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Lerntheke

So kann die Lerntheke die Fantasie beflügeln

Kann man kreatives Schreiben lernen? Ja, dazu eignen sich Aufgaben von der Lerntheke besonders gut. Unser Beispiel zeigt, wie es gelingen kann, Schüler fürs Schreiben eigener fantasievoller Texte zu begeistern.

Lerntheke: So kann die Lerntheke die Fantasie beflügeln Eine Schülerin bearbeitet eine Aufgabe zum kreativen Schreiben, die sich sich von der Lerntheke geholt hat © Ingo Bartussek - stock.adobe.com

Ich stehe auf dem Schulhof und bin stolz und gerührt zugleich. Auf dem Boden vor mir steht ein Textauszug in bunter Straßenmalkreide geschrieben. Den Weg zum Neubau schmückt eine Treppengeschichte —  auf jeder Stufe ein Satz —, und ein großes, ebenfalls mit einem Schülertext beschriebenes Stoffbanner hängt über dem Eingang. Heute findet zum ersten Mal eine Lesung für interessierte Schüler, Freunde, Eltern und Lehrer statt, bei der die Arbeitsergebnisse unseres Projektes zum Kreativen Schreiben präsentiert werden. Doch bis hierher war es ein weiter Weg.

Lange schon wollte ich mich im Unterricht an das Kreative Schreiben heranwagen. Aber wie lässt sich dieses Thema in einer heterogenen Lerngruppe umsetzen, in der die Schreibkompetenzen der Schüler weit auseinanderliegen? Wie kann es mir gelingen, meinen Schülern wichtige Kriterien des Schreibens zu vermitteln, ohne sie bei der Aufgabenauswahl in ihrem kreativen Schaffensprozess einzuschränken? Und wie lässt sich eine so freie und kreative Thematik überhaupt sinnvoll didaktisch aufbereiten und systematisieren? 

Offene Aufgabenstellung für kreative Ideen

So galt es vorab nicht nur inhaltliche Fragen zu klären, sondern u. a. auch methodische und organisatorische Aspekte zu berücksichtigen. Ich entschied mich für eine Lerntheke. Diese offene Unterrichtsmethode erschien mir genau passend für das Anliegen, meine Schüler nicht nur in ihren unterschiedlichen Schreibfähigkeiten, sondern auch in ihrer Kreativität zu fördern. Dafür wählte ich einen klar strukturierten Aufbau der Lerntheke, der für sämtliche Themenbereiche gleich gegliedert war, wobei sich ein Themenbereich jeweils einem wesentlichen Aspekt des Schreibens widmete: z. B. Wortschatzarbeit, variable Satzanfänge, ein fesselnder Einstieg, gute Dialoge, unterschiedliche Perspektiven, interessante Charaktere, der Spannungsbogen einer Geschichte und ein passendes Ende. Zu jedem Bereich wurden jeweils drei differenzierte Übungen angeboten und schließlich eine Schreibaufgabe. Während die Übungen darauf zielten, die Schüler im Handwerkszeug des Kreativen Schreibens zu schulen, waren die Schreibaufgaben bewusst sehr offen gehalten und verlangten den jungen Autoren eigene Ideen und Einfälle ab. 

Schreibtraining mit gezielten Übungen

Über einen begrenzten, klar definierten Zeitraum war die Lerntheke in ausgewiesenen Deutschstunden sowie in der Lernzeit fester Bestandteil des Stundenplans. Diese Zeit wurde ausschließlich für die Arbeit an der Lerntheke genutzt. Für die Bearbeitung stellte ich lediglich eine einzige Regel auf: Die Schüler sollten mindestens eine Übung zum Themenbereich erledigen, bevor sie mit der eigentlichen Schreibaufgabe beginnen. Alles andere lag in ihrer Hand. 

Ich war selbst erstaunt, wie gut diese eine Regel funktionierte. Meine Schüler entschieden selbst, welchen Themenbereich sie auswählten, einen einzigen oder verschiedene. Auch trainierten einige von ihnen zunächst an mehreren Übungen und tasteten sich auf diese Weise von der einfachen Übung bis hin zum dritten und komplexeren Anforderungsbereich immer näher an die eigentliche Schreibaufgabe heran. 

Wie die Topfpflanze in den Krimi kam

Diese Vorgehensweise wählte auch Lena, eine Schülerin, die bei Schreibaufgaben immer etwas unsicher wirkte. Zum Themenbereich „Alles eine Frage der Perspektive“ setzte sie sich zuerst mit der Übung 1 (= Anforderungsbereich 1) auseinander und formulierte zu einem Situationsbild Denkblasen für unterschiedliche Personen. Anschließend schrieb sie bei der Übung 2 (=Anforderungsbereich 2) den kurzen Textabschnitt einer bekannten Geschichte um, indem sie eine andere Hauptfigur erzählen ließ. In der dritten Übung (= Anforderungsbereich 3) verlieh sie einem Gegenstand ihrer Wahl mithilfe verschiedener Leitfragen, die es zu beantworten galt, menschliche Züge. 

Im Anschluss an die Bearbeitung der drei Übungen, die sie freiwillig wählte, denn laut Regel hätte sie nur eine erledigen müssen, stellte Lena sich der eigentlichen Schreibaufgabe dieses Themenbereichs und formulierte eine wunderbare kurze Geschichte nach der Vorgabe: „Schreibe einen Text aus der Sicht einer Topfpflanze.“ So viel sei an dieser Stelle verraten: Es ist ein echter Krimi geworden.

Mit viel Motivation zu eigenen Texten

Über einen Monat konnten meine Schüler so mit viel Motivation und Fleiß ihre Kompetenzen im Bereich der Textproduktion trainieren und verbessern. Auch die Kreativität entfaltete sich allmählich und nach anfänglicher Zurückhaltung wurde fantasiert und ausprobiert. Von Wortneuschöpfungen, über das Ausdenken kleiner magischer Geschichten mit lustigen Zaubersprüchen bis hin zum Benutzen unterschiedlicher Schreibwerkzeuge brachten die Schüler immer mehr eigene Ideen ein, sodass wirklich besondere Texte nicht nur zu Papier gebracht wurden, womit sie meine Erwartungen übertrafen.

Und nun lese ich einen wunderbaren, mit Straßenmalkreide geschriebenen Textauszug, der unseren Schulhof verschönert und mir wird noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass sich mein Vorbereitungsaufwand und die Anstrengungsbereitschaft der Schüler wirklich gelohnt haben.

Julia Rosendahl

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