedingung, eine offene Unterrichtsgestaltung zu schaffen. In die weiteren Überlegungen sind die Bedürfnisse, die Voraussetzungen, die Lernerfahrungen, das Vorwissen und die Perspektiven der Schüler einzubeziehen. Damit berücksichtige ich die Interessenorientierung.

Um die Themenwahl nicht ausufern zu lassen (möglich wäre eine Vorstellung und eventuelle Abstimmung über Ägypter, Griechen und Römer) und das Thema nicht oberflächlich zu behandeln, erscheint es sinnvoll, die Entscheidung für eine frühe Kultur gemeinsam mit der Lernguppe herbeizuführen. Ausschlaggebend dafür ist das bereitgestellte Material. Im vorliegenden Beispiel fällt die Entscheidung für das Thema:

Das römische Reich. Es spricht dafür, dass die Schüler über die Comicserie Asterix und Obelix oder über die entsprechende Fernsehserie schon Vorwissen und Interesse mitbringen oder in Regionen leben, die Spuren der Römerzeit aufweisen und sie nun mehr darüber wissen möchten.

Passende Handlungssituation schaffen, Handlungsziel formulieren

Es gilt nun eine entsprechende Handlungssituation zu schaffen. So könnten Bilder von römischen Spuren (z. B. Porta Nigra oder Saalburg im Taunus) im heutigen Deutschland gezeigt werden. Das Bildmaterial soll motivieren und zu Fragen anregen. Solche Fragen könnten sein: Wer hat sie gebaut? Wann wurden sie errichtet? Zu welchem Zweck wurden sie gebaut? Wie konnten die Menschen so bauen? Welche technischen Geräte hatten sie zur Verfügung? Welche Materialien benutzten sie?

Eine andere Möglichkeit für eine Handlungssituation wäre, über die Sage von der Gründung Roms einzusteigen. Sie kann als Puzzle, als „Schnippeltext“, als Erzählung mündlich oder mithilfe einer Folie, eines Beamers oder einem Hintergrundbild angeboten werden. Folgende Fragen könnten auftauchen: War es wirklich so? Wie ist Rom entstanden? Wie lebten die Menschen in Rom? Wie hat sich das Leben in Rom entwickelt? Hatten die Bewohner Nachbarn?

Damit sich die Schüler zielgerichtet und umfassend mit der Thematik auseinandersetzen, ist es für den weiteren Verlauf der Unterrichtsarbeit wichtig, ein Handlungsziel festzulegen.  Im vorliegenden Beispiel wird in gemeinsamer Absprache vereinbart, eine Ausstellung zum Leben im römischen Reich zu gestalten.

Um möglichst viel über das Leben der Römer zu erfahren, wird das umfangreiche Thema in Teilthemen aufgeteilt. Folgende Bereiche könnten gewählt werden: Erweiterung der Machtverhältnisse vom Stadtstaat zum Weltreich, Staatsaufbau, Sicherung des Reiches durch das Militär (Legionäre, Grenzwall, Kastelle), Stadt- und Landleben, wie Wohnen in Rom (Villa und Mietskaserne), Wohnen auf dem Land (Landgüter, Landwirtschaft), Familienleben, Technik bei den Römern wie Straßenbau, Wasserleitungen, Haus-bau, Heizungsanlagen, Brot und Spiele (Gladiatorenkämpfe, Wagenrennen, Theaterauf-führungen), Handel und Handelswege im römischen Reich.

Handlungsprozesse: intensive Auseinandersetzung mit den Sachinformationen

Die nun folgenden Handlungsprozesse beinhalten eine intensive Auseinandersetzung der Schüler mit den notwendigen Sachinformationen zu den festgelegten Themenbereichen. Sie sichten das vorhandene Material und werten es aus, um Lösungen zu den aufgeworfenen Fragen zu finden. Durch diese Aktivitäten wird der Unterricht für die Schüler lebendig und die Zeit der Römer erfahrbar. Das Handlungsziel darf allerdings niemals aus den Augen verloren werden.

Der jeweilige Lerngegenstand und die Lerninhalte sollten die verschiedenen pädagogischen Anforderungsbereiche wie Kompetenzförderung und -erweiterung berücksichtigen. Es ist ratsam im Ablauf der Handlungsprozesse eine arbeitsteilige Gruppenarbeit zu wählen. Lernen erfolgt hier in abgeschlossenen Handlungen. Die Schüler sollen dabei ihr Vorgehen möglichst selbstständig planen, durchführen und kontrollieren. Sie lernen entsprechend ihrem eigenen Lerntempo mit den entsprechenden Informations- und Arbeitsmaterialien, die sie teilweise auch selbst beschafft haben.

Diese Materialien sollten so angelegt sein, dass sie den Schülern ermöglichen, ihre unterschiedlichen Vorerfahrungen und Lernvoraussetzungen in den Lernprozess einbringen zu können. Zu diesen Arbeitsmaterialien zählen Lesetexte, Bildmaterialien, Geschichtskarten, Grundrisszeichnungen oder Bauanleitungen. Eine Vielfältigkeit der Aufgabenbearbeitung ist anzustreben.

Besonders deutlich wird in dieser Phase, dass handlungsorientierter Unterricht wie kein anderes Unterrichtskonzept ein kooperatives und kommunikatives Lernen ermöglicht.

Handlungsprodukte werden als Ergebnis der Handlungsprozesse präsentiert

In dieser Phase der aktiven Auseinandersetzung entstehen auch die jeweiligen Handlungsprodukte, auf die sich die Gruppen im Vorfeld geeinigt haben. Das könnten sein:
eine erstellte Karte zum Weltreich der Römer, eine Karte zu den Handelswegen mit den entsprechenden Handelsprodukten, ein Modell zu einer römischen Villa, eine Zeichnung zu einem römischen Kastell, das Modell eines Wachturms am Grenzwall, eine Anziehpuppe zum römischen Legionär, die Herstellung einer römischen Sandale oder einer Toga, die Herstellung eines Mosaiks, eine Zeichnung des Forum Romanum mit Erläuterungen der Gebäude, eine Öllampe, die Zeichnung einer Badeanlage (Therme) mit entsprechender Raumaufteilung und Badeablauf, die Beschreibung der Funktionsweise einer römischen Heizung mit dazugehöriger Zeichnung, um hier nur einige Ideen und Anregungen zu nennen.

Alle Ergebnisse aus den Handlungsprozessen werden abschließend mit den Handlungs-produkten vorgestellt, ausgewertet und zu einer Ausstellung zusammengestellt.
Durch diese Form der Präsentation haben die Schüler eine umfassende Vorstellung vom Leben und vom Alltag der Römer in ihrer Zeit erhalten.

Der Lehrer als Berater

Im handlungsorientierten Unterricht muss der Lehrer in der Lage sein, eine veränderte Rolle einzunehmen. Er muss von der Rolle eines Lehrenden in die Rolle eines Beraters schlüpfen (Gudjons, 2001, S. 143), der die Lernenden in ihrem Tun unterstützt. Das gilt besonders für leistungsschwache Schüler.

Er ist verantwortlich für die Organisation des Lernprozesses und der Lernformen zur Selbst-bearbeitung durch die Schüler. Er darf keine vorgefertigten Lösungen mehr anbieten, vielmehr muss er zulassen, dass die Schüler ihre eigenen Lösungswege finden und er muss ihre Entscheidungen im Sinne der Kennzeichen und Merkmale des handlungsorientierten Unterrichts akzeptieren.

Problembereiche bei der Umsetzung

Ein Problem ist der festgelegte Rhythmus im 45-Minutentakt, in dem Unterricht überwiegend stattfindet.  Den gilt es aufzulösen. Probleme könnten auch auftreten, wenn das Informationsmaterial in Form von Texten zu schwierig ist, notwendige Bauanleitungen zu komplex sind oder das Bildmaterial mit Informationen überfrachtet ist. Die bereitgestellten Materialien müssen auf die Lernvoraussetzungen abgestimmt sein.

Wenn die Schüler nicht über ihr Handeln und die daraus resultierenden Handlungsprodukte reflektieren können, so wird ihr Handeln zum reinen Aktionismus und es kommt bei den Schülern zu keinem Erkenntnisgewinn.

Gruppenarbeit muss eingeübt und deutlich geplant sein, damit es nicht zu unerwünschter Einzelarbeit innerhalb der Gruppe kommt und es somit auch nicht zu einem angestrebten kooperativen und kommunikativen Lernen und solidarischen Handeln kommt.

Weiter mögliche Probleme:

  • Überforderung der Schüler, wenn sie mit den vorhandenen Freiräumen nicht umgehen können.
  • fehlendes Hintergrundwissen zur Lösung einer Aufgabe.
  • Schwächen in der Feinmotorik zur Bewältigung einer Bauanleitung.
  • mangelnde Teamfähigkeit.
  • Frustration durch negative Erlebnisse in Phasen der Gruppenarbeit.
  • auftretendes Desinteresse aufgrund fehlender Ergebnisse oder zu langer Unterrichtsphasen.
  • zu häufiges Eingreifen des Lehrers.

Diese beschriebenen Probleme können, aber müssen nicht zwangsläufig auftreten. Auf sie aufmerksam gemacht zu werden, hilft ihnen entgegenzusteuern.

Schlussbemerkung

Im handlungsorientierten Unterricht lernen die Schüler durch aktive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Unterrichtsgegenstand einen lebendigen Unterricht kennen, indem sie forschen, entdecken, ausprobieren, planen und verwerfen können.Sie werden befähigt, durch selbstgesteuertes Handeln, durch Nachdenken über historische Sachverhalte und durch Arbeiten an historischen Sachverhalten eigenes Interesse an dem jeweiligen Unterrichtsfach (hier Geschichte) zu entwickeln.

Aktivität und Selbsttätigkeit sind wichtige Merkmale, um zur Selbstständigkeit zu gelangen.
Im handlungsorientierten Unterricht lernen sie ihren Lehrer nicht als Lehrperson kennen, sondern als Berater und Organisator, der sie in ihrem Lernprozess unterstützt.

Handlungsorientierter Unterricht ist offen für alle Themenbereiche. Ein wesentlicher Schritt ist das Festlegen eines Handlungsziels.
Hier zwei weitere Beispiele:

  1. Thema „Das Frankenreich“, mit dem Handlungsziel: Erstellen einer Bildkarte über das Leben und die Regierungszeit Karls des Großen.
  2. Thema: „Das deutsche Kaiserreich“, mit dem Handlungsziel: Das Erstellen einer Tageszeitung zum Geschehen des Ersten Weltkriegs.

Zum Schluss sei gesagt, dass diese ausführlichen und beispielhaften Anregungen viele Möglichkeiten für einen erfolgreichen Handlungsorientierten Unterricht bieten und den Schülerinnen und Schülern Wege zu mehr Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusst-sein öffnen.

Karsten Paul

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