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LRS

Wenn das Lesen- und Schreibenlernen zu Bauchweh führt

Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche kann in vielen Formen auftreten. Für alle LRS-Schüler gilt: Üben hilft nur selten gegen Schulfrust und Verweigerung. Wichtiger ist es, die Ursachen der Schwäche zu kennen und dem Schüler Erfolgserlebnisse zu vermitteln.

LRS: Wenn das Lesen- und Schreibenlernen zu Bauchweh führt Damit sich kein Schulfrust bei Schülern mit LRS einstellt, ist es wichtig, gerade diesen Schülern Erfolgserlebnisse zu vermitteln © magele-picture - Fotolia.com

„Übung macht den Meister!“ Mit diesem allseits bekannten Sprichwort wollte eine Mutter ihre Tochter in der 3. Klasse zum Rechtschreibtraining motivieren. Doch das Mädchen antwortete:  „Nein, Üben macht schlapp!“ — So ergeht es Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Störung, denn wie intensiv sie auch üben, Erfolge stellen sich nur sehr kurzfristig ein; das Gelernte bleibt nicht haften. Sogar innerhalb eines Textes wird ein und dasselbe Wort einmal mit Dehnungs-h und fünf Zeilen weiter ohne geschrieben. Hier zeigt sich das schlecht ausgebildete Wortbildgedächtnis von lese-rechtschreibschwachen Kindern. Beim Lesenlernen dauert es bei einem Kind mit LRS lange, bis es Buchstaben zu Wörtern zusammenlesen kann und noch länger dauert es, bis es versteht, was es gelesen hat.  

In vielen Fällen wird das Üben im Rahmen der Hausaufgaben bald zu einem Machtkampf zwischen Eltern und Kind, denn wozu die Plagerei, wenn es doch nichts bringt? Bald werden Kopfweh oder Bauchweh als Begründung angeführt, warum es besser ist, zu Hause zu bleiben anstatt in die Schule zu gehen. Schulunlust und sogar Schulverweigerung können die Sekundärfolge von LRS se

Definition: Lese- Rechtschreib-Störung oder Legasthenie  

Die Lese-Rechtschreib-Störung ist eine überdauernde Beeinträchtigung im Lesen/Rechtschreiben. Da die Abgrenzung zur Lese-Rechtschreib-Schwäche, mit der vorübergehende behebbare Lernschwierigkeiten bezeichnet werden, nur sehr vage ist und auch bei einer zunächst diagnostizierten Schwäche kaum Verbesserungen eintreten, wird mittlerweile in vielen kultusministeriellen Verordnungen auf die Unterscheidung verzichtet. Es ist nur noch von Lese-Rechtschreib-Störung oder von Legasthenie die Rede. Sie bezeichnet ein verzögertes Erlernen des Lesens und Rechtschreibens bei ansonsten befriedigenden schulischen Leistungen und durchschnittlicher oder gar überdurchschnittlicher Intelligenz.

LRS als Gesundheitsproblem

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht in ihrer Klassifizierung ICD 10 von einer „umschriebenen Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten“. Im Fachjargon wird auch der Begriff „Teilleistungsstörung“ verwendet. Damit werden Schwierigkeiten bezeichnet,

  • bei denen das Lernen in einem Funktionsbereich von frühen Entwicklungsstadien an gestört ist, z. B. im Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen.
  • die nicht auf mangelnde Lerngelegenheiten, z. B. eines wegen Krankheit versäumten Unterrichts, zurückzuführen sind.
  • die nicht aufgrund von Intelligenzminderung auftreten.

Die bekanntesten Teilleistungsstörungen sind Legasthenie und Dyskalkulie. Das Hauptmerkmal der LRS/Legasthenie ist eine bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lesefertigkeit. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wiederzuerkennen, vorzulesen und Leistungen, für die die Lesefähigkeit nötig ist, können betroffen sein. Häufig sind diese Lernprobleme mit Rechtschreibstörungen gekoppelt, deshalb wird meist der Begriff Lese-Rechtschreib-Störung (LRS, Legasthenie) verwendet.

Ein Schüler kann auch eine durchschnittliche Lesekompetenz entwickeln, lediglich die Rechtschreibfertigkeit ist beeinträchtigt.

Gleiche Förderung für verschiedene LRS-Ursachen

Von einer Legasthenie oder Lese-Rechtschreib-Störung als Teilleistungsstörung im Sinn der ICD 10-Definition der WHO wird nur bei denjenigen Kindern gesprochen, denen in der psychologischen oder in der sonderpädagogischen Diagnostik eine mindestens durchschnittliche Intelligenz bescheinigt wird. Dies trifft im Bereich der Sonderpädagogik in der Regel auf Kinder mit Sinnesbehinderungen oder mit den sonderpädagogischen Förderschwerpunkten „Sprache“ und „sozial-emotionale Entwicklung“ zu.

Kinder mit den Förderschwerpunkten „Lernen“ und „geistige Entwicklung“ haben ebenso häufig massive Probleme beim Erlernen des Lesens und Rechtschreibens, doch sind diese im Zusammenhang mit ihrer allgemeinen Lernschwäche zu sehen, nicht im Sinn einer Teilleistungsstörung, als die die LRS definiert wird.

Allerdings spielt diese Unterscheidung lediglich in Zusammenhang mit der Notengebung  und der Gewährung von Nachteilsausgleich und  Notenschutz eine Rolle. Die Fördermaßnahmen sind in beiden Fällen dieselben, insbesondere wenn sie im Rahmen eines inklusiven Unterrichts stattfinden.

Buchstabensalat trotz intensiven Übens

Kindern mit LRS ist es trotz intensiver Übung unmöglich, Rechtschreibregeln richtig anzuwenden, z. B. Groß- und Kleinschreibung, Verdoppelung von Mitlauten wie bei „Tanne“ oder Dehnungszeichen wie bei „Wiese“. Auch sogenannte „Merkwörter“ können sie nicht dauerhaft im Kopf behalten. Ihnen unterlaufen trotz gleicher oder intensiverer Übung kontinuierlich erheblich mehr Fehler als anderen Kindern, selbst beim Abschreiben.

Das Lesenlernen verzögert sich: Zu Beginn des Leselernprozesses werden Buchstaben durcheinander gebracht, das Zusammenschleifen von Buchstaben zu Wörtern fällt schwer. Später fällt auf, dass Wörter oder Wortteile ausgelassen, ersetzt oder hinzugefügt werden, Buchstaben in Wörtern vertauscht oder Wörter in Sätzen vertauscht werden oder bedeutungsähnliche Wörter gelesen werden, die nicht auf dem Papier stehen.

Schwierigkeiten oft bis zum Schulabschluss

Neben dem verzögerten Fertigkeitserwerb ist es vor allem die Unfähigkeit, aus dem Gelesenen Zusammenhänge zu erkennen und Schlussfolgerungen zu ziehen, die einem Kind mit LRS in allen Fächern Probleme bereitetet. Schließlich ist Lesen eine fundamentale Voraussetzung für das selbstständige Lernen in allen schulischen Bereichen.

Oft gehen einer LRS Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache voraus. Der Prozess des Schriftspracherwerbs verläuft von Beginn der Schulzeit an langsamer und lückenhafter. Die Schwierigkeiten sind sehr entwicklungsstabil: Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten zum Ende der zweiten Klasse bleiben bis zum Schulabschluss und darüber hinaus.

Mehrfachbelastungen als Teufelskreis

Nicht selten ist ein Kind mit LRS von einem ganzen Bündel von Belastungen betroffen, die sich gegenseitig verstärken:  

  • Aufmerksamkeitsprobleme,
  • Hyperaktivität und Impulsivität,
  • feinmotorische Beeinträchtigungen.

Kinder mit diesen Mehrfachbelastungen haben es besonders schwer, denn im Sinn eines Teufelskreises verstärken sich die Probleme gegenseitig.

Ursachen der LRS: hoher Erbfaktor und reduzierte Wahrnehmung

Woher die LRS kommt, darauf gibt es nach wie vor keine eindeutige Antwort. Einig sind sich die Wissenschaftler darüber, dass, wie bei allem Lernen, auch beim Schriftspracherwerb die angeborenen Anlagen und die Anregungen der vorschulischen und schulischen Umwelt in Wechselwirkung stehen. Als unspezifisch haben sich Linkshändigkeit und Sauerstoffmangel bei der Geburt erwiesen. Die Förderung bzw. die fehlenden Anregungen können den Verlauf und den Schweregrad beeinflussen, jedoch sind sie nicht als Ursachen für eine LRS anzusehen. Zwei Forschungsrichtungen geben Aufschluss:

  • Befunde aus der Genetik zeigen einen hohen Erbfaktor. Bei einem legasthenen Elternteil ist das Risiko für ein Kind, eine LRS zu entwickeln, nahezu 50 Prozent.
  • Befunde zur auditiven Wahrnehmung zeigen, dass bei Kindern mit einer LRS häufig Defizite in der phonologischen Bewusstheit anzutreffen sind (Laute erkennen: „Wo hörst du ein ‚r‘ in ‚Regen‘?“).

Die Wahrnehmung von Sprache und die Verarbeitung von Lauten spielen beim Schriftspracherwerb eine erhebliche Rolle. Deshalb führen viele vorschulische Einrichtungen ein systematisches Training der Vorläuferfähigkeit „phonologische Bewusstheit“ durch.Darüber hinaus stützen neue Forschungsergebnisse die Annahme, dass bei LRS eine reduzierte Integration visueller und auditiver Informationen vorliegt.

Entmutigung und Schuldgefühle vermeiden

Durch die sich häufenden Misserfolgserlebnisse in einem zentralen schulischen Lernfeld stellen sich oft weitreichende negative Folgen für das Selbstwertgefühl des Kindes und in der Folge je nach Persönlichkeit sozial-emotionale oder psychosomatische Beschwerden ein.

Aufforderungen an das Kind, sich besser zu konzentrieren, damit es die Fehler erkennt, oder ruhig zu sitzen, damit es sich auf das Lesen oder Schreiben konzentrieren kann, bewirken keine Leistungsverbesserung. Vielmehr führen sie oft zu einer noch größeren Entmutigung und dem Gefühl, nicht okay zu sein, da sie die Botschaft transportieren: „Du könntest ja, wenn du dich nur genügend anstrengen würdest!“

Persönliche Lernfortschritte betonen

In vielen Fällen wirkt die Diagnose „LRS“ durch den Schulpsychologen oder den Facharzt für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie entlastend für das Kind. Auch die Schuldgefühle der Eltern reduzieren sich. Allerdings wäre es verkehrt, nun sämtliche Übungstätigkeit einzustellen. Vielmehr geht es zum einen darum, die Erwartungen realistisch anzupassen und die Lernfortschritte des Kindes in den Blickpunkt zu rücken, insbesondere einen persönlichen Bewertungsmaßstab anzulegen: „Du hast heute 5 Fehler weniger als beim letzten Mal!“. Zum anderen helfen gezielte Übungen anstelle eines „Mehr-desselben“ im Gießkannenprinzip. Auch Nachteilsausgleich und Notenschutz tragen dazu bei, dass Schüler trotz ihrer Beeinträchtigung dieselben schulischen Ziele erreichen können wie andere Schüler.

Das Lesen und Rechtschreiben gezielt fördern

Je nach Schweregrad der LRS lässt sich durch kontinuierliche sinnvolle Übung die Rechtschreibfertigkeit in kleinen Schritten verbessern. Systematische Einpräge-Übungen, Analogie- und Reimwörterübungen und die Ableitung von verwandten Wörtern eignen sich besonders. Auch für rechtschreibschwache Kinder gilt: Schreiben lernt man nur durch Schreiben – doch in Maßen und mit Köpfchen! Dieselbe Regel gilt für das Lesen: Hier führt die Strukturierung insbesondere längerer Wörter durch Silbenlesen und Silbenklatschen häufig zu einer deutlichen Steigerung der Lesefertigkeit. Die Vorentlastung durch gezielte Wortschatzarbeit gehört auch in den Sachfächern zum Standard eines guten Unterrichts.

Die Abstimmung von Schule und Elternhaus über die Förderung im  Rahmen eines Förderplans ist dringend zu empfehlen, damit nicht die Diagnose „LRS“ zur Ausrede für unliebsame Hausaufgaben wird und dazu führt, dass sich das Kind ganz dem Üben entzieht.

Franziska Schlamp-Diekmann

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