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Stationenlernen GE

Modifiziertes Stationenlernen im Förderschwerpunkt GE

Stationenlernen ermöglicht selbstständiges Lernen. Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung  benötigen dabei jedoch in vielen Bereichen Unterstützung. Die Lerntheke als modifizierte, unterstützende Form des Lernens an Stationen bietet sich dafür an.

Stationenlernen GE: Modifiziertes Stationenlernen im Förderschwerpunkt GE Anschauliche Materialien, wie Dominosteine aus Holz, unterstützen die Schüler dabei, sich der Welt der Zahlen zu nähern © singkamc - Fotolia.com

In offenen Formen des Unterrichts wie Stationenlernen wird ein Unterrichtsthema über vielfache Zugänge bearbeitet, vertieft und geübt. Das Lernen an Stationen ist eine gute Vorübung für die Freiarbeit. In einzelnen Stationen durchlaufen die Schüler möglichst selbstständig die Aufgaben, sie sollen dort so intensiv tätig sein wie möglich.

Arbeitstechniken und Sozialformen werden spielerisch geübt, es können sich individuelle Lerntechniken entwickeln. Die Aufgaben führen zu Erfolgserlebnissen bei den Schülern. Daher stellt die Stationenarbeit einen Weg dar, das Üben interessanter zu machen, aber auch intensiver. Der hohe Anreizcharakter kommt dadurch zustande, dass die Schüler unterschiedlichste Aufgabenformate lösen können. Das macht das Üben abwechslungsreicher.

Die Lehrkraft hat währenddessen meist etwas mehr Zeit für einzelne Schüler als bei anderen Unterrichtsmethoden, um mit diagnostischem Blick zu beobachten und individuelle Hilfen zu geben. Es entsteht kein Zeitdruck und der Unterricht beinhaltet weniger direkte Lehrerkontrolle. Dies erhöht insgesamt die Schülerorientierung, sodass diese Arbeitsform einen berechtigten didaktischen Ort im Unterricht findet.

Lerntheke statt Stationen

Für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung sind aus meiner Erfahrung zwei wesentliche Modifizierungen für das Lernen an Stationen zu treffen:

  1. Zum einen verfügen nicht alle Schüler mit einer geistigen Behinderung über den Schriftspracherwerb im engeren Sinn. Daher können die Stationen nicht ohne weiteres selbsterklärend mit Texten oder verschriftlichten Aufgaben versehen werden. Anpassungen sind zu treffen, um auf der Handlungs- oder Bildlese-Ebene sinnvolle Aufgaben stellen zu können bzw. die Vorübungen werden so intensiv gestaltet, dass die Schüler das Prinzip der jeweiligen Einzelaufgabe bereits gut kennen.
  2. Zum anderen bearbeiten Schüler in hoch heterogenen Lerngruppen die Aufgaben in sehr unterschiedlichem Tempo. Der Stationenwechsel, wie er bei einer klassischen Stationenarbeit nach gewissen Bearbeitungszeiten vorgegeben wird, muss dann entsprechend mit Zusatzaufgaben versehen werden, um keine Wartezeiten oder Stau während des Durchgangs zu verursachen. Dies sorgt einerseits für erheblichen Vorbereitungsmehraufwand und andererseits Platzmangel im Klassenzimmer.

Eine gute Alternative bietet daher die methodische Variante der Lerntheke. Bei der Lerntheke werden die Stationen nicht in Form eines Rundlaufs mit Wechseln durchlaufen, sondern die Aufgaben werden an einer Lerntheke/in einem Lernregal/auf einem Aufgabentisch bereitgestellt. Dort finden sich die Schüler mithilfe von geübten methodischen Hilfen wie Ablagefächern, Farbleitsystem oder Aufgabenplänen zurecht. Sie holen sich individuell die jeweilige Arbeitsaufgabe und bearbeiten diese im eigenen Tempo.

Die beiden o. g. Aspekte des Wechsels und des Lesens können hier besonders gut beantwortet werden. Die Lehrkraft trifft die Überlegungen bereits in der Vorarbeit und Planung, sodass im Unterrichtsverlauf genügend Zeit für individuelle Hilfen und diagnostische Beobachtung bleibt.

Das Arbeitsmaterial ermöglicht dann ein relativ lehrerunabhängiges Arbeiten in spielerischen Lernformen. Es bietet viele Möglichkeiten der Differenzierung und Selbstkontrolle und folgt den Regelhaftigkeiten von selbst erstelltem Material.

Vorteile der Lerntheke

Obgleich die Vorbereitung einer Lerntheke für die Lehrkraft eine aufwendige Sache darstellt, bietet die Methode entscheidende Vorteile im Unterricht mit Schülern im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung:

  • Lerntheke eignet sich für hohe Differenzierungsbreite: Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ist die Lehrkraft gefordert, in breiter Differenzierung zu unterrichten. Die Lerntheke ist eine dafür bestens geeignete Unterrichtsmethode, die sie organisatorisch und inhaltlich unterschiedliche Differenzierungsarten erlaubt.
  • Unterschiedliches Material spricht unterschiedliche Lerntypen an: Während der eine Schüler sehr gern konkretes Sortiermaterial in die Hand nimmt, mag der andere Schüler es viel lieber, die Dinge aufzuzeichnen oder aufzuschreiben.
  • Unterschiedliches Lerntempo stellt kein Problem dar: Besonders bei Übungsformaten kann man die Schüler nicht in ein zeitliches Korsett pressen. Die Lerntheke ermöglicht durch vorbestimmte Pflicht- und Wahlaufgaben ein motivierendes Pensum, das der Schüler auch in der Unterrichtszeit schaffen kann. Eine Individualisierung des Arbeitstempos hilft Schülern erheblich beim Lernen.
  • Berücksichtigung der Interessenslage der Schüler: Nicht nur im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung spielt die grundlegende Interessenslage eine große Rolle, wenn es um Durchhalten bei Übungs- und Wiederholungsstoff geht. Im oftmals sehr kleinschrittigen Vorgehen zum Beispiel innerhalb der Kulturtechnik Mathematik kann mit der Lerntheke stets Rückbezug auf die Interessenslage der Schüler genommen werden. Der Lebensweltbezug ist durch substanzielle Aufgaben herzustellen, sodass die Schüler in dieser Lernumgebung gern und ausdauernd arbeiten mögen. Beispielsweise kann das Material bei der Menge-Ziffer-Erarbeitung immer wieder an aktuelle Themen und Hobbys der Schüler anknüpften, um deren Interessen zu berücksichtigen.
  • Berücksichtigung der Motivationslage: Die Anzahl der Aufgaben, der Schwierigkeitsgrad und die Komplexität wie auch bekanntes oder neues Format der Aufgabe berücksichtigt immer wieder die durchaus unterschiedliche Grundmotivation von Schülern. Die Lerntheke ermöglicht es, die allgemeinen Grundsätze von Erfolgs- bzw. Misserfolgserwartung genau zu berücksichtigen.
  • Förderung der Selbstständigkeit: Die Durchführung der Lerntheke fördert in vielerlei Hinsicht die Selbstständigkeit und Schüleraktivität. Die Schüler müssen sich eigenständig an der Lerntheke, auf dem Aufgabenblatt/Arbeitsplan, mit dem Material und den Abläufen von „Holen — Durchführen — Aufräumen“ befassen. Bei Fragen oder Hilfebedarf wenden sie sich an Mitschüler oder die Lehrkraft. Sie werden sozial, methodisch, inhaltlich und formal in vielfältigen Aspekten der Selbsttätigkeit gefördert.

Unterschiedliche Lernniveaustufen anbieten

Für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung hat es sich als besonders hilfreich und pragmatisch erwiesen, Aufgaben auf den drei lernpsychologischen Niveaustufen enaktiv — ikonisch — symbolisch anzubieten. Auf diese Weise ist es für die Lehrkraft sehr gut möglich, sinnvoll und zielorientiert zu differenzieren und zugleich am gemeinsamen Thema bleiben zu können.

Für eine zielführende förderplanorientierte Lernsequenz ist es wichtig, dass die Lehrkraft logisch und fachdidaktisch richtig sequenziert. Die Repräsentationsebenen können dabei hilfreich sein:

  • Ganzkörperlich-somatische Ebene: Hier steht das Erleben und Erfahren, das Bewegen und Bewegt werden im Mittelpunkt. Grundlegende entwicklungsorientierte Lernerfahrungen werden vermittelt und auf das jeweilige Unterrichtsfach bezogen. Die basalen Lernaktivitäten sind besonders zur Wahrnehmungsförderung und bei intensivem Förderbedarf zur Differenzierung geeignet.
  • Konkret-handelnde Ebene: Die Schüler setzen sich handlungsorientiert und aktiv mit den Materialien der Umwelt auseinander. Realgegenstände werden erfasst, in Beziehung gesetzt, sortiert und zugeordnet. Die Begriffsbildung wird gefördert, ebenso wie Denkprozesse angestoßen.
  • Bildliche Ebene: Auf der ikonischen Ebene werden Bildmaterialien, Fotos, Zeichnungen, Symbole und erste Arbeitsblätter eingesetzt. Der Übertrag von konkretem Material auf die Bildlesestufe erfordert Kompetenzen im Lesebereich.
  • Symbolische Ebene: Die Verwendung von abstrakten Zeichen ist kennzeichnend für die Symbolebene. Die Schüler erbringen Transferleistungen und können besonders im Fach Mathematik die allgemein gültigen Zeichen deuten, zum Beispiel „größer als, kleiner als, Plus- und Minuszeichen, Gleichheitszeichen u.v.m.

In der Lerntheke findet diese Stufung direkten Niederschlag in der Konzeption von differenzierten Einzelaufgaben. So können Sie sehr leicht innerhalb eines verbindenden Themas unterschiedliche Repräsentationsebenen zur Differenzierung nutzen.

Vier typische Unterrichtsphasen beim Einsatz der Lerntheke

Die Arbeit mit der Lerntheke beinhaltet vier typische Unterrichtsphasen:

  1. Motivation: In einer gemeinsamen Anfangsphase führt die Lehrkraft an das Thema heran, aktualisiert die Übungsformen, erinnert an das bereits Gelernte bzw. führt den neu zu lernenden Inhalt ein.
  2. Präsentation: Die Lehrkraft präsentiert die Einzelaufgaben der aktuellen Lerntheke. Dies geschieht in Orientierung daran, wie gut die Schüler bereits mit den einzelnen Aufgabenformaten umgehen können. Der größte Teil der Formate, zum Beispiel Klammerkarten, Domino, Bilderlotto, Stöpselkasten, Arbeitsblatt usw., sollte gut bekannt sein, wenn die Schüler neue Inhalte üben. Die Aufgabenformate wurden in Vorstunden bereits vorentlastet und können von den Schülern selbstständig durchgeführt werden.
  3. Arbeit mit der Lerntheke: Die Schüler arbeiten mit den Aufgaben der Lerntheke möglichst selbstständig. Sie holen die Lehrkraft zu Hilfe, wenn sie nicht mehr weiterkommen. Bei fertigen Aufgaben kontrolliert unabhängig von der Selbstkontrolle immer auch die Lehrkraft. Falsche Ergebnisse werden möglichst sofort korrigiert. Hier hat es sich bewährt, einen individuellen Arbeitsplan anzufertigen, zum Beispiel mit Stempeln bei erledigten Aufgaben. Dies wirkt sich stark motivierend auf die quantitative Leistungsbereitschaft aus und kann in der Feedbackrunde sehr gut eingesetzt werden. Die Lehrkraft behält so auch den Überblick, welcher Schüler bevorzugt welches Aufgabenformat wählt bzw. wie viele Aufgaben er bearbeiten konnte. Kurze Notizen helfen, die Bearbeitungsqualität festzuhalten (z. B. „mit wenig/viel Hilfe“).
  4. Feedback und Abschluss: Die Schüler berichten in einer gemeinsamen Abschlussrunde von ihren Ergebnissen oder Lernprozessen. Es wird zum Beispiel der Arbeitsplan besprochen (Quantitative Rückmeldung: „Du hast so viele xy Aufgaben geschafft.“) oder es werden einzelne Aufgaben oder Produkte besprochen (Qualitative Rückmeldung: „Du hast das Bilderlotto ganz ohne Hilfe machen können.“). Hier ist es besonders wichtig, dass die Lehrkraft allen Schülern gleichmäßig Feedback gibt und die tatsächlichen Beobachtungen in ein Lob münden lässt. Ein pauschales „Toll gemacht!“ erzielt oft gar keine Wirkung. Kommunikativ sehr förderlich ist auch die Rückfrage an den Schüler, was ihm denn leicht- oder schwergefallen ist oder was ihm besonders viel Spaß gemacht hat.

Alles Wichtige auf einen Blick

Hier noch einmal die wichtigsten Punkte, die bei der Arbeit mit der Lerntheke bedacht werden sollten:

  • Das Thema bzw. die Aufgabeninhalte sollten selbstständig zu bearbeiten sein, d. h. nicht die gleichzeitige Aufmerksamkeit aller Schüler erfordern. Das didaktische Arrangement sollte mehr als einen Weg durch das Gesamtvorhaben ermöglichen und so die Eigenständigkeit fördern. Die Lerntheken-Aufgaben sollten möglichst ohne oder mit sehr wenig Hilfestellung durch die Lehrkraft zu bewältigen sein. Sie eignet sich vor allem für Übungsformate bei bekanntem Inhalt.
  • Die Aufgabenformate der Lerntheke sollten den Schülern gut bekannt sein. Das Erlernen des jeweiligen Aufgabenformats erfolgt zweckmäßiger Weise getrennt von neuen, anspruchsvollen Inhalten. Es wird mit einfacheren Aufgabenstellungen geübt (das Lernen lernen). Zu Beginn der Lernthekenarbeit werden die Aufgaben daher nur kurz besprochen und auf das aktuelle Thema bezogen.
  • Die einzelnen Aufgaben sollten in sich leistbar sein, d. h. der Arbeitsaufwand sollte so bemessen sein, dass die Schüler dies in angemessener Zeit bewältigen können. Bei quantitativem Vergleich kann man darauf aufmerksam machen, dass XY zwar nur eine einzige Aufgabe geschafft hat, diese aber besonders aufwendig war.
  • Die einzelnen Lernthekenaufgaben sollten strukturiert und geordnet angeboten werden, der Arbeitsablauf soll klar sein. Es empfiehlt sich, Tabletts oder Körbe bereitzustellen, in denen alles benötigte Material vorhanden ist.
  • Die Aufgaben bieten nach Möglichkeit Selbstkontrolle, sofern die Schüler bereits damit umgehen können. Dennoch werden alle Ergebnisse immer auch durch die Lehrkraft kontrolliert.
  • Die Aufgaben werden in Differenzierungsgrade unterteilt, es kann leichte – mittlere – schwere Aufgaben geben (z. B. grün – blau – rot gekennzeichnet) oder je nach Differenzierungsbreite auch mehr Niveaustufen. Es sollte deutlich werden, ob es sich um eine Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit handelt. Für den Anfang fällt es erfahrungsgemäß leichter, wenn die Schüler in Einzelarbeit Aufgaben bewältigen.
  • Es ist ausreichend und wirkt motivierend, wenn die ästhetisch gestalteten Materialien jeweils nur einmal vorhanden sind.
  • Die Stationen berücksichtigen die Lernniveaustufung enaktiv – ikonisch – symbolisch und bedienen im Idealfall verschiedene Sinneskanäle, um allen Lerntypen gerecht zu werden. Sie zeigen in sich eine stimmige Form von Rhythmisierung durch unterschiedliche Formate und bieten wesentlich mehr Zugänge als lediglich das Bearbeiten von Arbeitsblättern.
  • Die Schüler bestimmen selbst ihr Arbeitstempo. Die Zeitvorgabe sollte allen bekannt gemacht werden, zum Beispiel durch einen Timer, der die Arbeitszeit sichtbar macht, auch wenn die Schüler noch keine Uhrzeit ablesen können. Die Lehrkraft weist einige Minuten vor Arbeitsende darauf hin, sodass die Schüler im Laufe der Zeit immer besser lernen, das eigene Tempo einschätzen zu können. Oft wirkt es demotivierend, wenn ganz kurz vor Ende noch eine neue Aufgabe herangeholt wird, die dann aber nicht mehr abgeschlossen werden kann.
  • Die Ergebnisse werden in pragmatischer Form festgehalten, dies gibt besseren Überblick und gute Feedback-Möglichkeiten. Ein Laufzettel, Arbeitsplan, Kontrollheft oder andere Möglichkeiten werden angefertigt, die mit jedem Schüler mitgehen. In einem angepassten System (z. B. Farben, Symbole) werden hier das jeweilige Arbeitspensum wie auch die Arbeitsergebnisse dokumentiert.
  • Wenn eine Klasse bereits besonders geübt ist, kann die Kontrolle auch gegenseitige Hilfe und Rückmeldung beinhalten, üblicherweise korrigiert in jedem Fall die Lehrkraft. Die Anbahnung von sozialen und kooperativen Lernformen kann in die Lerntheken-Methode mit einfließen.

Auch wenn es so scheint, dass man als Lehrer an sehr viel denken und vieles vorbereiten muss, will man die Lerntheke im Unterricht einsetzen, so überwiegen doch die Vorteile: Sie ermöglichen auch Schülern im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ein weitgehend selbstständiges Lernen.

Claudia Omonsky

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