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Lernleitern

Lernleitern als Chance für den Förderunterricht

Das Verhalten von Schülern im Förderunterricht stellt Lehrer vor große Herausforderungen. Schulunlust und Verweigerung sind alltäglich. Die Arbeit mit Lernleitern kann bei diesen Schülern zu großen Erfolgen führen: Sie arbeiten selbstständig, aus eigenem Antrieb und in ihrem eigenen Tempo.

Lernleitern: Lernleitern als Chance für den Förderunterricht An einer gut einzusehenden Stelle im Klassenraum verdeutlicht ein Ablaufplan den Unterrichtsverlauf © Kathrin Stiehr

Als Paul im zweiten Halbjahr der 6. Klasse in den Unterricht an unserem Förderzentrum kam, brachte er eine hohe Schulunlust mit. Monatelang war er gar nicht zur Schule gegangen und lag auch bei uns in den meisten Fächern mit dem Kopf auf dem Tisch, wirkte übermüdet und demotiviert, antwortete kaum auf Fragen. Nur im Mathematik-Unterricht, in dem ich zu den Themen Bruchteile, Bruchrechnen und Winkel mit Lernleitern erstellt hatte, arbeitete er von Beginn an ausdauernd und motiviert mit. Er genoss es sichtlich, keine Anweisungen von Lehrern zu bekommen oder mit engen Zeitvorgaben in einem lehrerzentrierten Unterricht im Gleichschritt zu arbeiten (wie er es bisher in der Schule gewohnt war), sondern sich die Aufgaben und Übungen selbstständig zu erschließen und dabei zu sehen, wie er in seinem eigenem Tempo vorankam.

Lernleitern sind Teil der MultiGradeMultiLevel-Methode, die vor über 30 Jahren in Indien entwickelt wurde. Sie bemüht sich um ein individuelles Lernen von Kindern, unabhängig von deren Alter, Leistungsfähigkeit und kulturellem Hintergrund. 

Schüler mit Förderbedarf brauchen besondere Lernwege

Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung werden im schulischen Kontext häufig als „schwierig“, „störend“, „auffällig“, „unangemessen“ und auch als „unerträglich“ wahrgenommen (Harms, Ulrich: Besondere Schüler — Was tun? Rund um den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Hintergrundinformationen — Fallbeispiele — Strategien. Mühlheim an der Ruhr 2014, S. 10). Myschker erklärt ihr Verhalten als Form „unangemessene[r], unvorteilhafte[r] und sozial unverträgliche[r] Situations- und Lebensbewältigung“ (Myschker, Norbert: Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Erscheinungsformen — Ursachen — hilfreiche Maßnahmen. Potsdam 2008, S. 48). Von ihm favorisiert wird der Begriff „Verhaltensstörungen“, der auch im Folgenden verwendet wird. 

Das Verhalten von Schülern mit ganz unterschiedlichen Verhaltensstörungen stellt Lehrkräfte im Unterricht mit bis zu 12 Schülern vor große erzieherische Herausforderungen. Da im Förderschulbereich, etwa in Bayern, meist der Lehrplan der Mittelschule greift, stellt sich zudem auch aus didaktischer Sicht die Frage, wie trotz besonderer Lernbedingungen erfolgreicher Unterricht gelingen kann. Für Lernende mit Verhaltensstörungen gibt es kaum spezifische didaktische Konzeptionen und Unterrichtsmethoden. 

Inwieweit sich aus dem Lernsystem Lernleitern besondere Wege und Chancen im Förderschulbereich ergeben können, soll im Folgenden am Beispiel einer 6. Klasse eines bayerischen Förderzentrums mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung gezeigt werden.

Lernleitern und Milestones sorgen für Überblick

Auf die Bedürfnisse von Schüler mit Verhaltensstörungen abgestimmt, erarbeiteten wir in einem Team von drei Kolleginnen eine einheitliche Lernleitervorlage. Sie sollte übersichtlich, klar, variabel und für unterschiedliche Jahrgangsstufen einsetzbar sein. Ein erstes Arbeitsblatt erklärte den Schülern die in der Lernleiter verwendeten Symbole und Zeichen. Jeder Schüler erhielt die Lernleiter ausgedruckt für seinen Mathematikordner als Deckblatt an das weitere, fortführende Teile der Lernleiter angeklebt wurden. 

Die Schüler malten die einzelnen Kästchen auf ihrer Lernleiter aus, wenn sie die Übung, das Spiel, den Merkhefteintrag, die Partnerarbeit, die Lehrererklärung oder das Arbeitsblatt erledigt hatten. Jeder Schüler verschaffte sich somit selbst einen genauen und individuellen Überblick darüber, was schon erledigt wurde und was noch zu tun ist. Am Ende jeden Milestones wurde ein Test geschrieben, der vom Umfang her jeweils variierte. 

Die Materialien wurden in einem Regal mit Fächern durchnummeriert oder mit Symbolen versehen an eine Wand geheftet. Die Schüler malten nach einer erledigten Aufgabe die Kästchen auf der Lernleiter nicht nur aus, sondern trugen zudem das Datum in eine Dokumentationsliste ein, sodass auch die Lehrkraft einen genauen Überblick über den aktuellen Lernerfolg des Lernenden hatte. Das Ausmalen und das Eintragen waren jedoch nur dann möglich, wenn die Schüler die bearbeiteten Aufgaben mit der Lösung aus dem Ordner zur Selbstkontrolle gewissenhaft verglichen hatten. 

Der Ablauf des Unterrichts wurde immer gleich strukturiert: Zu Beginn gab es unterschiedliche Übungen und Spiele zum Kopfrechnen; danach sagte jeder Schüler, was er sich für die verbleibende Arbeitszeit vornahm, die auf einer Uhr für alle sichtbar war. Der Lehrer dokumentierte den Prozess und reflektierte am Ende den Verlauf (siehe Artikelfoto). Zudem besprachen wir, wer — nach dem Tandemprinzip — zusätzlich zur Lehrkraft Helfer und Unterstützer sein könnte. In der Reflexionsphase gaben die Schüler ein Feedback ab: was sie erledigt hatten, mit wem sie gut zusammenarbeiten konnten, wo es Schwierigkeiten gab oder wie sie den Test einschätzten. Anschließend bereiteten wir die individuellen Hausaufgaben vor.

Schüler gewinnen Vertrauen in ihre Leistungen

In mehreren Beiträgen beschreibt Müller die positiven Effekte mit dem Lernsystem Lernleiter, die am Förderzentrum St. Vincent in Regensburg bei leistungsverweigernden, schulfrustrierten und verhaltensauffälligen Kindern beobachtet wurden. Seiner Meinung nach sehen und erfahren Schüler bei der Arbeit mit Lernleitern ganz konkret, wie mit ihnen etwas vorangehe (Müller, Thomas: „Mit mir geht was weiter …“. Zur Arbeit mit der MultiGradeMultiLevel-Methodology und ihren Lernleitern an der St. Vincent-Schule. In: Fördermagazin 3/2012. Berlin 2012,S. 49-52). Dies ist seiner Meinung nach ein großer Unterschied zu anderen offenen Unterrichtsformen wie Wochenplan- oder Übungsplanarbeit. 

Bei der Arbeit mit der Lernleiter erleben Schüler, etwas geschafft zu haben und mit einer Arbeit auch fertig geworden zu sein, indem sie die bearbeiteten Lernschritte auf der Lernleiter farbig markieren. Dadurch wird das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit besonders gefördert (Müller, Thomas: Erfahrungen mit dem konkreten Einsatz der Lernleiterarbeit in der Grundschulstufe der St.Vincent-Schule. In: Fördermagazin 3/2012. Berlin 2012, S. 53-54).

Die Struktur der Lernleiter und die vorbereitete Lernumgebung ermöglichen es, dass Schüler sich selbst instruieren, eine Aufgabe zu bearbeiten. Müller stellt fest, dass verhaltensauffällige Schüler oft ambivalente oder traumatisierende Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht haben. Er vermutet, dass sie deshalb immer wieder Schwierigkeiten haben, schulische Instruktionen von Erwachsenen entgegenzunehmen, was zu Verweigerungshaltungen oder anderweitigen Konflikten führen kann. Wertfrei aus der Sache entstehende Instruktionen, die sich die Schüler zudem selbst geben, durchbrechen diesen Mechanismus und können daher äußerst wirksam sein (vgl. Müller 2012a, S. 52). 

Beziehung zwischen Schüler und Lehrer verbessert sich

Diese Erfahrungen mit dem Lernsystem Lernleiter decken sich mit meinen eigenen in einer 6. Klasse am Förderzentrum. Ich erstellte mehrere Lernleitern zu den Themen Bruchteile, Bruchrechnen und Winkel, mit denen während des Schuljahres 2015/16 im Fach Mathematik gearbeitet wurde. Im zweiten Halbjahr kam Paul zu mir in die Klasse, der Schüler, von dem ich eingangs berichtete. Das selbstständige Arbeiten in seinem eigenen Tempo ermutigte ihn. Er erzielte gute Leistungen und freute sich darüber. Nach einigen Wochen wurde er besser ansprechbar, arbeitete auch in anderen Fächern wieder mit und kam jeden Tag in die Schule. 

Er ließ auch einen Beziehungsaufbau zu, der beim Lernen mit der Lernleiter dadurch erleichtert wird, dass die Lehrkraft  Begleiter und Anleiter und nicht primär Beurteiler des Lernprozesses ist. Gezieltes Verstärken, Loben, Motivieren der Schüler fördern eine persönliche Beziehung zwischen Schüler und Lehrer, die sich positiv auf den Lernprozess auswirkt. 

Für die Lehrkraft steht nicht die Vermittlung der Lerninhalte im Vordergrund, sondern das Beobachten, Begleiten und Teilnehmen am gemeinsamen Lernprozess. Dies setzt natürlich voraus, dass die Lehrkraft bereit ist, das „Steuer“ abzugeben, ganz nach dem Leitsatz der Erfinder der MGML-Methodology „The Child is in the Driver’s Seat“ (vgl. Girg, Ralf/ Lichtiger, Ulrike/ Müller, Lernen mit Lernleitern. Unterrichten mit der MultiGradeMultiLevel-Methology (MGML), Immenhausen 2012, S. 44f., S. 48). 

Ich beobachtete auch insgesamt, wie motiviert meine Schüler arbeiteten, obwohl sie in ihren Schülerakten u. a. als „unbeschulbar“, „demotiviert“, „aggressiv“ bezeichnet wurden. Sie hatten sichtlich Spaß und äußerten häufig ihren Unmut, wenn die Arbeit mit der Lernleiter beendet werden musste. Auch das Klassenklima verbesserte sich, und es kam allgemein zu weniger Unterrichtsstörungen. 

Verschiedene Faktoren beeinflussen den Erfolg 

Im Rahmen meiner Beschäftigung mit dem Lernsystem Lernleiter führte ich vier Leitfaden-Interviews mit Sonderschullehrerinnen, die bereits auf mehrjährige Erfahrungen mit Lernleitern zurückgreifen können. Ihre Antworten zeigten, dass sie ganz ähnliche Beobachtungen gemacht hatten. Auf die Frage, welche zusätzlichen Kompetenzen die Schüler zu dem eigentlichen, fachlichen Thema bei der Arbeit mit der Lernleiter erwerben, nannten die vier Lehrerinnen übereinstimmend die Bereiche Problemlösungskompetenz, Selbstwirksamkeit, Selbstverantwortung, das eigene Handeln zu organisieren (Holen von Materialien), Selbst- und Sozialkompetenz (Partnerarbeit).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Gelingen des Unterrichtens mit Lernleitern von verschiedensten Einflüssen abhängt: von der Lehrerpersönlichkeit genauso wie von der Situation in der Lerngruppe und den individuellen Voraussetzungen der Schüler. Zudem spielt die konkrete Umsetzung des Lernsystems und die Gestaltung des Unterrichts eine wesentliche Rolle. 

Auch die Lernleiter kann — wie alle anderen methodisch-didaktischen Konzeptionen — nicht isoliert von solchen, teilweise auch äußeren Rahmenbedingungen betrachtet werden. Dennoch wurde deutlich, dass das Lernen mit Lernleitern für Schüler mit besonderen Bedürfnissen und deren Lehrpersonen große Chancen birgt, einen Unterricht zu gestalten, der diesen spezifischen Bedürfnissen gerecht wird. 

Kathrin Stiehr

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