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Lesen lernen GE

Lesen lernen in kleinen Schritten

Was heißt eigentlich Lesen? Das Konzept vom erweiterten Lesebegriff schließt auch das Verstehen von Handlungen und Bildern ein. So werden Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung an eine Kommunikation mit Wörtern und Schrift herangeführt.

Lesen lernen GE: Lesen lernen in kleinen Schritten Auch das ist Lesen: die Botschaft von Piktogrammen und Bildern richtig zu identifizieren © Gstudio Group - Fotolia.com

Lesen und Schreiben stellen in unserer medialen Welt einen wichtigen Schlüssel zur Teilhabe an der Gesellschaft dar. Nicht nur Bücher, sondern zum Beispiel auch Fernsehzeitschriften, Kochrezepte, Briefe und Broschüren, genauso wie das Internet, Handy oder Tablet verlangen Kompetenzen im Lesen und Schreiben. Für Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung mit äußerst unterschiedlichen Lernvoraussetzungen im Lesen bedeutet jedoch der Schriftspracherwerb häufig eine hohe Hürde, die mit intensiver Unterrichtung und Förderung verbunden ist. So wird nicht nur das Konzept der Leichten Sprache wichtig, sondern auch in besonderem Maß der erweiterte Lesebegriff, ein Verständnis von Lesekompetenz, das mehr als das Lesen von Texten im engeren Sinn umfasst.

Situationen lesen und Signalwörter erkennen

Während für Grundschulkinder der Schriftspracherwerb oft gleichbedeutend mit der Aneignung von Buchstaben ist, bedarf es für die sehr heterogene Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung einer Ausweitung des Lesens im Sinn des erweiterten Lesebegriffs nach Günthner (Günthner, Werner: Lesen und Schreiben lernen bei geistiger Behinderung. Grundlagen und Übungsvorschläge zum erweiterten Lese- und Schreibbegriff. Dortmund 2013).


Abb.: Günthner, Werner (2013): Lesen und Schreiben lernen bei geistiger Behinderung. Grundlagen und Übungsvorschläge zum erweiterten Lese- und Schreibbegriff. Dortmund, S.16.

Kommunikation beginnt mit persönlichem Erleben

Im erweiterten Lesebegriff schließt das Lesen demnach auch das Verstehen von Körpersprache, Handlungen und Situationen wie auch von Bildern, Signalen und Symbolen ein. Besonders für Schüler mit einer schweren und mehrfachen Behinderung wird der so verstandene Lesebegriff zum wichtigen Bildungsinhalt, der in der Folge auch gut mit Zugangsweisen aus dem Bereich Kommunikation und Sprache verknüpft und gefördert werden kann. Sprechen, Lesen und Schreiben beziehen sich dann über das Kodieren bzw. Dekodieren von Sprache bzw. Schrift hinaus auch auf die Informationsentnahme aus der persönlichen Erlebnis- und Wahrnehmungswirklichkeit. Parallel hierzu wird das Schreiben im erweiterten Sinn dann als Ausdruck einer kommunikativen Absicht auf unterschiedlichen (auch körperlichen) Ebenen verstanden. Der Schüler mit intensiver Behinderung entwickelt Einsicht in die kommunikative Funktion von Sprache.

Lesen lernen in sechs Stufen

Die Didaktik und Methodik des erweiterten Lesebegriffs im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung wird noch immer vom bereits in den 70er-Jahren entwickelten Modell von Hublow ( Hublow, Christoph: Lebensbezogenes Lesenlernen bei geistig behinderten Schülern. In: Geistige Behinderung Heft 2/1985, S. 1-24.) bestimmt, welches sechs Lesestufen umfasst. Diese reichen vom Verständnis von Situationen bis hin zum Schriftlesen. In Weiterentwicklung durch Euker und Koch (Euker, Nils/ Koch, Arno: Der erweiterte Lesebegriff im Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung- Bestandsaufnahme und Neuorientierung. ZfH 7/2010, S. 261-268 ) fließen aktuelle grundschuldidaktische Forschungsergebnisse mit ein. Je nach Lernstandsdiagnose wird der Unterricht in differenzierender Weise die folgenden lesedidaktischen Schwerpunkte setzen.

Lesen von Personen, Gegenständen, Situationen und Handlungen

Für Schüler mit intensiver Beeinträchtigung wird die Verbindung zwischen Lesen und Kommunikation sinnstiftend und mit Bedeutung gefüllt. Beispielsweise werden bestimmte wiederkehrende Situationen gelesen und gedeutet: Klangschale = Morgenkreis, Glocke = Pause, Klangstab = Einzelförderung. Für Schüler mit intensiver Beeinträchtigung können Realgegenstände und Verweiser als Schrift betrachtet werden, z. B. „echter“ Löffel auf Stundenplan bedeutet Brotzeitpause.

Lesen von Bildern und Piktogrammen

Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung erfahren über täglich verwendete Medien die Funktion von schriftlicher Kommunikation, z. B. Mitteilungsheft, Merkhilfen, Sprachausgabegeräte zum Erzählen von Zuhause. In den Hilfsmitteln der Unterstützten Kommunikation, einem Konzept der Sonderpädagogik, werden häufig Einzelbilder verwendet. Die unterschiedlichen Darstellungsweisen von realer Fotografie bis hin zum abstrakten Bildzeichen erfordern jeweils unterschiedliche Lesefertigkeiten. Auch in der Alltagswelt begegnen den Schülern viele Bildzeichen, wie z. B. Toilette, Bushaltestelle oder Gefahrenzeichen, welche entschlüsselt werden müssen. In sinnvollen Ganzheiten werden diese im fächerübergreifenden Unterricht thematisiert.

Lesen von Signalwörtern und Ganzwörtern

Mit den bereits erlernten Lesegrundlagen können Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung einzelne Silben, Wörter und Sätze lesen. Dies kann ebenfalls sinnstiftend ausgearbeitet werden, z. B. durch die Verwendung des eigenen Namens als Ganzwort, durch wichtige Alltagsbezüge, z. B. Name eines Supermarktes als Ort zum Einkaufen usw. Auch die Kombination von Wort- und Bildkarten hat sich im Unterricht besonders bei der Tafelarbeit bewährt und bietet immer wieder gute Leseanlässe.

Lesen und Schreiben von Texten

Alphabetisches Lesen stellt für viele Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung eine Hürde dar. Lesefreude und Lesemotivation bedürfen darum einer besonders anregenden Lernumgebung, es werden lesende Vorbilder benötigt. In der Schule kann zum regulären Deutschunterricht eine Leseecke mit interessanten (Bilder-)Büchern eingerichtet werden, die Freude am Lesen vermittelt.

Die Schüler schreiben für sich und andere Kritzelbriefe, welche dann vorgelesen werden. Mit elementarem Schriftverständnis erfahren Schüler mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, dass etwas Geschriebenes Sinn und Bedeutung hat, z. B. die Einkaufsliste als Merkhilfe. Das, was man aussprechen kann, kann man auch aufschreiben, es entwickelt sich das Symbolverständnis von Schrift.

Wie in allen anderen Schularten auch bedarf es für Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung beim Lesen der täglichen Übung, um erfolgreich den Leselernprozess zu bewältigen. Die kann im Morgenkreis, in offenen Unterrichtsformen wie Lerntheke, Stationenarbeit oder Freiarbeit, in differenzierten Lesegruppen oder im fächerübergreifenden Klassenunterricht geschehen. Im erweiterten Lese- und Schreibbegriff werden alle Schüler in den Deutschunterricht einbezogen, unabhängig von Grad und Schwere der Behinderung.

Claudia Omonsky

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