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Montessori

Montessori-Materialien als Schlüssel für Freiarbeit

Differenzierte Lernangebote benötigen Unterrichtsmaterialien, mit dem jeder Schüler arbeiten kann. Montessori-Materialien eignen sich prima, müssen aber durch selbsterstellte, eigene ergänzt werden, damit Freiarbeit erfolgreich ist.

Montessori: Montessori-Materialien als Schlüssel für Freiarbeit Ästhetisches Material wirkt anziehend und wertvoll und reizt, es in die Hand zu nehmen © Joaquin Corbalan - stock.adobe.com

„Das Material soll kein Ersatz für die Welt sein (...)  Es ist wie ein Schlüssel zur Welt und nicht mit der Welt selbst zu verwechseln“, sagt Maria Montessori, die große Reformpädagogin zu ihrem strukturiertem Materialsystem. (vgl. Maria Montessori: Kinder sind anders. München 1988).

Lehrkräfte an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung sehen sich immer wieder in der Notwendigkeit, passendes und didaktisch anspruchsvolles Material selbst zu entwerfen bzw. zu gestalten. Nicht nur ein einzelnes Material wird benötigt, sondern ganze Lerntheken oder Stationenarbeiten mit unterschiedlichen Aufgabenformaten, Differenzierungsstufen und Adaptionen. Wie kann ich als Lehrkraft sicher sein, dass das von mir bereitgestellte Material den Ansprüchen ans Lernen gerecht wird? 

Offene Lernformen wie Lerntheke, Freiarbeit oder Stationenarbeit verlangen eine besonders genaue Passung an die Bedürfnisse und Lernvoraussetzungen der Schüler, um den individuellen Förderansprüchen zu genügen. Diese Materialien kann man nicht fertig im Laden kaufen, sondern sie werden sehr häufig vom Lehrer selbst kreativ erdacht und hergestellt. Was ist bei der Herstellung und dem Einsatz von sogenanntem Freiarbeitsmaterial zu beachten? Die Grundprinzipien des Freiarbeitsmaterials nach Montessori können dabei helfen, mit größerer Sicherheit eigene Materialien zu erstellen.

Bewegung und Sinne müssen entwickelt werden

Das bekannte Lern- und Entwicklungsmaterial Montessoris dient als Struktur- und Ordnungsrahmen zur Erschließung der Umwelt. Es gliedert sich in fünf Bereiche auf, die jeweils eine bestimmte Hauptaufgabe verfolgen und damit äußerst systematisch sind.

Material gliedert sich in fünf Bereiche auf

Hauptaufgabe

Übungen des täglichen Lebens

Bewegung

Sinneserziehung

Wahrnehmung

Sprache

Verständigung

Mathematik

Ordnung

Kosmische Erziehung

Verantwortung


Besonders bedeutsam sind die Aspekte „Entwicklung der Bewegung“ und „Entwicklung der Sinne“. Die Erweiterung und Verfeinerung der Wahrnehmung wird als Grundlage für die Entwicklung der Intelligenz und schließlich der gesamten Persönlichkeit gesehen. Nicht allein das Angebot von Material macht die Erziehungsqualität aus, wichtig bleibt immer auch die Beziehungsebene zwischen Lehrer und Schüler mit gegenseitigem Respekt. Das Material wird oft als autodidaktisches Material bezeichnet. Es soll dem Schüler anschauliches Lernen ermöglichen und zu „innerem Geordnetsein“, zu einer „inneren Ordnung“ verhelfen. Es gehorcht aber auch einer „äußeren Ordnung“.

Ästhetisches Material wirkt anziehend und wertvoll

Ordnung und Ästhetik spielen eine wichtige Rolle bei der Herstellung und Wahl des Materials. Alle Materialien haben einen bestimmten Platz im Regal und befinden sich in Sicht- und Reichweite der Schüler. Es empfiehlt sich, die Aufbewahrungsbehälter zu beschriften und mit kleinen Verweisern zu versehen, z. B. einen für diese Aufgabe typischen Gegenstand außen aufzukleben. So finden auch nicht-lesende Schüler die richtige Box.

Entgegen dem üblichen Ordnungssinn ist es wesentlich praktikabler, ungleiche Behälter und möglichst verschiedenartige Boxen und Schachteln zu verwenden, um das Auffinden zu erleichtern. Hilfreich sind auch solche, die durchsichtig sind und eine Ahnung über den Inhalt zulassen. Ästhetik im Material wirkt – nicht nur auf Schüler – enorm anziehend. Der Aufforderungscharakter von schönem Material ist jedem von uns bekannt. Es hat sich gezeigt, dass Schüler mit sehr ästhetischem Material besonders sorgsam umgehen. Es wirkt einfach harmonisch in Farbe und Form und vermittelt eine bestimmte wertvolle Qualität, die anregt, gut damit umzugehen. Schüler lernen so den pfleglichen und behutsamen Umgang mit Dingen. 

Beim Material müssen die Schüler sich abstimmen

Jedes Material ist nur einmal vorhanden. Darum benötigen die Schüler zuerst Einsicht in die methodischen Aufgabentypen. Diese werden nach und nach eingeführt, z. B. Klammerkarten, Quiz, Fragebogen, Arbeitsblatt, Schreibaufgaben, Leseaufgaben, Materialaufgaben usw. Die Kompetenzen zur Bewältigung des Grundtypus sollten gut erarbeitet sein, damit die Schüler je nach Unterrichtsfach später möglichst selbstständig damit arbeiten können. 

Literaturtipps:

Maria Montessori, Kinder sind anders. München 1988

Materialgeleitetes Lernen. Akademie für Lehrerfortbildung. Dillingen 1991

Wilhelm Weinhäupl u. a.: Montessori einfach klar. Handreichung für die Arbeit mit Montessori-Materialien. Salzburg 2016

Ein weiterer Aspekt der Begrenzung ist, dass die Schüler sich abstimmen und einigen müssen, wer das Material wann erhält. So wird das soziale Lernen begünstigt, ohne gezielt von einer erwachsenen Bezugsperson beeinflusst zu werden. Es stellt allerdings an den Lehrer auch die Aufgabe, stets für eine ausreichende Übungsbreite zu sorgen, das heißt genügend Aufgaben bereitzustellen. Dies ist oft mit enormer Vorbereitungszeit verbunden. Es gilt, einen Mittelweg zu finden zwischen Arbeitsökonomie und pädagogischer Zielsetzung. Dabei ist jedes Material auf eine Schwierigkeit begrenzt (Isolierung von Eigenschaften im Material).

Schüler finden eigenständig Lösungswege

Mit dem Material ist es für die Schüler möglich, über direkte oder indirekte Fehlerkontrolle eigenständig Lösungswege zu finden. Sie ist für jede Art von Feedback außerordentlich wichtig. Die Lehrerkontrolle kann meiner Meinung nach grundsätzlich nicht ersetzt werden. Ob man dennoch eine Selbstkontrolle mit in die Materialgestaltung aufnimmt, hängt von der Leistungsfähigkeit der Schüler ab und sollte genau erwogen werden. Denn manchmal erarbeiten sich Schüler leichter Strategien, um mit der Selbstkontrolle zu Ergebnissen zu gelangen, als dass sie die eigentliche Anforderung bewältigen können. Unstrittig ist der Wert echter und eingeübter Selbstkontrolle, wenn die Schüler damit angemessen umgehen können.

Material soll Aktivität auslösen

Im wiederholten Umgang mit dem Material kommt der Schüler vom Greifen zum Be-greifen. Das Material soll Aktivität auslösen und dem Tätigkeitsdrang der Schüler angemessen sein. Gut gestaltetes Material bietet Handlungsmöglichkeiten in verschiedener Hinsicht. Es reicht nicht aus, das Material nur ansehen zu können – es soll tatsächlich mehr sein als Anschauungsmaterial. Die Unterrichtsprinzipien der Schüleraktivierung und Handlungsorientierung stehen hier besonders im Fokus.

Das Montessori-Material ist sehr stark strukturiert und in sich geordnet. Oft reicht im Unterricht der Förderschule dieses Angebot aber nicht aus. Denn die Schüler benötigen oft eine stärkere Übungsbreite, je nach Lerntyp vielfache Übungszugänge sowie eine Übungstiefe im Sinne von Individualisierung und Differenzierung. Darum wurden im Laufe der Zeit zahlreiche heilpädagogische Varianten und Übungsformen zum ursprünglichen Montessori-Material hinzugefügt. 

Gutes Material ergänzt engen Dialog zwischen Lehrer und Schülern

Mit heilpädagogischem Ergänzungsmaterial kann den Ansprüchen unterschiedlicher Förderschwerpunkte besonders gut genügt werden. Die Fördermöglichkeiten sind aufgrund der systematischen Grundstruktur besonders im Bereich der Wahrnehmungsförderung herausragend. Die passgenaue Weiterentwicklung bleibt in der Regel allerdings der Lehrkraft selbst überlassen, es gibt wenig fertiges Zusatzmaterial zu kaufen. Die Herstellung des Materials ist nicht nur eine kreative Eigenleistung, sondern auch eine arbeitsaufwendige und teils auch kostenintensive Angelegenheit. 

Der Umgang mit dem Material wie auch die Vermittlung der didaktischen Absicht wird im en-gen Dialog zwischen Lehrer und Schüler geführt. Die Lehrkraft leitet zum richtigen Umgang an. Begriffsbildung und Tätigkeit, Handlungsplanung und Übersicht, Sorgfalt und Lernfreude werden aber nicht allein durch die Materialien vermittelt. Es soll hier erwähnt werden, dass der gute pädagogische Bezug hierbei eine sehr große Rolle spielt, sodass gutes didaktisches Material eine wichtige, aber nicht die wichtigste Sache ist.

Claudia Omonsky

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