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Wie sich Lernen und Spielen im Förderunterricht ergänzen

Kinder spielen gern — zum Vergnügen und auch beim Lernen. Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung entwickeln beim Spielen gleichzeitig ihre Motorik, schärfen die Wahrnehmung und lernen, mit anderen zu kommunizieren. Mit der richtigen Anleitung eröffnen sich ihnen auf diese Weise ganz neue Welten.

Spiele GE: Wie sich Lernen und Spielen im Förderunterricht ergänzen Vom einfachen Spiel zum Bauen nach Plan — Holzklötze eignen sich gut zum spielerischen Lernen © M-image - Fotolia.com

„Nochmal!“, ruft ein Schüler begeistert und freut sich, bereits zum wiederholten Male beim Memo-Spielen gewonnen zu haben. Als erwachsener Spielpartner wundert man sich und versucht, beim nächsten Mal mit mehr Ehrgeiz zu spielen. Der berühmte Meeresforscher Jaques-Yves Cousteau hat den Satz geprägt „Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann“. Dabei ist das Spielen an sich eine Tätigkeit, die zur Entspannung und zum eigenen Vergnügen ausgeführt wird. Spielen ist in erster Linie zunächst zweckfrei − man spielt um des Spiels willen.

In der Pädagogik wird das Spielen schon lange auch als Methode eingesetzt, da es Prozesse der kognitiven, motorischen und sozial-emotionalen Kompetenz, wie auch die Schulung der Wahrnehmung fördert. Der Spaßfaktor bleibt jedoch der Motor und das stärkste Argument, warum Kinder spielen.

Spielen fördert Interaktionsfähigkeit und Entwicklung

Der Bereich der Lernspiele hat sich aus der Ansicht entwickelt, dass Lernen und Spielen keine gegensätzlichen, sondern sich ergänzende Tätigkeiten darstellen. Für Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung bedeutet das Spielen auch eine Methode, um die Bereiche Motorik, Kommunikation, Wahrnehmung oder Sozialkompetenz zu fördern (vgl. Stöppler, Reinhilde/ Haveman, Meindert: Spielen will gelernt sein. Dortmund 2009, S. 11 ff.).

Die unterschiedlichsten Spieltheorien haben trotz verschiedener Ansätze wie Tiefenpsychologie, Entwicklungspsychologie, Lernforschung oder Sozialpsychologie die wesentliche Aussage gemeinsam, dass das Spielen die Interaktionsfähigkeit und die Persönlichkeitsentwicklung fördert. So liegt beispielsweise die Entwicklungspsychologie Piagets zugrunde, um die Entwicklung des kindlichen Spiels zu beschreiben (vgl. Bayerisches Staatsministerium: Lehrplan für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, München 2003, 258 ff.).

Vom einfachen Spiel zum Bauen nach Plan

Elementare Spiele beziehen sich auf den eigenen Körper sowie auf die nähere Umgebung bzw. Personen. Sie umfassen Tätigkeiten, die mit Freude immer wieder wiederholt werden. Der Schüler genießt zum Beispiel das wiederholte Schaukeln, Rutschen oder Rollen, aber auch Geräusche und Sprachspiele. Er nimmt teil bei einfachen Bewegungsspielen wie Geben − Nehmen oder Verstecken − Suchen. Spielzeug und Alltagsgegenstände werden spielerisch genutzt, um beispielsweise das Greifen oder Ein- und Ausräumen zu erproben.

Weitere Hinweise:

Stöppler, Reinhilde/ Haveman, Meindert: Spielen will gelernt sein, Dortmund 2009

Stöppler, Reinhilde/ Haveman, Meindert: Neue inklusive Spielideen, Dortmund 2016

Ein schönes Beispiel für ein angepasstes Brettspiel finden Sie hier.

Bauspiele beginnen mit dem Hantieren und Umgehen mit Gegenständen. Daraus erwächst eine Spielhandlung mit einer Ausgangsidee. Der Schüler experimentiert — auch im Zusammenspiel mit einem Spielpartner – damit, Bau- und Spielmaterialien zu verwenden und zu kombinieren. So können unterschiedliche Bausteine, Stecksysteme oder Alltagsmaterialien genutzt werden, um die grundlegenden Baumöglichkeiten durch Verbinden, Zerlegen und Modellieren zu erleben. Beim konstruierenden Bauen nutzt der Schüler die Materialien bereits zielgerichtet und strukturiert zur Erschaffung von kleinen Bauwerken, beispielsweise beim Bau einer Mauer, einer Kette oder eines Hauses. Er nutzt Materialien wie Bausteine, Baufix oder Modellbau, um nach einem vorgegebenen Plan etwas nachzubauen.

Rollenspiele eröffnen neue Welten

Bei Rollen- und Fantasiespielen stellen die Schüler Situationen nach und kreieren dabei Als-ob-Situationen, zum Beispiel „ein Essen kochen“ oder „mit dem Bus fahren“. Dabei gebrauchen sie sowohl ihre inneren Vorstellungsbilder als auch Gegenstände der Umgebung, die sie umdeuten — ein Stuhl wird dann zum Busfahrersitz, ein Karton zur Küche. Rollenspiele können Schüler allein oder mit anderen spielen. Als Spielmaterial kann klassisches Spielzeug dienen, gut eignen sich aber auch Natur- und Alltagsgegenstände.

Grundlegende spielerische Formen werden hier eingeübt und finden erste Anwendungsfelder, zum Beispiel die Übernahme einer Rolle durch Nachahmen von vertrauten Personen — das Kind spielt Mama beim Einkaufen. Im personalen Spiel und der Verkörperung einer Rolle bieten sich viele spielerische Möglichkeiten, wie zum Beispiel Schattenspiel, Maskenspiel, Sketch, Pantomime oder Musical. Der Schüler sammelt hier wichtige Körper- und Bewegungserfahrungen, verfeinert seine Körpersprache und lernt individuelle Ausdrucksformen im Sinne einer Rolle. Daraus kann sich später das Theaterspiel entwickeln. Es ermöglicht, eine eigene Welt zu erfahren, in der man mit Freude die eigene Fantasie entfalten und sich selbst verwandeln darf.

Feste Regeln und variable Räume

Regelspiele vermitteln den Schülern ein Verständnis für Regeln und gesellschaftliche Normen. Denn das Regelwerk bestimmt den Spielablauf und macht deutlich, dass Spiele auch Wettbewerbe sein können. Grundfertigkeiten für Regelspiele werden eingeübt, beispielsweise das Würfeln, Figuren setzen, Karten nutzen oder Abzählen. Darüber hinaus können die Schüler ein tieferes Spielverständnis erwerben, indem sie zum Beispiel  eine Spielstrategie erkennen oder mit anderen kooperieren oder wettstreiten.

Spielräume sind von zentraler Bedeutung, um sich im Spiel gut entfalten zu können. Die Schüler benötigen unterschiedliche und vielfältig ausgestattete Spielumgebungen, die auch veränderbar sind und so immer neue Spielhandlungen zulassen. Die Spielräume können sich im Haus oder im Freien befinden. Im Klassenzimmer lassen sich variable Spielecken einrichten, beispielsweise kann der Lehrer  eine Bau- und Konstruktionsecke bestimmen, die später von einer Puppenküche oder einer kleinen Bühne abgelöst wird. Die Turnhalle regt eher zu sportlichen Spielen an, während der Musikraum die künstlerisch-musikalische Seite betont. Ein Spielplatz bietet eine vorstrukturierte Umgebung, während die natürliche Spielumgebung, wie z.B. der Wald, eher zum freien Spielen einlädt.

Spielideen übernehmen und dem Schüler anpassen

Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung durchlaufen die Phasen der Spielentwicklung zwar häufig verzögert, aber dennoch grundsätzlich in der gleichen Weise wie nicht behinderte Schüler (vgl. Sarimski, Klaus: Entwicklungsbeurteilung und Förderung im Spiel mit geistig behinderten Kleinkindern, Stuttgart 2003). Allerdings können sie aufgrund der Beeinträchtigungen im kognitiven Bereich bestimmte Schwierigkeiten haben, auf die man gezielt eingehen sollte: Einfache Spielaktionen und Spielverläufe werden über einen längeren Zeitraum unverändert wiederholt. Darum tut sich ein Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung schwer, im Rollenspiel immer wieder neue Rollen anzunehmen und diese dann auch auszufüllen. Hier kommt es besonders auf den Spielpartner an, der variationsreiche Spielangebote machen sollte.

Es fällt vielen Schülern mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung schwer, sich allein und ohne einen Mitspieler zu beschäftigen. Sie benötigen häufig eine höhere Motivation und auch Anleitung, um Spielideen übernehmen bzw. aufgreifen zu können. Aber auch das Spielmaterial birgt einige Probleme. So sind zwar viele Spiele auf dem Entwicklungsniveau der Schüler zu finden, jedoch nicht in der passenden Lebensalterstufe. Das bedeutet, die Spiele wurden beispielsweise mit einer Spielidee für ein Alter von drei Jahren konzipiert, das womöglich auch dem Entwicklungsalter eines Schülers entspricht. Der Schüler ist aber vielleicht schon zehn Jahre alt und möchte auch ein entsprechend gestaltetes Material, um motiviert damit zu spielen. Zudem braucht er eine Anpassung, z. B. hinsichtlich der Größe der Spielsteine, ein übersichtliches Spielbrett mit reduzierter visueller Gestaltung oder eine größere Haltbarkeit der Spielkarten.

Viele Gesellschaftsspiele sind gerade in dieser Hinsicht gut modifizierbar und können für die Schüler mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung angepasst werden, ohne dass die Spielidee verloren geht. Das bringt Spaß und Spielfreude und kann den schulischen Alltag durch interessante Lernspiele bereichern.

Claudia Omonsky

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