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Montessori

Rechtschreibung und Grammatik mit allen Sinnen lernen

Das erlebt ein Lehrer nicht jeden Tag: ein Klassenraum, in dem Schüler still und konzentriert lernen. Mit Montessori-Material erkunden Schüler selbstständig und mit allen Sinnen die Geheimnisse von Rechtschreibung und Grammatik.

Montessori: Rechtschreibung und Grammatik mit allen Sinnen lernen Mit Satz-Bau-Steinen können die Schüler/-innen Sätze bilden und deren Struktur erkennen © Marylin Albert-Legniti

Oberfranken, in einer Realschule. Die Stimmung im Klassenzimmer ist angenehm, ruhig, gelöst und durchdrungen von Konzentration. Frische Luft strömt durchs geöffnete Fenster herein, ein leises Murmeln, Knistern von Sandkörnern und Klickgeräusche von schnappenden Wäscheklammern sind zu hören. Die Schüler einer 5. Klasse arbeiten an einem Lern- bzw. Übungszirkel für Rechtschreibung im Fach Deutsch. Ein Kollege, der gerade an der Tür klopfte, schaut sich verwundert um und fragt verdutzt: „Warum ist es hier so still?“ – Montessori sei Dank.

Montessori erfand Hilfsmittel, „Sinnesmaterial“, um die Neugierde, Lernbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit der Kinder zu wecken und sie durch das selbstständige Handeln zum Lernen und Üben zu animieren. „Hilf mir, es selbst zu tun“ ist die Grundlage der Montessori-Pädagogik. 

Kinder und Jugendliche wollen Erfahrungen sammeln, (sich) ausprobieren, Können aufbauen − auch im Fach Deutsch. Sie tun etwas, schlicht um „zu be-greifen“ − im wahrsten Sinne des Wortes. Und das kann gefördert werden, zu Hause ebenso wie im Schulalltag. Es gilt, Freiräume zu schaffen, in denen Schüler selbstständig und eigenverantwortlich lernen. Dazu benötigen sie selbstverständlich zuerst Anleitung, wie etwas funktionieren kann sowie Material und das vorausgesetzte und ehrliche Vertrauen, dass sie (damit) lernen können und wollen.

Mit den Händen Grammatik lernen

Selbstständiges Arbeiten ist wichtig. Im Fach Werken beispielsweise lernt ein Kind nie, den richtigen Bohrer korrekt einzuspannen, das Werkstück zu fixieren, seine Augen mit einer Schutzbrille zu schützen und ein Loch in ein Brett zu bohren, wenn es das alles nur gezeigt bekommt, aber nie selbst tätig werden kann. Auch in einem Fach wie Deutsch ist aktives Lernen wichtig: Freiarbeitsphasen, Lernzirkel, Übungsstationen zur eigenständigen Übung, Vertiefung, Festigung sowie Variation des Anforderungsniveaus von Lerninhalten – insbesondere bei „trockenen, theoretischen“ Lerninhalten wie Grammatik und/oder Rechtschreibung. So können lernschwache Schüler oder solche mit speziellem Förderbedarf (wie z. B. bei LRS, ADS, ADHS oder motorischen Schwierigkeiten), aber auch lernstarke Schüler beide Gehirnhälften nutzen. Sie werden in die Lage versetzt, Lern-Gegenstände auf eine praktische oder außergewöhnliche Art und Weise anzufassen und zu erfassen, ja einen Sachverhalt „be-greifen“ zu dürfen.  

Eigenständiges Arbeiten im Deutschunterricht

Die eingangs genannte Klasse beschäftigt sich mit dem Thema „Dehnung in Wörtern“ und übt Rechtschreibung an verschiedenen Stationen und anhand unterschiedlicher Aufgabenstellungen. Eigenständig heißt hier, die Schüler wählen aus verschiedenen Möglichkeiten zunächst eine aus. In beliebiger Reihenfolge folgen alle anderen − je nach Übungsbedarf, Konzentrationsfähigkeit oder gewünschter Arbeitsform. 

Die Schüler entscheiden auch, wie sie arbeiten möchten: allein in einer stillen Ecke des Klassenzimmers, zu zweit, zu dritt, je nach Aufgabe. Kinder mit Förderbedarf können, falls benötigt oder erwünscht, individuelle Hilfe vom Lehrer erhalten. 

Die erwähnten Wäscheklammern befestigen die Schüler an Klammerkarten. Und das Knistern im Raum entsteht, wenn sie vorgegebene Wörter mit Dehnungs-h mit der Fingerspitze auf Sandpapier schreiben. Selbstverständlich sollten die Schüler jede Übungsform und Arbeitsweise sowie die Handhabung der Materialien zuerst gemeinsam kennenlernen und üben. Auch das ruhige und selbstständige Arbeiten muss geübt und eingefordert werden. Sie zeigen einem Kind ja zuerst auch, wie eine Schleife gebunden wird. Mit „Mach mal!“ ist es hier wie dort nicht getan. 

Lernangebote wecken das Interesse der Schüler

Für das Arbeiten nach Montessori gibt es für das Kindergarten- und Grundschulalter viele Materialien. Für ältere Schüler und gezielt für das Fach Deutsch für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf leider nicht. Es ist aber sinnvoll, auch für diese Schüler Material zu entwerfen, zu erfinden, zu erstellen. Denn auch für ältere Schüler mit besonderem Förderbedarf ist das eigenverantwortliche und selbstständige Arbeiten sehr zu empfehlen. Höhere Jahrgangsstufen arbeiten gern mit Montessori-Material, wenn sie es erst einmal kennengelernt und ausprobiert haben. So können sie mit speziell erstelltem Material Rechtschreibung oder Grammatik üben. 

Literatur zum Thema:

Nina Hellwig: Mit Montessori Legasthenie behandeln. München 2013

Marylin Legniti: Satzglieder handlungsorientiert erarbeiten 5/6. Augsburg 2018

Es sollte immer nur eine Rechtschreibregel zurzeit geübt werden: also beispielsweise nur Wörter mit Dehnungs-h oder scharf ausgesprochene Wörter mit Lautverdopplung wie mm, tt, rr usw. Rechtschreibung zu üben, gelingt sehr gut über den Seh- und Tastsinn. Soll beispielsweise Dehnung in Wörtern mit Doppelvokalen geübt werden, kann jeweils ein Wort mit diesem Dehnungsphänomen auf fester Pappe abgedruckt sein. AA, ee oder oo sind z. B. grün und fett gedruckt, damit sie gut zu sehen sind. Die Schüler sprechen das zu übende Wort für sich leise aus, spannen dabei ein grünes Gummiband quer über die Pappe und erfahren damit haptisch das Dehnen. 

Sie können auch Buchstabenwürfel anbieten und zu übende Wörter auffädeln lassen. Bei einem Wort mit Doppel-s werden diese beiden s mit roten Würfeln oder Buchstaben hervorgehoben. Diese Kette ist vorn und hinten mit insgesamt ca. drei bis vier Zentimeter Spielraum verknotet, sodass die Würfel nicht herunterrutschen. Sie liegt vor dem Kind auf dem Tisch, alle Würfel sind nach links geschoben. Das linke Ende wird festgehalten. Der Schüler liest das scharf zu sprechende Wort „Schüssel“ beispielsweise für sich leise aus und schiebt dabei die Würfel flott nach rechts. Auch das Schreiben von vorgegebenen Wörtern mit der Fingerspitze auf Sandpapier ist haptisches Erleben. 

Für die Regeln der Silbentrennung bieten sich zweiteilige Puzzles an. Diese werden vom Kind entweder auseinandergenommen, z. B. Dose (symbolisiert die Trennung) oder für das Üben von Silben in Wörtern wieder zusammengesetzt (Do + se = Dose) – je nach Thema. Nach jeder Übung sollten alle Wörter drei Mal sauber und fehlerfrei aufgeschrieben werden. 

Satzglieder lassen sich sehr anschaulich üben, wenn Kinder Satzstreifen erhalten, die sie an den Satzgliedern (die schon markiert sind) auseinanderschneiden. Zuerst stellen sie Fragen, um das jeweilige Satzglied zu erkennen. Beispielsweise: „Wann besucht uns Oma?“. Sie erkennen, dass „am Mittwoch“ diese Frage beantwortet. Sie schneiden den Teil des Satzes ab und legen ihn auf dem Satzstern oder dem Satzschmetterling an der richtigen Stelle ab. So wird es mit dem gesamten Satz „Am Mittwoch besucht uns Oma“ fortgeführt.  
Lernangebote wie Freiarbeit nach Montessori fördern nicht nur ein besseres Lernen, sondern wecken auch inhaltliches Interesse zum Beispiel für die deutsche Sprache bzw. Grammatik. Sechskantprismen aus Tonpapier in unterschiedlichen Farben mit aufgeklebten Textbestandteilen eines Satzes (Subjekt, Prädikat, Dativ- und Akkusativobjekt, Temporal- und Lokaladverbiale u. a.) können Verwendung finden, um Sätze zu bauen, zu verlängern oder zu kürzen, um Satzstellungen zu verändern und die einzelnen Satzglieder zu erfassen. 

Dies ist nicht nur, aber vor allem für Schüler mit Förderbedarf eine anschauliche und einprägsame Methode. Sie wenden die Materialien selbstständig an (Förderung der Eigenständigkeit, des Selbstvertrauens), sehen verschiedene Farben (Ansprechen des Sehsinns), bauen Sätze auf (Arbeiten mit den Händen, Haptik) usw. Diese Materialien machen Schüler neugierig und sprechen viele Sinne an. So kommen Kinder und Jugendliche auf natürliche Weise zum Lernen. Gerade Schüler mit Förderbedarf werden dort abgeholt, wo sie aktuell Hilfe benötigen. Unterricht nach Montessori hilft also allen, „es selbst zu tun“.

Marylin Albert-Legniti

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